Werder verliert deutlich
Wie Benjamin Sesko die Werder-Abwehr düpierte: Die Niederlage gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse
Nach vier Pflichtspiel-Siegen in Folge verliert Werder Bremen bei RB Leipzig mit 2:4. Werder agierte zwar mutig und wusste im Pressing zu überzeugen. Allerdings fand RB gute Lösungen gegen Bremens Defensive. Werder wiederum konnte die Top-Stürmer der Leipziger nicht aufhalten, analysiert Kolumnist Tobias Escher in der Taktik-Analyse.
Werder Bremen reiste mit viel Selbstbewusstsein nach Leipzig. Das Jahr 2024 endete für die Grün-Weißen mit vier Pflichtspiel-Siegen in Folge. Werder konnte diese Form jedoch nicht gänzlich ins neue Jahr hinüberretten: Die Bremer scheiterten nicht nur an einem individuell stärkeren Gegner – sondern auch an eigenen Fehlern in der Abwehr, die so lange nicht mehr zu sehen waren.
Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Mannorientierungen auf beiden Seiten
Ole Werner wollte 2025 dort weitermachen, wo seine Mannschaft 2024 aufgehört hatte. Werder Bremen begann die Partie mit derselben Aufstellung wie beim 4:1-Erfolg gegen Union Berlin. Das bedeutete, dass sich die Mannschaft in einem 5-2-3 aufstellte. RB Leipzigs Trainer Marco Rose entschied sich hingegen, nach der klaren 1:5-Niederlage gegen Bayern München radikal umzubauen. Mit Xavi Simons und David Raum meldeten sich zwei Schlüsselspieler nach langer Verletzungspause zurück. Rose nahm dies zum Anlass, seine taktische Formation zu wechseln. Leipzig startete nicht im gewohnten 4-2-2-2-System, sondern spiegelte Bremens 5-2-3-Formation.
Auf beiden Seiten entstanden dadurch überall auf dem Feld direkte Duelle. RB Leipzig lief die drei Bremer Innenverteidiger mit drei Angreifern an. Werder Bremen tat es den Gastgebern gleich. In der Anfangsviertelstunde gab es auf beiden Seiten zahlreiche direkte Duelle, aber auch viele Ballverluste. Ein hektisches wie kampfbetontes Spiel entstand.
Taktik-Analyse: RB Leipzig zieht Werder Bremen in die Länge
Werder setzte auf die gewohnten Abläufe im Offensivspiel. Die Bremer versuchten, den Gegner in ein hohes Pressing zu locken. Anschließend wurde mit direkten und riskanten Pässen der Weg auf den Flügel gesucht. Von hier kombinierte sich Werder in Richtung Zentrum durch. Vor allem Mitchell Weiser sprengte die direkte Zuordnung des Gegners: Immer wieder schoss er vom rechten Flügel ins Zentrum, sobald Marvin Ducksch oder Romano Schmid ihm entgegenkamen. RB Leipzigs Offensivplan setzte auf weniger elegante Kombinationen. Sie nutzten eher die Brechstange: Sie wollten Werder Bremens Formation in die Länge ziehen und anschließend direkt aus der Abwehr in die Spitze spielen. Ein Mittelfeldspieler ließ sich häufig fallen. Im Leipziger Spielaufbau entstand eine Viererkette. Dadurch hatten die Leipziger im Aufbau eine Vier-gegen-Drei-Überzahl.
Die übrigen Akteure orientierten sich nach vorne. Die Außenverteidiger sowie die drei Stürmer standen derart hoch, dass fast schon eine Art 4-1-5-Formation entstand. Leipzigs Spielidee lautete, das Mittelfeld der Bremer herauszulocken, um anschließend gegen Werders Abwehr in Eins-gegen-eins-Duelle zu gelangen. Benjamin Sesko sollte die langen Bälle halten. Wenn Marco Friedl ihm folgte, starteten sofort die umstehenden Leipziger Spieler in die Lücke. Immer wieder spielte Leipzig den (häufig recht plumpen) Pass an die letzte Linie.
Taktik-Analyse: RB Leipzig bestraft eiskalt Werder Bremens haarsträubende Fehler
Gäbe es im Fußball eine B-Note, hätte Werder Bremen eine höhere Wertung erzielt als die Leipziger. Wenn ihr Kombinationsfußball funktionierte, konnten die Leipziger mit ihrer mannorientierten Defensive kaum folgen. So ging Mitchell Weisers Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 eine Kombination voraus, die Werder binnen weniger Pässe vom linken Flügel bis vor das Tor führte (26.). Im Fußball zählt jedoch nicht das Wie. Werder schoss ein Tor – RB Leipzig bis zur 47. Minute jedoch drei. Den Bremern gelang es in den entscheidenden Momenten nicht, Zugriff zu erlangen auf Ballhalter Sesko. Es half hierbei nicht, dass Friedl bereits in der elften Minute die Gelbe Karte gesehen hatte. Anschließend konnte er nur noch gehemmt gegen Sesko vorgehen.
So half Werder Bremens Abwehrkette bei den Gegentoren kräftig mit. Beim ersten Gegentor (23.) verfolgte Anthony Jung nach einem Einwurf seinen Gegenspieler nur unzureichend. Derrick Köhn verpasste es zudem, die sich öffnende Lücke zu schließen. Dem 1:2 (35.) ging ein Fehlpass voraus, anschließend rückten weder Friedl noch Jung aggressiv heraus auf Torschütze Xavi Simons. Auch das 1:3 kurz nach der Pause wurde durch einen Fehlpass - dieses Mal von Weiser - eingeleitet. Abermals rückte kein Innenverteidiger heraus, um den Schuss von Sesko zumindest zu blocken.
Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen RB Leipzig: Mutig trotz Rückstand
Immerhin zeigte Werder Bremen nach dem 1:3 eine Reaktion. Milos Veljkovic war bereits in der Halbzeitpause für Friedl ins Spiel gekommen. Jens Stage rückte nun weiter nach vorne. Werders Formation glich in der Offensive nun einem 3-1-4-2. Gerade im Halbraum hatten die Bremer viel Präsenz, um immer wieder Pässe in gefährliche Zonen zu spielen. Wie bereits in der ersten Halbzeit setzte sich aber nicht die spielerische Finesse durch – sondern die höhere individuelle Klasse. RB Leipzig gelang es immer wieder, gegen die weit aufgerückte Bremer Mannschaft zu Kontern zu gelangen. Die Vier-Mann-Absicherung reichte nicht, um die vorrückenden Außenverteidiger der Leipziger im Umschaltmoment aufzunehmen. Vor allem Leipzigs Rechtsverteidiger Antonio Nusa stellte nach der Pause seine Klasse unter Beweis.
In der 65. Minute stellte RB-Coach Rose sein System um. Mit der Einwechslung von Christoph Baumgartner (für Simons) agierte RB Leipzig aus einem 5-3-2. Sie kontrollierten nun wieder die Halbräume. Gleichzeitig wechselte Nusa von der rechten auf die linke Seite. Hier strahlte er noch mehr Torgefahr aus. Werders großes Glück lautete, dass Leipzig im Laufe des Spiels die Effizienz abhandenkam. Von ihren ersten sechs Schüssen landeten noch drei im Tor, von den folgenden zwölf zappelte nur einer im Netz (90.). Der Treffer von Oliver Burke in der Nachspielzeit war nur noch Ergebniskosmetik. Werder Bremen verlor verdient mit 2:4.
Werder Bremen startet mit einer Niederlage in das neue Jahr. Das war in Leipzig durchaus zu erwarten, zumal die Rückkehrer Simons und Raum sowie Stürmer Sesko und Außenläufer Nusa fabelhafte Einzelleistungen zeigten. Auch in Normalform wäre ein Sieg für Werder nur schwer möglich gewesen. Angesichts der Patzer in der Abwehr fiel die alljährliche Niederlage in Leipzig deutlicher aus als nötig.
