Werder-Pleite in der Analyse

Taktik-Analyse: Rekordverdächtiger Ballbesitz, aber keine Tore - was Werder gegen Augsburg fehlte

Werder Bremens Trainer Ole Werner (re.) versuchte an der Seitenlinie alles, um die Niederlage seiner Mannschaft gegen den FC Augsburg zu verhindern. Doch es half nichts.
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Werder Bremens Trainer Ole Werner (re.) versuchte an der Seitenlinie alles, um die Niederlage seiner Mannschaft gegen den FC Augsburg zu verhindern. Doch es half nichts.

Gegen den FC Augsburg verbucht Werder Bremen in der zweiten Halbzeit fast 80 Prozent Ballbesitz. Am Ende bleiben die Grün-Weißen dennoch ohne Treffer, weil ihnen die Mittel fehlten. Warum Werder bei der 0:2-Niederlage offensiv harmlos blieb und was die Zahl 47 damit zu tun hat, analysiert Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.

Viel Ballbesitz, keine Tore: Auf diese einfache Formel lässt sich Werder Bremens 0:2-Niederlage gegen den FC Augsburg kürzen. Dass ein hoher Ballbesitzwert nicht gleich viel Torgefahr bedeuten muss, dürfte mittlerweile zum letzten Fußball-Fan durchgedrungen sein. Dennoch mutet Werders Niederlage angesichts des rekordverdächtigen Ballbesitzwertes kurios an: Insgesamt lag Werders Ballbesitz bei 71 Prozent. Betrachtet man nur die zweite Halbzeit, stieg er sogar auf 78 Prozent. Das sind Werte, die selbst der FC Bayern München nur an wenigen Spieltagen erreicht. Warum gelang es den Bremern trotz dieser Ausgangslage nicht, zumindest einen Treffer zu erzielen?

Werder Bremens Pleite gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Mann gegen Mann auf dem gesamten Feld

Ole Werner ließ sich vom enttäuschenden 3:3 gegen Heidenheim nicht beirren. Werders Coach nahm nicht mehr personelle Änderungen vor als unbedingt nötig. Kapitän Marco Friedl kehrte nach einer Gelbsperre zurück in die Startelf. Senne Lynen musste angesichts einer Sperre hingegen passen. Jens Stage übernahm seine Position auf der Sechs. Leonardo Bittencourt kam neu in die Startformation und füllte die vakante Position als halbrechter Mittelfeldspieler. Werder Bremen begann in der bekannten 5-2-3-Formation.

Augsburgs Trainer Jess Thorup schickte seine Mannschaft ebenfalls in einem 5-2-3 auf das Feld. Die Formationen beider Teams spiegelten sich. Jeder Spieler auf dem Feld sah sich einem direkten Gegenspieler gegenüber. der FC Augsburg nutzte diese Mann-gegen-Aufstellung in der Anfangsphase, um über ein hohes Pressing Druck auszuüben. Gerade wenn Werder Bremen den Ball auf den Flügel spielte, blieb der FCA eng am Gegenspieler.

Die Grafik zeigt Augsburgs enge Defensive. Das Zentrum blockierten sie über die einrückenden Außenstürmer. So blieb Werder Bremen nur der Weg über die Außen.

Taktik-Analyse: Werder Bremen und die Probleme mit der Restverteidigung

Werder Bremen versuchte trotzdem, das Spiel über die Flügel zu eröffnen. Romano Schmid und Bittencourt rückten immer wieder weit auf den Flügel heraus. Sie sollten auf der Seite anspielbereit sein. Zugleich sollten sie damit den Passweg in die Spitze öffnen. Werder setzte auf die gewohnten Mechanismen im Spielaufbau: Mit flachen Pässen soll der Gegner auf einen Flügel gelockt werden. Anschließend wird der Ball direkt in die Spitze oder auf den gegenüberliegenden Flügel gespielt. Schon gegen RB Leipzig haben diese Kombinationen zu mehreren Ballverlusten geführt. Das ist zunächst einmal nicht untypisch: Werder geht viel Risiko ein, wenn sie den Ball über mehrere Stationen spielen. Am Flügel wiegt ein solcher Ballverlust jedoch weniger schwer als im Zentrum. Gleichzeitig lassen sich so Spieler des Gegners aus dem Zentrum locken.

Werder Bremens Problem sind nicht die Ballverluste an sich – sondern die Reaktion auf diese Fehler. Schon gegen Leipzig funktionierte die Restverteidigung nicht optimal. Auch gegen Heidenheim benötigte Werder zu lange, um nach einem missglückten Gegenpressing in eine kompakte Formation zurückzukehren. Gegen den FC Augsburg setzten sich diese Schwierigkeiten fort. Vor dem 0:1 rückte die Abwehr nicht konsequent heraus, sodass Arne Maier im Zehnerraum völlig frei an den Ball kam. Friedl verlor im Anschluss den entscheidenden Zweikampf. Samuel Essende nutzte die Patzer gnadenlos aus (5.).

Werder Bremens Pleite in der Taktik-Analyse: FC Augsburg zieht sich zurück

Dem FC Augsburg spielte die frühe Führung in die Karten. Sie zogen sich fortan in eine kompaktere Ordnung zurück. Die Außenverteidiger verblieben tief, sodass der FCA in einem 5-4-1 verteidigte. Auffällig war dabei die enge Rolle der Außenstürmer: Sie rückten weit ins Zentrum. So schlossen die Augsburger die Spielfeldmitte. Sie zwangen Werder Bremen, früh den Pass auf die Flügel zu wählen. Werder sah sich in die Rolle des Spielgestalters gedrängt. Schmid ließ sich dafür fortan permanent ins Mittelfeld fallen; Werder agierte mehr aus einem 5-3-2 denn aus einem 5-2-3. Weiterhin bewegten sich Schmid und Bittencourt vom Zentrum aus häufig auf den Flügel. Werder wollte hier Überzahlen schaffen.

Nur selten gelang es den Bremern, ihre Flügelbesetzung auszuspielen. Werders bekannte Kombinationswege – vom Flügel über Doppelpässe ins Zentrum – blockierte der FCA über eine enge Deckung. Im Zentrum standen die Augsburger eng an ihren Gegenspielern. Im Zweifel halfen sie sich mit einem Foul aus. Werder Bremen kam selten vor das Tor.

Werder Bremens Pleite gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Zweite Halbzeit auf ein Tor – aber ohne Torgefahr

Der FCA setzte kaum mehr offensive Akzente. Nur einmal kamen sie vor der Pause noch vor Werders Tor: In der Nachspielzeit zeigte sich Werder zu unentschlossen im Gegenpressing. Augsburg setzte den Angriff über den linken Flügel fort, nach einem einfachen Doppelpass kam Linksverteidiger Dimitris Giannoulis zur Flanke. Essende traf. Für die zweite Halbzeit war Werder Bremens Aufgabe klar umrissen: Sie mussten gegen einen immer defensiver auftretenden Gegner Chancen erspielen. Nach einer Stunde stellte Thorup auf ein 5-3-2-System um, der FC Augsburg verdichtete das Zentrum noch stärker.

Und Werder Bremen? Fiel in dieser Phase wenig ein, wie sie in den Strafraum gelangen wollten. Zwar rückte Stage nun weiter vor. Er sprintete schon als Sechser ständig in den Strafraum; nach der Einwechslung von Skelly Alvero (65.) agierte er gänzlich als Zielspieler im Zentrum. Doch obwohl gleich mehrere Flanken bei Stage landeten, konnte er diese Hereingaben nicht in Großchancen ummünzen.

Werder Bremens Pleite gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: 47 Flanken, null Tore

Mit seinen Wechseln veränderte Ole Werner die Statik seiner Mannschaft nicht. Stattdessen wurde mit jeder Minute der Fokus auf hohe Hereingaben augenfälliger. Insgesamt 47 Flanken schlug Werder Bremen in den Strafraum. Vor dem Spiel lag ihr Saisonschnitt bei 18. 35 dieser Flanken landeten beim Gegner. Werders Problem lautete, dass sie überhaupt erst auf diese Hereingaben angewiesen waren. Werder fehlt aus dem Spiel heraus ein Abnehmer für Flanken. So ist es keine Überraschung, dass die Hälfte der zwanzig Bremer Torschüsse nach Standards zustande kam. Aus dem Spiel heraus blieb Werder blass.

So konnten die Bremer ihre 70 Prozent Ballbesitz nicht in echte Torgefahr umwandeln. Für Werder war es schlicht eine zu große Aufgabe, eine kompakt verteidigende Augsburger Mannschaft auseinanderzuspielen. Sorge sollte den Bremern jedoch vor allem die Konterabsicherung machen. Neun Gegentreffer hat Werder Bremen im Jahr 2025 bereits kassiert, das macht mehr als ein Viertel aller Gegentreffer in dieser Saison. An dieser Schwachstelle muss Werner ansetzen, möchte Werder in Zukunft nicht wieder 85 Minuten einem Rückstand hinterherlaufen.

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