Werder-Remis in der Taktik-Analyse
Drama, Baby! Wie Werder gegen Leverkusen das Wunder geschafft hat
1:3-Rückstand, dann noch eine Gelb-Rote Karte: Werder Bremen wirkte gegen Bayer Leverkusen wie der sichere Verlierer. Dann jedoch drehten die Bremer in Unterzahl das Spiel – mit freundlicher Unterstützung des amtierenden Vizemeisters. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.
Bremen – Vielleicht brauchte es ein Wunder, damit Horst Steffen bei Werder Bremen so richtig ankommt. In den vergangenen Wochen lief es für den neuen Trainer noch nicht rund. Auf das Pokal-Aus gegen Arminia Bielefeld folgte eine 1:4-Schlappe gegen Eintracht Frankfurt.
Auch gegen Bayer Leverkusen fremdelte die Bremer Elf über weite Strecken mit den Vorgaben des neuen Trainers. Doch als sich Werder Bremen in Unterzahl bereits auf der Verliererstraße befand, drehte die Mannschaft noch einmal auf – auch dank der Wechsel des Trainers.
Trotz Verletzungen beim SV Werder Bremen: Horst Steffen hält gegen Bayer Leverkusen an seinem Plan fest
Werder Bremens Elf stellte sich angesichts von Verletzungen fast von allein auf. Für die angeschlagenen Verteidiger Marco Friedl und Julian Malatini rückten Karim Coulibaly und Yukinari Sugawara in die Startelf. Im zentralen Mittelfeld begann Patrice Covic für Leonardo Bittencourt, der auf der Bank Platz nahm.
Werder Bremen begann gegen Leverkusen in einer 4-2-3-1-Formation. Im Vergleich zur 1:4-Niederlage in Frankfurt war das Spiel der Bremer etwas weiträumiger angelegt. Justin Njinmah hielt die Position auf der rechten Seite, auch Linksaußen Samuel Mbangula rückte nur selten ein. Wenn die Außenstürmer an den Ball kamen, starteten die Außenverteidiger nach vorne. Sie hinterliefen die Außenstürmer.
Mit diesen Läufen versuchte Werder Bremen, eine Überzahl auf dem Flügel herzustellen. Bayer Leverkusen begann in einer Mischung aus 3-4-1-2- und 3-4-3-System. Die Stürmer liefen in vorderster Linie Werders Innenverteidiger nicht durchgehend an. Dafür deckte die Werkself im Mittelfeld äußerst eng. Covic und Senne Lynen wurden permanent verfolgt. Um diese Deckung zu umgehen, zogen die Grün-Weißen das Spiel in die Breite. Hier verteidigte Leverkusen zumeist nur mit einem Akteur.
Bayer Leverkusen kontert sich gegen Werder Bremen zur Führung – die Taktik-Analyse
Die ersten Akzente in der Partie setzten jedoch die Leverkusener. Nach einem Fehlpass von Coulibaly konnte Rechtsverteidiger Nathan Tella Tempo aufnehmen. Er leitete den Führungstreffer ein (5.). Das spielte Bayer in die Karten: Sie agierten fortan aus einer kompakten 5-2-3-Ordnung und überließen Werder Bremen die Kugel.
Den Bremern gelang es in dieser Phase nicht, die enge Deckung der Gäste zu knacken. Im Zentrum kamen sie gegen Leverkusens Manndeckung nicht durch. Auf den Flügeln wiederum verloren die Spieler zu häufig die Eins-gegen-Eins-Duelle. Nur selten kam Werder Bremen von den Flügeln über diagonale Pässe ins Zentrum.
Zudem fehlte dem Bremer Flügelspiel eine wichtige Komponente: die Flanken. Entweder flogen diese hoch über den Strafraum – oder aber es fehlte gänzlich ein Abnehmer im Zentrum.
Taktik-Analyse zum Remis: Bayer Leverkusens 4-4-2 bereitet Werder Bremen Probleme
Nach rund 25 Minuten übernahm Bayer Leverkusen stärker die Kontrolle über die Partie. Nathan Tella rückte vor, sodass ein 4-4-2 entstand. Mit dieser neuen Formation konnte Leverkusen das Aufbauspiel des SV Werder Bremen spiegeln. Sie erhielten damit mehr Zugriff im Pressing. Die Leverkusener lenkten das Spiel dabei häufig auf Coulibaly – in der Hoffnung, dass Bremens junger Innenverteidiger weitere Fehler begeht. Er tat den Leverkusenern diesen Gefallen.
Zudem nutzten die Gäste fortan die Flügel konsequenter. Auf rechts rückte Axel Tape weit heraus, um das Spiel in die Breite zu ziehen. Auf links kam Alejandro Grimaldo immer wieder an den Ball. Dem neu verpflichteten Bremer Rechtsverteidiger Sugawara fehlte in manchen Situationen das Timing und der Mut, um Grimaldo zu stellen.
Werder Bremen ließ zwar in der ersten Halbzeit nur wenige Chancen zu. Allerdings fehlte ihnen vorne jegliche Durchschlagskraft. So ging es mit einem 1:2-Rückstand in die Pause. Auch nach der Pause war Leverkusen zunächst dominant. In der 63. Minute kam es für Werder ganz bitter: Nach einem langen Abschlag verursachte Niklas Stark einen Elfmeter und sah die Gelb-Rote Karte. Die gesamte Bremer Abwehr stand in dieser Situation zu hoch, kein Spieler sicherte die Tiefe ab.
Werder Bremen bleibt trotz Unterzahl im Spiel – die Taktik-Analyse zum Remis gegen Bayer Leverkusen
Das Spiel schien spätestens mit dem Elfmeter-Tor zum 3:1 entschieden. Doch in der Folge passierte etwas Seltsames: Leverkusen spielte die eigene Überzahl kaum aus. Bis zum 3:1 hatte die Werkself in der zweiten Halbzeit knapp 65% Ballbesitz gesammelt. In Überzahl sank dieser Wert auf 55%. Anstatt die im tiefen 4-4-1 verteidigenden Bremer laufen zu lassen, suchte Leverkusen immer wieder den schnellen Abschluss oder das riskante Dribbling.
Werder Bremen machte das Beste aus der neuen Situation. Statt blind nach vorne zu stürmen, warteten sie auf die passenden Gelegenheiten. An den eigenen Kontern nahmen immer nur drei Akteure teil: Der nach Linksaußen berufene Romano Schmid sowie die frisch ins Spiel gekommenen neuen Angreifer: Mittelstürmer Keke Topp und Rechtsaußen Isaac Schmidt.
Werder spielte nun seltener in die Breite, sondern suchte direkt die Tiefe. Ein Spieler startete dabei permanent hinter die Abwehr, während sich die anderen beiden in den Halbräumen anboten. So konnte Werder Bremen trotz Unterzahl immer wieder für Entlastung sorgen. Nach einem Fehlpass des eingewechselten Ernest Poku schaltete Werder schnell um, Schmidt erzielte den Anschlusstreffer (76.).
Taktik-Analyse zum Bundesliga-Remis: Bayer Leverkusen lädt Werder Bremen ein
Der Treffer zum 2:3 brachte die Bremer endgültig zurück in die Partie. Leverkusen nahm der Anschlusstreffer sichtlich mit: Immer mehr Fehler schlichen sich ins Angriffsspiel. Werder Bremen konnte das Spiel immer häufiger in die gegnerische Hälfte tragen.
Der späte Ausgleich ließ das Bremer Weserstation explodieren. Es war ein Spiegelbild des gesamten Spielverlaufs: Werder Bremen gab nie auf – profitierte dabei jedoch von einem Gegner, der wieder und wieder patzte. Den Bremern wird das herzlich egal sein. Die Mannschaft von Steffen hat bewiesen, dass sie nicht nur Spektakel beherrscht – sondern auch gegen auf dem Papier stärkere Gegner punkten kann. Das wird dem neuen Trainer Rückenwind geben.
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