DeichStube-Interview
Fritz über Werders neue Transferpolitik, die Zukunft von Toptalent Coulibaly – und die Bereitschaft zum Risiko
Sportchef Clemens Fritz spricht im DeichStube-Interview über die neue Transferpolitik des SV Werder Bremen, Karim Coulibalys Zukunft und mehr.
Es geht wieder los: Am Sonntag startet der SV Werder Bremen mit der ersten Trainingseinheit des Sommers offiziell in die Saisonvorbereitung. Vor dem Start hat sich die DeichStube mit Sportchef Clemens Fritz zum ausführlichen Gespräch getroffen. Im ersten Teil des großen Interviews geht es unter anderem um Werders veränderte Transferpolitik, die aktuellen wirtschaftlichen Möglichkeiten sowie um die Zukunft der Abgangskandidaten Karim Coulibaly und Jens Stage.
Werder-Bremen-Sportchef Clemens Fritz über Transfers: „Zwei bis drei Neuzugänge noch“ - mindestens
Herr Fritz, schon sieben Neuzugänge – und das noch vor dem Trainingsauftakt. Wenn es so etwas beim SV Werder Bremen überhaupt schon mal gab, liegt es lange zurück. Warum sind Sie in diesem Jahr so früh dran?
Weil wir den letzten Transfersommer analysiert und unsere Lehren daraus gezogen haben. Im letzten Jahr hatten wir ebenfalls viele Veränderungen im Kader und die Mannschaft erst sehr spät zusammen, was sich nicht als optimal erwiesen hat. Außerdem sind wir durch die Verpflichtung von Samuel Mbangula (kam für zehn Millionen Euro von Juventus Turin, Anm. d. Red.) verhältnismäßig früh ins Risiko gegangen, wodurch uns danach die Hände gebunden waren, weil wir nicht die gewünschten Angebote auf der Abgangsseite hatten. Wir mussten Geduld aufbringen und am Ende vieles über Leihgeschäfte realisieren. Wir sind damit sehr selbstkritisch umgegangen und haben unseren Kurs angepasst.
Sie haben inzwischen für alle Mannschaftsteile neue Spieler geholt. Wie weit sind die Transferplanungen damit bereits abgeschlossen?
Wir haben schon einiges von unseren Ideen umsetzen können, weil wir sehr früh und intensiv Gespräche geführt haben. Das hat dazu beigetragen, die Jungs vom Werder-Weg zu überzeugen und früh Klarheit zu schaffen. Wir wissen aber, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Abgeschlossen sind die Transferpläne nicht, im Gegenteil: Es wird noch die eine oder andere Veränderung im Kader geben.
Bleiben wir zunächst auf der Zugangsseite. Was genau suchen Sie noch?
Wir möchten im Sturm noch etwas machen, und auch die Außenverteidigerposition ist weiterhin ein Thema. Im Mittelfeld kann auch noch etwas passieren. Zwei bis drei Neuzugänge sind noch möglich, im Falle von Abgängen auch mehr.
Clemens Fritz im Interview: Werder Bremen braucht im Sommer Transfer-Einnahmen, ist aber „weiter handlungsfähig“
Wenn es in der bisherigen Taktung weitergeht, dürften Sie Anfang August damit fertig sein. Wird der Deadline Day 2026 in Bremen zum großen Langweiler?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Es ist möglich, dass auch in diesem Jahr sehr spät noch etwas passiert. Erfahrungsgemäß kommt gerade in den letzten Wochen der Transferphase nochmal viel Bewegung in den Markt, woraus sich Möglichkeiten ergeben können.
Auffällig ist, dass fünf von bisher sieben Neuen ablösefrei nach Bremen kommen. Lediglich für Karl Hein und Oskar Wojcik haben Sie Geld ausgegeben, gemeinsam rund sechs Millionen Euro, heißt es. Wieviel Handlungsspielraum haben Sie jetzt noch ohne den Verkauf eines Spielers?
Es ist bekannt, dass Werder Bremen ein Verein ist, der von Transfereinnahmen lebt. Daran hat sich 2026 nichts geändert. Wir müssen also auch im laufenden Geschäftsjahr bis spätestens zum 30. Juni 2027 wieder Transfereinnahmen erzielen, auch in diesem Sommer schon. Das ist Fakt. Der Verkauf von Mio Backhaus (wechselte für 15 Millionen Euro zum SC Freiburg, Anm. d. Red.) fällt noch ins vergangene Geschäftsjahr. So betrachtet, haben wir im neuen noch kein Geld eingenommen.
Bedeutet das, dass bis zum ersten lukrativen Verkauf nichts mehr geht?
Nein. Wir sind weiterhin handlungsfähig und haben uns einen Rahmen gesetzt, in dessen Grenzen wir investieren und ins Risiko gehen wollen. Anders funktioniert es auch nicht. Wir können nicht darauf warten, bis wir genau wissen, was wir eingenommen haben, ehe wir aktiv werden. Dann sind einige Spieler nicht mehr auf dem Markt. Es gibt bei uns eine Bereitschaft zum Risiko, aber mit bremisch-kaufmännischer Bedachtheit.
Clemens Fritz über Transfers bei Werder Bremen: Top-Talent Karim Coulibaly sorgt „weiterhin für Interesse“
Sind Sie mit den Investitionen in Hein und Wojcik schon ins Risiko gegangen?
Man kann sie gewissermaßen als gut durchdachte Vorgriffe verstehen, ja.
Die teure Mbangula-Verpflichtung aus dem vergangenen Jahr haben Sie eingangs erwähnt. Ist ein Transfer in dieser Größenordnung 2026 wieder vorstellbar?
Ausschließen möchte ich das nicht, aber es hängt ganz klar mit den Transfereinnahmen zusammen. Ohne Verkäufe ist es definitiv nicht machbar.
Wieviel Geld müssen Sie einnehmen in diesem Sommer?
Diese Themen bespreche ich mit meinen Geschäftsführerkollegen intern.
Dann lassen Sie uns auf die Verkaufskandidaten schauen. Karim Coulibaly gilt seit Monaten als Profi, der Werder sehr viel Geld einbringen kann und soll, was auch Sie schon so eingeordnet haben. Nachdem er mit etlichen Topclubs in Verbindung gebracht wurde, ist es seit geraumer Zeit sehr ruhig um ihn geworden. Warum?
Den einen Grund gibt es dafür nicht. Wie bei anderen Spielern auch, zählen immer mehrere Faktoren dazu. Wir haben einen Markt, der durch die Weltmeisterschaft erst jetzt allmählich anspringt. Zudem war Karim in der Rückrunde eine Zeitlang verletzt und ist aktuell gerade dabei, sich auf der Beraterseite neu aufzustellen. Das braucht alles seine Zeit. Fakt ist, dass sein Name weiterhin für Interesse sorgt.
Werder-Bremen-Sportchef Clemens Fritz spricht über Transfer-Situation bei Karim Coulibaly, Jens Stage und Co.
Ist es ein vorstellbares Szenario, dass er am Ende überraschend doch bei Werder bleibt, oder kann sich der Verein das gar nicht leisten, angesichts der Rekord-Einnahme, die bei einem Verkauf winkt? Kolportiert wurden zwischenzeitlich Summen zwischen 30 und 40 Millionen Euro…
Wir müssen abwarten, was passiert. Grundsätzlich ist besprochen, dass Karim im Sommer den nächsten Schritt geht. Derzeit ist die Situation allerdings offen, konkret ist nichts.
Auch Jens Stage möchte sich bekanntlich verändern, am liebsten in Richtung der TSG 1899 Hoffenheim. Sie haben das in Form der beiden bisherigen Angebote für ihn abgelehnt. Wie geht es mit Stage weiter?
Es gibt keinen neuen Stand, aktuell ist es ruhig. Jens ist wieder bei uns und absolviert seine Leistungsdiagnostik, am Sonntag wird er ganz normal gemeinsam mit der Mannschaft auf dem Platz stehen. Ich kann seinen Wunsch nachvollziehen, aber nichtsdestotrotz ist er ein enorm wichtiger Spieler für uns, der sehr großen Einfluss auf dem Platz und in der Kabine hat. Wir wissen, was wir an ihm haben.
Er muss also bleiben?
Wir sind froh, dass er da ist und hätten nichts dagegen, wenn es so bleibt.
Romano Schmid und Marco Friedl hatten ihre Auftritte auf der großen WM-Bühne, was ihnen Aufmerksamkeit verschafft hat. Dürfen die beiden auch zu den Abgangskandidaten gezählt werden?
Wir merken durchaus, dass andere Vereine Interesse an unseren Spielern haben. Da sind die beide keine Ausnahme. Trotzdem ist es nicht so, dass sich etwas anbahnt oder abzeichnet. Nach der WM machen Romano und Marco jetzt erstmal Urlaub. Danach planen wir fest mit ihnen. (dco)
Im zweiten Teil des Interviews, das am Samstag in der DeichStube erscheint, spricht Clemens Fritz über dunkle Momente und Fehler in der vergangenen Saison, die Rolle des neuen Kaderplaners Markus Pilawa, Erwartungen an Trainer Daniel Thioune und benennt zudem Werders Saisonziel für die Serie 2026/27.
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