Taktik-Analyse

Auftakt vergeigt! Was bei Werder Bremen unter Horst Steffen taktisch alles anders läuft

Auf eine dürftige Vorbereitung folgt das Pokalaus: Werder Bremen startet mit vielen Fragezeichen in die neue Saison. Doch gegen Arminia Bielefeld war die Handschrift des neuen Trainers Horst Steffen bereits gut zu erkennen. Warum am Ende trotzdem eine Niederlage stand, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Bielefeld/Bremen – Werder Bremen befindet sich im größten Umbruch seit Jahren. Zwar blieb der Kader in weiten Teilen unverändert. Doch der Trainerwechsel von Ole Werner zu Horst Steffen bedingt einen kompletten Kurswechsel. Der neue Coach möchte einen gänzlich anderen Fußball sehen als sein Vorgänger: geradliniger, flacher, riskanter.

Beim Pflichtspiel-Auftakt gegen Arminia Bielefeld ging Steffens neuer Plan noch nicht auf. Werder Bremen verlor beim letztjährigen Pokalfinalist 0:1. Schuld daran war eine Gelb-Rote Karte – und Werders Unvermögen, einen spielerisch guten Auftritt in Torchancen umzumünzen.

Neuer Coach, neuer Spielstil beim SV Werder Bremen: Das DFB-Pokal-Aus gegen Arminia Bielefeld und die Taktik von Trainer Horst Steffen in der Analyse.

Nach Pflichtspiel-Debüt von Horst Steffen: Neue Abwehrformation, neues Pressing beim SV Werder Bremen

Dass unter Steffen kaum ein Stein auf dem anderen bleibt, zeigte sich bereits bei der Aufstellung. Der neue Coach hat das unter Werner praktizierte 5-2-3-System abgeschafft. Werder Bremen begann im Pokalspiel in einem 4-2-3-1. Zugleich agierte Werder deutlich raumorientierter, was bedeutet, dass sie nicht mehr so nah am Mann verteidigen wie in der vergangenen Saison.
Die damit einhergehenden Veränderungen zeigten sich gegen Bielefeld vor allem im Pressing. Werders Spieler setzten den Gegner permanent unter Druck. Die Arminen versuchten zwar, das Spiel aus dem eigenen 4-3-3 flach zu eröffnen. Doch die Bremer störten sie bereits am Strafraum.

Werder Bremen nutzte im Pressing eine 4-4-2-Formation. Marco Grüll und Romano Schmid liefen in vorderster Linie an. Sie achteten darauf, die Zuspielwege zwischen den gegnerischen Innenverteidigern zu kappen. Dahinter rückten die Bremer Spieler aggressiv auf die Gegenspieler, sobald Bielefeld einen Querpass spielte. Leonardo Bittencourt rückte weit heraus, auch die Außenstürmer standen ihren Gegenspielern auf den Füßen.

Die Außenverteidiger des SV Werder Bremen mussten ebenfalls proaktiv vorrücken. Sie waren dafür zuständig, nach einem gegnerischen Pass an die Seitenlinie sofort zu pressen. So rückten Maximilian Wöber und Felix Agu weit heraus. Die zurückbleibende Dreierkette musste die Tiefe sichern.

Dieses Pressing funktionierte vor allem in der ersten Halbzeit überraschend gut. Arminia Bielefeld tat Werder Bremen den Gefallen, das Spiel flach über die Flügel zu eröffnen. Werder gelang es, die Zuspielwege zwischen den Verteidigern zu kappen. Einzig die Anzahl der Balleroberungen hätte höher ausfallen können; Werders Außenspieler gewannen nicht jeden Zweikampf.

Taktik-Analyse zu Werder Bremens DFB-Pokal-Aus in Bielefeld: Der flache Diagonalpass im Aufbau

Nicht nur im Pressing agierte Werder Bremen deutlich riskanter als unter Werner. Auch der Spielaufbau war völlig anders gegliedert. Werder wollte praktisch durchgehend das Spiel flach eröffnen. Immer wieder jagte Marco Friedl flache Pässe ins zentrale oder offensive Mittelfeld. Mit Ablagen und Doppelpässen wollte Werder anschließend Tempo aufnehmen.

Die Bremer Spieler positionierten sich dabei leicht asymmetrisch: Agu rückte auf rechts etwas weiter vor als Wöber auf der anderen Seite. Auf links wiederum zog Linksaußen Patrice Covic ins Zentrum. Rechtsaußen Justin Njinmah hielt seine Position.
Der Spielfluss war damit klar geregelt: Die Grün-Weißen wollten das Spiel von der halblinken Seite aus über Friedl, Wöber und Covic eröffnen. Anschließend sollten sie den Ball diagonal auf die halbrechte Seite passen. Das funktionierte in vielen Situationen bereits gut. Werder fand häufig Romano Schmid, der mit direkten Pässen in die Spitze das Tempo verschärfte.

Wenig Torchancen trotz Dominanz für Werder Bremen – das Pokalaus bei Arminia Bielefeld in der Taktik-Analyse

Mit dem aggressiven Pressing und dem riskanten Spielaufbau dominierte Werder Bremen die Partie. Arminia Bielefeld verlor viele Bälle, während die Gäste immer wieder die Räume im Mittelfeld bespielen konnten.

Das Problem: Werders optische Dominanz führte kaum zu Torchancen. Bremen zeigte sich zwar im ersten wie zweiten Drittel passsicher. Ging es aber in Richtung Tor, fehlte die Durchschlagskraft. Das zeigte sich nicht nur bei Flanken, wenn der Strafraum zahlenmäßig nicht gut besetzt war. Auch wenn Njinmah oder Grüll hinter die Abwehr geschickt wurden, agierten sie oftmals zu verschnörkelt. Werder Bremen fehlt ein Spielertyp, der spätestens mit dem zweiten Kontakt den Torabschluss sucht.

Platzverweis entscheidet die Partie zwischen Werder Bremen und Arminia Bielefeld – die Taktik-Analyse

Die spielentscheidende Szene ereignete sich derweil in der 54. Minute. Leonardo Bittencourt grätschte zweimal binnen kürzester Zeit seinen Gegenspieler um. Er sah die Gelb-Rote Karte. Hier offenbarten sich die Tücken von Steffens hohem Pressing: Schlägt es schief, müssen die Sechser des SV Werder Bremen schnell zurückeilen, um die Lücken im Zentrum zu schließen. Bittencourt fehlte in beiden Situationen die Handlungsschnelligkeit.

In Unterzahl agierte Bremen deutlich passiver. Schmid wechselte ins zentrale Mittelfeld. Werder Bremen verteidigte in einem 4-4-1. Bei Bielefeld zog sich Sechser Stefano Russo in die Abwehrkette zurück. Arminia Bielefeld baute das Spiel aus einer 3-4-3-Formation auf. Den Hausherren fehlte allerdings die Anbindung zwischen tiefer Sechs und den hohen Außenspielern. Werders Versuche, Konter über den eingewechselten Samuel Mbangula (61., für Njinmah) zu starten, fruchteten ebenfalls nicht. Es gab kaum Chancen auf beiden Seiten.

Lange sah es so aus, als könne sich Werder Bremen in die Verlängerung retten. Doch Arminia Bielefeld schlug in der Nachspielzeit zu. Nach einem Ballverlust rückte Werders Abwehrkette weit nach links, wodurch der eingewechselte Ex-Bremer Isaiah Young auf der gegenüberliegenden Seite völlig frei stand.

Für Trainer Horst Steffen bedeutet das Pokalaus einen Fehlstart. Zwar präsentierte Werder Bremen bereits viele Facetten, die der neue Coach sehen will. Doch gerade offensiv und in der Konterabsicherung griffen noch nicht alle Rädchen ineinander. Die Zeit drängt: Der Saisonstart gegen Frankfurt, Leverkusen und Gladbach könnte härter kaum sein. Es gibt nicht viel Eingewöhnungszeit für den neuen Trainer, der alles anders machen will als sein Vorgänger.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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