Werder-Sieg in der Taktik-Analyse
Taktik-Analyse: Starke Defensive als Grundstein für Werder-Sieg - welchen schwerwiegenden Fehler RB Leipzig machte
Taktik-Analyse: Starke Defensive als Grundstein für Werder Bremens Sieg: Welchen schwerwiegenden taktischen Fehler RB Leipzig machte!
Der SV Werder Bremen feiert gegen RB Leipzig den ersten Saisonsieg. Die neu zusammengestellte Mannschaft kann sich vor allem auf die eigene Defensive verlassen. Sie profitierte aber auch von einem Gegner, der taktisch schwerwiegende Fehler beging, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Werder Bremens Heimsieg gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Neue Gesichter in der Startelf
Werder Bremens Transferstrategie sorgte für viel Gesprächsstoff. So manch ein Fan beklagte die geringen Investitionen vonseiten des Vereins. Dabei muss man sagen: Das Gesicht kaum einer Bundesliga-Mannschaft hat sich im Vergleich zum Vorjahr stärker verändert als jenes von Werder. Gegen RB Leipzig standen gleich sechs Neuzugänge in der Startelf. So kamen Arthur und Youri Regeer nur wenige Tage nach ihrer Verpflichtung direkt zu ihrem Startelf-Debüt. Vor der Vierer-Abwehrkette agierte mit Marco Grüll gerade einmal ein arrivierter Werderaner.
Die fehlende Eingespieltheit merkte man Werder Bremen kaum an. Die Mannschaft trieb den Gegner mit einer kompakten 4-4-2-Defensive zur Verzweiflung. Die Bremer profitierten jedoch auch von einer Leipziger Elf, die unter einer taktischen Fehleinschätzung ihres Trainers litt.
Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Daniel Thioune nimmt nach Freiburg-Pleite kleine Anpassungen vor
Trainer Daniel Thioune hielt trotz der klaren 1:4-Niederlage gegen den SC Freiburg am grundlegenden taktischen System fest. Werder begann mit einer Viererkette in der Abwehr. Davor postierten sich drei zentrale Mittelfeldspieler, während Eren Dinkci den rechten und Marco Grüll den linken Flügel beackerte. Niclas Füllkrug gab als Stürmer den einsamen Wolf.
In der Praxis sah Werder Bremens Formation leicht verändert aus. Nachdem die Bremer unter Thioune meist in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1 agierten, sah man in dieser Partie durchgehend eine Doppelsechs. Regeer und Ludovit Reis hatten den Auftrag, den Raum vor der Abwehr kompakt zu halten. Gegen den Ball zogen sich die Außenstürmer auf die Höhe der Doppelsechs zurück. Zehner Chuki ging auf eine Höhe mit Stürmer Füllkrug. So verteidigten die Bremer in einem 4-4-2.
Nur selten wagten sich die Bremer aus dieser Formation heraus. In den Anfangsminuten ließ sich ein Plan im Pressing erkennen: Dinkci rückte nach vorne, um zusammen mit Füllkrug und Zehner Chuki den Gegner früh anzulaufen. Bereits in der vierten Minute sorgte eine frühe Balleroberung für den Führungstreffer. Hier zahlte sich die hohe Rolle von Eren Dinkci aus. Er verwertete einen Pass von Chuki.
Werder Bremens Heimsieg gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Die frühe Führung spielt SVW in die Karten
In der Folge wagten sich die Bremer kaum mehr ins hohe Pressing. Das mussten sie auch nicht: Sie verteidigten aus ihrem 4-4-2 heraus die Führung. Werder Bremen zog sich in die eigene Hälfte zurück. Dabei war vor allem die hohe Kompaktheit auffällig: Innenverteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer agierten so eng beieinander, dass kaum Raum zwischen den Linien entstand. RB Leipzig durfte das Spiel ruhig in der eigenen Hälfte eröffnen. Werder Bremen kappte die Zuspielwege und achtete darauf, im Zentrum nicht in Unterzahl zu geraten.
Auf den Flügeln mussten die Außenspieler viel Laufarbeit verrichten. Immer wieder rückten Linksverteidiger Arthur und Rechtsverteidiger Oliver Deman heraus, um zusammen mit den Außenstürmern die gegnerischen Flügelspieler zu doppeln. Dieses Doppeln funktionierte auf der linken Seite herausragend, auf der rechten Seite gab es manches Mal leichte Abstimmungsprobleme. Da Leipzig hauptsächlich über Bremens rechte Seite angriff, fielen diese Schwächen kaum ins Gewicht.
Taktik-Analyse: Werder Bremen verteidigt stark – und RB Leipzig greift schwach an
Der Ton für den Rest der Partie war gesetzt: Werder Bremen verteidigte tief und kompakt. Leipzigs Ballbesitzwert schnellte hoch. Am Ende lag ihr Wert bei 71 Prozent. Trotz dieser hohen Spielanteile kam Leipzig jedoch selten vor das Tor.
Ihre Spielidee sah vor, im Mittelfeld eine Überzahl zu kreieren. Trainer Martin Demichelis hatte Christopher Nkunku als einzigen Mittelstürmer aufgestellt. Den Leipziger Neuzugang hielt nur wenig im Sturmzentrum. Fast durchgehend ließ er sich ins Mittelfeld fallen. Hier bekam er jedoch keine Bälle: Werder verteidigte kompakt und ließ Zuspiele ins Zentrum nicht zu.
Nkunkus tiefe Rolle verschärfte Leipzigs Offensivprobleme: Selbst wenn sie über die Flügel durchbrachen, stand im Zentrum kein Stürmer bereit. Leipzig musste somit Angriffe immer wieder abbrechen. Insofern muss man konstatieren: Dass Werder kaum Torchancen zuließ, lag in Teilen auch am Gegner.
Heimsieg gegen RB Leipzig: Nach der Pause setzt Werder Bremen erfolgreich Nadelstiche
Zumal Werder Bremens defensive Spielweise einen Preis hatte: Die Bremer konnten selbst offensiv kaum tätig werden. Nach Ballgewinnen war der Weg in die Spitze zu lang. Leipzig setzte sofort nach, sodass die Konter bereits im Keim erstickt wurden. Nach der Pause brach Werder aus dem defensiven Korsett aus. Nun zeigte das Team wieder häufiger das hohe Pressing mit Dinkci in vorderster Front. Sie zogen sich aber auch genauso schnell wieder zurück, sobald RB Leipzig das eigene Pressing überspielte. Immerhin gelang es Werder aber auch endlich wieder, in der gegnerischen Hälfte in Erscheinung zu treten. Über einen Eckball erzielte Werder das 2:0 (68.).
RB-Coach Demichelis brach in der Folge das Experiment ohne echten Mittelstürmer ab. In der Schlussphase griffen die Sachsen in einem offensiven 4-3-3 an. Werder Bremen fand nun mehr Räume zum Kontern. Thioune wechselte nach und nach junge und schnelle Spieler ein, um diese Räume zu nutzen. Das 3:0 (80.) besiegelte den Bremer Sieg. Leipzig konnte mit dem 3:1 nur noch Ergebniskosmetik betreiben.
Der überraschend klare Sieg ist Balsam für die Bremer Seele. Bei Werder kam am Samstagnachmittag alles zusammen: Eine perfekte Chancenverwertung traf auf eine kämpferisch wie taktisch starke Defensive. Zugleich profitierte Werder von einem schwachen Gegner. Nun hat Thioune bis zum Spiel gegen Köln Zeit, an der eigenen Offensive zu feilen. Diese wird gegen den Tabellennachbarn der vergangenen Saison stärker gefragt sein. Bis dahin dürfte der erste Saisonsieg die Stimmung in Bremen massiv heben.
Rubriklistenbild: © IMAGO/nordphoto

