Werder-Sieg gegen Wolfsburg
„Wir können alle kicken“: Wenn es der Gegner zulässt, zeigen die Werder-Profis ihre fußballerische Klasse
Der SV Werder Bremen gewinnt wieder auswärts und zeigt gegen den VfL Wolfsburg auch seine fußballerische Klasse - weil der Gegner es zuließ. So schätzt Werder den Sieg ein. Der Nachbericht.
Bremen – Marco Friedl schnaufte erst einmal kurz durch. „Es war richtig hart. In der 60. Minute gab es einen Moment, in dem ich gefühlt tot war“, gab der Kapitän des SV Werder Bremen nach dem 4:2-Erfolg beim VfL Wolfsburg sichtlich erschöpft zu. „Es ging schon in der ersten Halbzeit viel hin und her, es war viel Unruhe drin und es wurden auf beiden Seiten viele Fehler gemacht. In der zweiten Halbzeit waren wir dann unfassbar effizient und haben in der Höhe verdient gewonnen.“ Wie schon gegen Hoffenheim hatte Werder auswärts vier Tore erzielt, überhaupt schlagen die Grün-Weißen bislang ausschließlich in der Fremde zu. Zwölf Treffer haben die Bremer in dieser Saison erzielt, allesamt in gegnerischen Stadien. Zehn Punkte wurden fernab der Heimat bereits geholt, nur der FC Bayern und RB Leipzig können da ligaweit mithalten. Und so war Cheftrainer Ole Werner mal wieder gefordert, das Unerklärbare doch irgendwie zu erklären – eben warum seiner Mannschaft das Fußballspielen in anderen Arenen als dem Weserstadion momentan leichter fällt.
Werder Bremen trifft bisher nur auswärts - Marvin Ducksch und Mitchell Weiser sprühen gegen VfL Wolfsburg vor Spielwitz
„Man könnte auf einer heißen Fährte sein, wenn man sich überlegt, gegen wen wir bislang so zu Hause gespielt haben“, sagte der 36-Jährige und lächelte süffisant. Borussia Dortmund, FC Bayern München und SC Freiburg hießen bekanntlich die Gegner des SV Werder Bremen vor eigenem Anhang. „Und das nächste Brett steht mit Leverkusen ja auch schon bevor“, meinte Werner. Am kommenden Samstag ist der amtierende Meister zum Topspiel um 18.30 Uhr (im DeichStube-Liveticker) am Osterdeich zu Gast. Wenn es ganz unglücklich läuft, bekommen die Werder-Fans auch da keinen Treffer ihres Teams zu sehen. Doch so weit will niemand denken. „Wir werden versuchen, von der Qualität und Leistung her an das anzuknüpfen, was wir hier gezeigt haben, damit es auch zu Hause passt“, kündigte Ole Werner bereits an und versprach: „Die Herangehensweise ist bei uns immer identisch. Die Dinge, die wir anpassen, passen wir aufgrund des Gegners und des eigenen Personals an und nicht etwa, weil wir vor dem Spiel in einer anderen Kabine sitzen.“
Auch Felix Agu hatte nicht DIE eine simple Erklärung parat, der Torschütze zum zwischenzeitlichen 2:1 probierte es aber schelmisch mit einer speziellen Sicht auf das Heim-/Auswärts-Ungleichgewicht des SV Werder Bremen: „Man könnte ja sagen, so wie die Fans heute da waren, war es auch ein Heimspiel. Da haben wir denen ein paar Tore geschenkt.“ Die zahlreichen Werder-Anhänger hatten in der Volkswagen-Arena wahrlich wieder für eine Topstimmung gesorgt, in puncto Lautstärke spielend das Kommando übernommen. Und sie waren mit reichlich Bremer Höhepunkten belohnt worden. Marvin Ducksch und Mitchell Weiser sprühten nur so vor Spielwitz, legten sich überaus elegant gegenseitig die Tore zum 1:1 und 3:1 auf. Im zweiten Abschnitt klappte dann auch das Zusammenspiel mit Marco Grüll, der sich prompt mit seinem ersten Bundesligatreffer belohnte und den Sieg endgültig festzurrte.
Werder Bremen nach VfL Wolfsburg-Spiel „überrascht, dass wir so frei Fußball spielen konnten“
Kurzum: Werder Bremen zeigte am Ball das, was immer gezeigt werden soll. Doch es muss eben auch der Gegner mitmachen. Und das tat der VfL. „Wir haben ehrlicherweise nicht damit gerechnet, dass wir so viel Platz im Mittelfeld bekommen. Wir dachten, dass Wolfsburg uns direkt vorne anläuft, das haben sie aber nicht gemacht“, meinte Marco Friedl. „Es hat uns schon überrascht, dass wir so frei Fußball spielen konnten.“ Gegen Freiburg hatte das zuletzt noch anders ausgesehen. Die Breisgauer boten wenig an, Werder tat sich entsprechend schwer. Es ist also nicht die Frage, ob die Bremer Profis offensiv kreativ sein können, sondern schlichtweg wie. Die Mannschaft braucht folglich Lösungen für jede Lebenslage, gegen den VfL Wolfsburg hat sich gezeigt, was dann alles möglich ist. „Wir tauschen derzeit immer ein bisschen die Positionen, aber wir können alle kicken“, betonte Mitchell Weiser. „Heute sind uns die Details wie Pässe und Ballannahmen gelungen. Wir haben uns gegenseitig besser gemacht und dann kannst du viele Chancen kreieren.“
Werder Bremen nach Sieg in Wolfsburg mit 11 Punkten auf 8. Platz der Tabelle: Viertel des 40-Punkte-Ziels erreicht
Exakt dieses Miteinander war auch für Ole Werner der Schlüssel. „Das waren richtige Teamtore“, lobte er. „Das gesamte Zusammenspiel in der vorderen Reihe und auf den Flügeln war gut. Auch über Marco Friedl, Julian Malatini und Anthony Jung beziehungsweise später Amos Pieper haben wir eine gute Spieleröffnung gehabt. Senne Lynen und Leo Bittencourt haben es zudem sehr konzentriert gemacht im Zentrum und sehr gut Räume freigezogen.“
Zur Belohnung gibt es mit elf Zählern Tabellenplatz acht. Nach sieben Spieltagen hat Werder Bremen also schon mehr als ein Viertel des Minimalziels namens 40-Punkte-Marke erreicht. Der Blick muss nicht nach unten gehen, verhältnismäßig unbesorgt kann im Hier und Jetzt die Feinarbeit in Angriff genommen werden. Damit eben bald auch im Weserstadion gejubelt werden kann. „Wenn wir eine Leistung wie heute zeigen, dann wird mit der Unterstützung der Zuschauer auch gegen Leverkusen etwas möglich sein für uns“, ist sich Ole Werner sicher. Auch Felix Agu hat Appetit auf mehr: „Vielleicht muss der Knoten einmal zu Hause platzen und dann geht‘s da auch los.“ Die Fans würde es freuen. (mbü)