Werder schon jetzt unter Druck
Neue Saison, alte Sorgen: Werder hat einen unfertigen Kader, zu wenig Qualität – und beginnt quasi wieder von vorn
Bundesliga-Auftakt vergeigt: Werder Bremen steht schon früh in der Saison unter Druck - wie Trainer Daniel Thioune die Situation einordnet!
In der Gastronomie dient die Vokabel gern als Qualitätsmerkmal, im Fußball gilt das weniger – weil es dann bevorzugt um Probleme geht. Und da ist es wenig schmeichelhaft, wenn diese „hausgemacht“ sind. Der SV Werder Bremen bekommt das zu spüren. Nicht zum ersten Mal. Wie vor einem Jahr startete der Bundesligist auch jetzt mit einem unfertigen Kader in die neue Spielzeit. Weil manch Transfer noch gar nicht oder erst kurzfristig getätigt wurde und weil das vorhandene Personal von Verletzungen geplagt ist. Eine intensive Vorbereitung gab es zwar, aber welchen Wert hat sie bei all den Baustellen überhaupt? „Sie ist ein wenig Makulatur, weil wir die Automatismen neu aufsetzen müssen“, räumt Trainer Daniel Thioune einen Tag nach der 1:4-Pleite des SV Werder beim SC Freiburg ein. „Dieser Kader hat in den nächsten 24 Stunden noch viele Veränderungen vor sich – und danach geht es fast von vorne los.“
Werder Bremen startet wie in der Vorsaison mit 1:4-Niederlage in die neue Bundesliga-Spielzeit
Worte, die in ganz ähnlicher Form vor zwölf Monaten auch von Horst Steffen zu hören waren. Da hatte Werder Bremen ebenfalls gerade zum Ligaeinstieg verloren, auch mit 1:4. Anschließend tat sich die Mannschaft schwer damit, die eigene Bundesligatauglichkeit unter Beweis zu stellen, kam aber mit zwei dunkelblauen Augen davon. Nun scheinen erneut Nehmerqualitäten gefragt zu sein. Dabei haben viele Fans für ihr Gefühl längst genug Schmerzen erlitten. So wie am Sonntag. Die Hoffnung, dass vielleicht doch alles besser werden könnte als zuletzt, hielt nicht einmal eine Halbzeit. Nicht einmal eine halbe Stunde.
Werder Bremen begann ordentlich und verlor dann völlig den Faden. Binnen 26 Minuten setzte es vier Gegentreffer für die Bremer – und es wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit nur deshalb nicht noch mehr, weil der Gastgeber SC Freiburg nach einer knappen Stunde mehr oder minder den Betrieb einstellte. Eine echte Aufbruchstimmung hatte es den Sommer über ohnehin nicht in Bremen gegeben, selbst nach dem Auftaktsieg im Pokal gab es fast nur Moll-Klänge. Der jetzige Liga-Auftritt hat die Tristesse noch weiter gesteigert. Muss man sich also ernsthaft Sorgen um Werder machen?
Werder Bremens Daniel Thioune: „Ich glaube schon, dass wir in den nächsten Wochen die Punkte erzielen, die wir brauchen“
„Nein, muss man sich nicht“, erwidert Daniel Thioune im Brustton der Überzeugung. „Wir wissen schon, in welchem Teich wir gerade schwimmen.“ Und dann schaltet der 52-jährige Übungsleiter des SV Werder Bremen in den Kampfmodus: „Die Qualität, die wir haben, die lässt sich so entfalten, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Aber es braucht alles seine Zeit. Das 1:4 war heftig, aber wir sind in einem Prozess und ich glaube schon, dass wir in den nächsten Wochen die Punkte erzielen, die wir brauchen, um dann vielleicht dieses Mal auch möglichst schnell an 40 Punkte zu kommen.“
Wie groß der Glaube daran auch intern ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Klar ist: Je weniger Erfolgserlebnisse es gibt, desto verunsicherter dürfte das Team werden. Dafür war das Vorjahr zu prägend, als reihenweise Mittel und Wege fehlten, um die Gegner zu beeindrucken. Umso überraschender, dass der SV Werder Bremen im Spätsommer die nahezu identische Fahrrinne befährt und jetzt auf den allerletzten Metern die personelle Rettung durch Leihen erprobt. Sicherlich auch gezwungenermaßen – aber es bleibt eben auch ein Risikokurs, der früh die mentale Belastung aller Beteiligten erhöht.
Werder Bremens Niclas Füllkrug: „Jedes Erfolgserlebnis, das wir haben, wird uns weiter in die Spur bringen“
Das zähe Ringen um Verlässlichkeiten geht so in eine nächste Runde. „Wir brauchen Abläufe, Automatismen“, fordert Niclas Füllkrug. Und der Führungsspieler des SV Werder Bremen fügt an: „Es ist anders, ob ich mit Jens Stage oder mit Chuki vorne anlaufe, oder mit Cedric Itten und Salim Musah. Aber diese Sachen nimmst du auf dem Platz erst wahr, wenn du diese Spiele hast. Du kannst ein Bundesligaspiel mit keinem Training, keinem Pokalspiel gegen einen Fünftligisten und auch nicht mit irgendeinem Testspiel vergleichen.“
Die große Panik bricht beim Stürmer des SV Werder Bremen aber nicht aus. „Jedes Spiel, das wir spielen, wird uns helfen. Und jedes Erfolgserlebnis, das wir haben, wird uns weiter in die Spur bringen. Aber auch die negativen Erlebnisse“, ist Niclas Füllkrug überzeugt. „Ich würde deshalb jetzt gar nicht unruhig werden.“ Auch Werders Fußball-Chef Clemens Fritz betont angesichts der schwierigen Begleitumstände: „Wir wollen nicht in Selbstmitleid verfallen, sondern intensiv und schnell an unseren Themen arbeiten, damit wir uns weiterentwickeln und an unser Leistungsoptimum kommen.“
Daniel Thioune: „Es ist keine Bedrohung, bei Werder Bremen arbeiten zu dürfen, sondern es ist definitiv für mich eine riesige Herausforderung“
Unter welchen Bedingungen das an der Weser passiert, liegt nicht nur, aber eben auch in seiner Verantwortung. Einmal mehr sind gute Lösungen gefragt. Trainer Daniel Thioune weiß um die Schwierigkeit dieser Prüfung. „Man sieht etwa in Freiburg, dass durch das Wachstum Entscheidungen getroffen werden können, die nicht gezwungenermaßen durch gebundene Hände im wirtschaftlichen Bereich eingeschränkt sind“, sagt der Coach des SV Werder Bremen.
Und Daniel Thioune ergänzt: „Bei uns muss ich damit leben. Ich wusste, dass es eine sehr anspruchsvolle Aufgabe wird, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Vielleicht ist der einfache Weg für die Schwachen. Da muss man jetzt halt ein bisschen mehr die Brust rausnehmen und es als Aufgabe sehen. Es ist keine Bedrohung, bei Werder Bremen arbeiten zu dürfen, sondern es ist definitiv für mich eine riesige Herausforderung.“ (mbü)
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