Nach Unentschieden in Mainz
Unzufriedene Punktesammler: Werder verliert seit Wochen nicht mehr, hadert aber trotzdem mit sich selbst
Der SV Werder Bremen punktet auch im vierten Spiel in Folge, hadert nach dem Unentschieden gegen den 1. FSV Mainz 05 aber wieder mit seinem Fußball. So wird die Leistung eingeordnet.
Mainz – Bo Henriksen, das direkt vorweg, ist ein überwiegend sachlicher Typ, zu Übertreibungen neigt der 50-Jährige normalerweise nicht – normalerweise. Um seiner großen Enttäuschung nach dem 1:1 gegen den SV Werder Bremen Ausdruck zu verleihen, machte der Trainer des 1. FSV Mainz 05 am frühen Samstagabend jedoch eine Ausnahme und ordnete das Spiel mit den folgenden Zahlen ein. „Wir sind sieben Kilometer mehr gelaufen als der Gegner“, begann der Däne sein Fazit mit einem Fakt, der in den gängigen Statistiken nachzulesen ist, ehe es mit der Überprüfbarkeit dünn wurde und Henriksen süffisant ausführte: „Und das, obwohl wir 150 Spiele in den letzten drei Wochen absolviert haben und der Gegner nur zwei.“
Es war ein Satz, der Horst Steffen direkt daneben auf dem Podium des Mainzer Medienraums schmunzeln ließ, amüsiert, nicht bitter. Denn natürlich wusste auch Werders Chefcoach, dass die Aussage seines Kollegen einen wahren Kern enthielt, selbst wenn es „nur“ vier Mainzer Partien seit Mitte Oktober gegenüber zwei von Werder Bremen im selben Zeitraum gewesen waren. „Der Gegner war heute sehr intensiv unterwegs“, sagte Steffen und räumte ein: „Wir hingegen waren in Sachen Intensität nicht so gut, wie wir es hätten sein müssen.“ Werders Punktgewinn, für den Jens Stage kurz vor dem Abpfiff per starker Einzelleistung gesorgt hatte, war nach insgesamt schwacher Leistung demnach wahlweise „glücklich“ oder „schmeichelhaft“, wie es die Bremer Profis hinterher selbst nannten. Henriksens Enttäuschung war also absolut nachvollziehbar. Das Besondere: Viel kleiner war die im Bremer Lager nach dem Schlusspfiff auch nicht.
Werder Bremen verliert auch viertes Spiel in Folge nicht, ist mit dem eigenen Fußball aber unzufrieden
„Es war kein Leckerbissen heute, also nichts für Fußball-Feinschmecker“, hielt ein angesäuerter Sportchef Clemens Fritz in den Katakomben des Mainzer Stadions fest. Und weiter: „Es steckt viel mehr Potential in uns, aber dafür müssen wir auch alle an unsere Leistungsgrenze gehen. Wir müssen von Anfang an aktiver und wacher sein.“ Aussagen als ebenso klarer wie nachvollziehbarer Auftrag ans Team, als berechtigte, ja sogar benötigte Kritik am blassen Auftritt. Was die aktuelle Lage bei Werder Bremen allerdings einigermaßen kompliziert macht. Denn, nicht vergessen: Die Ausbeute stimmt seit geraumer Zeit, von den vergangenen vier Spielen haben die Bremer kein einziges verloren, stattdessen stattliche acht Punkte verbucht. Krisenszenarien lesen sich in der Regel anders. Mit der Art und Weise des Punktesammelns, sprich: des eigenen Fußballs, sind sie bei Werder seit einigen Wochen aber nicht glücklich.
„Mein Anspruch ist, dass ich gerne den Ball habe und ihn mit gezielten Aktionen nach vorne bringe. Ich möchte viel Spektakel und Torgefahr, und wenn das nicht gelingt, bin ich damit nicht zufrieden“, sagte Horst Steffen nach dem Spiel gegen den FSV Mainz 05, mahnte gleichzeitig aber zur Geduld. „Das ist in Elversberg auch nicht von heute auf morgen entstanden. Insofern war mir bewusst, dass wir in der Bundesliga sind und starke Gegner haben. Da ist es nochmal ein höherer Schwierigkeitsgrad, das so auf den Platz zu bringen.“
Bisher keine Unruhe: Werder Bremen punktet auch beim 1. FSV Mainz 05, nimmt sich aber fußballerisch mehr vor
Klar ist: Wenn es fußballerisch noch holpert, die Resultate aber in Summe sitzen, lässt es sich deutlich entspannter am Feinschliff arbeiten, weil weder intern noch extern zu großer Druck entstehen kann. „Ich will mich gar nicht beschweren, wenn es so weitergeht, dass die Ergebnisse passen“, sagte Innenverteidiger Amos Pieper, der in Mainz bester Bremer gewesen war. „Aber es ist schon so, dass wir uns fußballerisch mehr vornehmen. Ich glaube, wir sind da noch nicht so gefestigt in dem, was wir mit dem Ball wollen.“
Grund zur Unruhe ist das in den Augen von Sportchef Fritz nicht. „Wir wissen, dass wir noch Luft nach oben haben, und wir arbeiten an unseren fußballerischen Themen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir mehrere Veränderungen in der Mannschaft hatten.“ Gerade vor diesem Hintergrund könne es sich sehen lassen, „dass wir jetzt das vierte Spiel in Folge gepunktet haben“. Eine Tatsache, die angesichts der Leistung des SV Werder Bremen beim FSV Mainz 05 beinahe unwirklich klang. Die aber stimmt. Ganz ohne Übertreibung. (dco)
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