Werder-Trainer gibt Einblicke
„Authentizität kann sich nicht abnutzen“: Werder-Trainer Thioune zwischen Emotionalität und Erwartungsdruck
Nach dem Bundesliga-Spiel gegen den FC Bayern spricht Daniel Thioune über Werder Bremens enorm wichtiges Abstiegskampfduell gegen den FC St. Pauli, Erwartungsdruck und seine emotionale Art.
Es ist durchaus ein Drahtseilakt, auf den sich Daniel Thioune da eingelassen hat. Zwölf Spiele hat seine Mannschaft schließlich nicht gewonnen, verharrt dadurch in den Niederungen der Tabelle und hat in den Vormonaten allzu häufig nicht das auf den Platz gebracht, was von ihr erwartet wurde. Als nun der große FC Bayern München kam, gab es zwar auch keinen Sieg – was fairerweise kein Ding der Unmöglichkeit ist –, aber dennoch viele verbale Schulterklopfer für die Profis des SV Werder Bremen. Gleich mehrfach verteilte der 51-Jährige das Gütesiegel „sehr gut“, wenn er auf manch Spielerleistung angesprochen wurde. Gekonnter Motivationskniff in düsteren Zeiten oder eine Fehlinterpretation der offensichtlichen Gefahrenlage?
Werder Bremens Trainer Daniel Thioune lobt sein Team trotz klarer Pleite: „Werde sie an dieser Performance messen“
„Die Jungs kriegen jetzt vielleicht ein bisschen mehr Lob als sie nach einem 0:3 verdient hätten, aber die Art und Weise hat mir schon auch sehr gut gefallen“, sagt Thioune, der seine Spieler jedoch gleichzeitig in die Pflicht nimmt. „Das ist jetzt das Problem, das die Mannschaft hat: Ich werde sie an dieser intensiven Performance messen.“ Lockere Zügel kann sich Werder Bremen auch gar nicht leisten – schon gar nicht vor den richtungsweisenden Wochen, die jetzt bevorstehen. Schon die kommende Partie beim Tabellennachbarn FC St. Pauli (Sonntag, 17.30 Uhr, DeichStube-Liveticker) birgt eine enorme Fallhöhe. Mit einer weiteren Niederlage stünde der Sturz auf Platz 17 des Klassements an, bei einem Sieg würde das Polster auf die „Kiezkicker“ auf fünf Zähler anwachsen. Danach warten Heidenheim, Union Berlin, Mainz und Wolfsburg. Womöglich ist das jetzt die bedeutendste Fünferkette der Bremer Vereinsgeschichte. „Die nächsten Spiele sind sehr wichtig für uns. Wir müssen versuchen, fast alle oder zumindest so viele wie möglich zu gewinnen“, sagt Linksverteidiger Olivier Deman. „Der Verein gehört tabellarisch woanders hin, als dort, wo wir jetzt stehen. Aber wichtig ist, dass wir das jetzt auch auf dem Rasen zeigen in den nächsten Wochen.“
Werder Bremens Trainer Daniel Thioune vor erstem Abstiegskampf-Duell gegen St. Pauli: „Ich kann Druck gut aushalten“
Eine richtige Zeit zur Eingewöhnung hatte Daniel Thioune ohnehin nicht am Osterdeich – aber jetzt muss endgültig geliefert werden. Nicht er allein, sondern im Verbund mit dem Team. „Richtig los ging es auch schon gegen Freiburg, das habe ich auch der Mannschaft so gesagt. Die Idee, erst gegen St. Pauli anzufangen, entspricht nicht meinem Selbstverständnis“, sagt der Niedersachse. Punkte gab es dennoch nicht. „Der Fokus ist jetzt darauf ausgelegt, dass wir gegen den FC St. Pauli in die Erfolgsspur zurückkehren. Der Wunsch für die nächsten Wochen ist die Maximal-Anzahl, aber es wäre Quatsch, jetzt irgendetwas auszurufen. Es sind definitiv wichtige Spiele für uns. Der Druck ist gegeben, aber davon lasse ich mich nicht treiben. Ich kann Druck gut aushalten.“
Diesen Eindruck versucht Daniel Thioune seit seinem ersten Tag bei Werder Bremen zu vermitteln. Er treibt lautstark an, feilt in ruhigen Momenten an Details. Er wirbt um Vertrauen und bietet an, die lähmende Last von den Schultern auf ihn zu übertragen. Während der Partien lässt er nicht den Schreihals raushängen, sondern die Spieler im wahrsten Sinne des Wortes nach seiner Pfeife tanzen. Immer wieder schickt er die schrillen Signale seiner Lippen in ohrenbetäubender Lautstärke durchs Stadion, greift so korrigierend ein und gibt Hilfestellungen. Medial aber auch innerhalb der Kabine legt der Coach ein hohes Maß an Emotionalität an den Tag. Das kommt bislang gut an.
Werder Bremens Daniel Thioune will „Partner“ für Spieler sein: „Ich brauche die Jungs und die Jungs mich“
„Es ist eine etwas andere Ansprache. Dazu sind es natürlich auch etwas andere Details, wie er Fußball spielen lassen möchte. Er gibt dem Team generell ein gutes Gefühl“, meint etwa Felix Agu. Doch mitreißende Worte allein, das hat die Vergangenheit im Profifußball immer wieder gezeigt, können bei ausbleibendem Erfolg auch sehr schnell wirkungslos verpuffen und nach Durchhalteparole klingen. Doch das Risiko geht Daniel Thioune ein – auch weil er überzeugt ist: „Authentizität kann sich nicht abnutzen, weil ich keine Rolle spiele. Ich bin häufig ungefiltert, manchmal gut, manchmal schlecht. Mitunter muss ich nochmal drüber nachdenken, wenn die Zunge schneller ist als der Kopf. Aber das ist dann einfach so.“
Daniel Thioune will unbedingt etwas bewegen. Das ist ihm in jedem Augenblick anzumerken. Für seine Mannschaft, und auch für sich selbst. „Ich bin energiegeladen und habe jetzt schon mehrfach betont, dass ich in dieser Liga arbeiten möchte. Ich bin gekommen, um zu bleiben“, sagt der Trainer des SV Werder Bremen. „Und wenn man bleiben möchte, dann muss man alles dafür tun. Die Jungs müssen sehen, dass ich in allen Bereichen eine Idee vom Fußball habe, aber in erster Linie will ich Partner sein. Wenn man die Kabine nicht hat, dann hat man auch das Spiel nicht. Und wenn man das Spiel nicht hat, dann hat man relativ schnell auch ein Ende. Ich brauche die Jungs, die Jungs brauchen mich. Es gehört zu meinem Wertekompass, ein Stück weit vorwegzugehen und das zu vermitteln.“ (mbü)
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