Nach Werders 1:1 beim VfL Bochum
Taktik-Analyse: Warum sich Werder gegen den VfL Bochum so schwertat
Werder Bremen verpasste es gegen den VfL Bochum über weite Strecken der Partie, Lösungen anzubieten gegen den intensiven Spielstil des Gegners. Nur der Mut der Verzweiflung rettete die Grün-Weißen vor der Niederlage, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Dass Werder Bremens Gastspiel beim VfL Bochum nicht leicht wird, war abzusehen. Werder holte vor diesem Spiel auswärts nur zwei Punkte. Die Bochumer sind wiederum bekannt für ihre Heimstärke. Seit ihrem Aufstieg vor zweieinhalb Jahren verloren die Bochumer nur 13 ihrer 41 Heimspiele – und das, obwohl sie den meisten Bundesligisten individuell unterlegen sind. Entsprechend froh waren die Bremer, dass sie einen Punkt aus dem Ruhrstadion entführen konnten. Der Weg dahin entpuppte sich als noch steiniger als erwartet.
Taktik-Analyse: Werder Bremen und die Rechtslastigkeit
Ole Werner veränderte die Startelf im Vergleich zum 2:2 gegen RB Leipzig nur auf einer Position: Niklas Stark begann für Christian Groß in der Abwehrkette. Werder Bremen ging somit erneut in einer 3-4-3-Formation in das Spiel. Rafael Borré agierte jedoch nicht durchgehend als dritter Angreifer. Gerade im Spiel gegen den Ball ließ er sich fallen und half im Mittelfeld aus. Es ist kein Geheimnis, dass Werders Spielaufbau eine gewisse Rechtslastigkeit kennzeichnet. Mitchell Weiser interpretiert seine Rolle auf dieser Seite äußerst offensiv. Auch gegen Bochum agierte er mehr wie ein Rechtsaußen denn wie ein Rechtsverteidiger. Niklas Stark rückte weit auf diese Seite, um die Lücke hinter Weiser zu füllen. Linksverteidiger Felix Agu hielt sich hingegen offensiv zurück. Im Spielaufbau entstand so häufig eine Viererkette.
In den ersten Minuten gelang Werder Bremen einige Male der Durchbruch über Weisers Seite. Justin Njinmah stand im Halbraum für dessen Pässe bereit. Hier lauerte er an der Kante zum Abseits. Der VfL Bochum fiel in der Anfangsphase auf Werders Angriffe über diese Seite rein. Torgefahr strahlte Werder jedoch nicht aus.
Werder Bremen in der Taktik-Analyse: Die Asymmetrie beim VfL Bochum
Nach einer Viertelstunde begannen die Hausherren, das Spiel zu dominieren. Sie begannen die Partie im 4-3-3. Auch ihre Aufstellung kennzeichnete eine Asymmetrie: Linksaußen Christopher Antwi-Adjei versuchte, die Lücke hinter Mitchell Weiser zu besetzen. Rechtsaußen Matúš Bero wiederum rückte häufig in die Mitte. Er stellte im Zentrum mit dem Dreier-Mittelfeld eine Überzahl her. Mit dieser Aufstellung konterten die Bochumer das Spiel des SV Werder Bremen über Weiser. Durch Beros Einrücken konnten sich die Mittelfeldspieler in Richtung Weiser orientieren. So gelang es dem VfL Bochum, nach Ballverlusten die offensiven Läufe von Weiser sofort aufzunehmen. Werder kam nicht mehr zu Umschaltgelegenheiten.
Dass Bochum ab dieser Phase feldüberlegen wirkte, hatte indes andere Gründe. Werder Bremen stellte nach der Anfangsphase das hohe Anlaufen fast vollständig ein. Borré zog sich ins Mittelfeld zurück, um einen gegnerischen Sechser zu decken. So hatte Bochum in der ersten Aufbaulinie mindestens einen, häufig sogar zwei Akteure Überzahl. Zudem bezogen die Bochumer Verteidiger ihren Torhüter Manuel Riemann ins Aufbauspiel ein.
Taktik-Analyse: Werder Bremen stört den VfL Bochum nach der Anfangsphase kaum mehr
Der VfL Bochum setzte in dieser Phase auf ruhigen Ballbesitzfußball – wobei die Betonung auf „ruhig“ liegt. Die Bochumer spielten viele Querpässe, sie wagten sich aber kaum aus der eigenen Hälfte heraus. Falls doch, taten sie dies nur über lange Bälle. Werder konnte diese hohen Bälle zwar klären. Meist gewann jedoch Bochum den zweiten Ball und das Spiel begann von Neuem: Bochum ließ den Ball laufen, Werder Bremen ließ sie gewähren, bis der lange Ball folgte. So entstand in der ersten Halbzeit ein Fußballspiel, das an Zähigkeit kaum zu übertreffen war.
Nach der Pause schaltete der VfL Bochum einen Gang hoch. Sie versuchten nun, ihre Überzahl im Zentrum bewusster auszuspielen. Zugleich agierte Linksverteidiger Bernardo offensiver. So war Weiser durchgehend defensiv gebunden. Der Führungstreffer resultierte jedoch aus einem Bremer Fehler: Leonardo Bittencourt und Jens Stage orientierten sich im zentralen Mittelfeld zu zweit auf Kevin Stöger. Patrick Osterhage stand dadurch im linken Halbraum völlig frei. Sein Schuss vom Strafraumrand landete unhaltbar im Torwinkel (64.).
Werder Bremen müht sich gegen den VfL Bochum, bleibt aber weitgehend ideenarm - die Taktik-Analyse
Ole Werner reagierte auf den Rückstand. Mit Romano Schmid und Dawid Kownacki kamen zwei neue Offensivkräfte. Wenige Minuten später wechselte er noch Nick Woltemade ein. Werder Bremen agierte fortan im klassischen 5-3-2: Woltemade und Schmid agierten als Achter hinter Kownacki und Marvin Ducksch. Zunächst schien es, als ob Werder in der neuen Formation wieder an die Anfangsphase anknüpfen könnte. Über die rechte Seite überspielte Werder zweimal die Bochumer Abwehr. Danach war es aber vorbei mit der Herrlichkeit. Bochum intensivierte die Defensivbemühungen. Mit ihrem hohen 4-3-3-Pressing ließen sie Werder nicht in Ruhe aufbauen. Werder versuchte zwar, der Intensität der Bochumer mit viel Einsatz zu begegnen; dieser beschränkte sich jedoch auf Fouls, kleine Nickligkeiten und Diskussionen mit dem Schiedsrichter.
Erst in der Schlussphase kam Werder Bremen zu klaren Torchancen. Besonders nach Standardsituationen wirbelten die Angreifer die gegnerische Abwehr durcheinander. Die Innenverteidiger hielt nun nichts mehr hinten. Werder versuchte, sich flach über die Flügel in den Strafraum zu kombinieren. In der Nachspielzeit war das Glück auf Bremer Seite: Niklas Starks abgefälschter Schuss aus der zweiten Reihe landete im Winkel. Werder Bremens Leistung hatte Licht und Schatten. Der fast vollständige Verzicht auf ein Angriffspressing sorgte dafür, dass die Bochumer bis zum Führungstreffer 55 Prozent Ballbesitz sammelten. Zugleich verteidigte Werder kompakt genug, um die Angriffe des VfL Bochum aufzuhalten – mit Ausnahme weniger Situationen, so etwa vor dem 0:1. Der Ausgleichstreffer kurz vor Schluss war mehr eine Willensleistung denn taktischen Überlegungen geschuldet. Trotzdem darf Werder sich am Ende über einen nicht unverdienten Punkt freuen.
