Werder-Sieg in Berlin

Erste Schwünge einer neuen Handschrift: Werder verändert sich unter Trainer Thioune – und robbt sich demütig aus dem Tabellenkeller

Werder Bremen feiert erstmals unter Trainer Daniel Thioune den zweiten Sieg in Folge und zeigt dessen neue Handschrift – warum der Coach dennoch auf die Euphoriebremse tritt.

Marco Grüll hatte sich direkt mal verzählt und musste erst wieder daran erinnert werden, dass seine Mannschaft doch tatsächlich mit 4:1 und nicht „nur“ 3:1 gegen den 1. FC Union Berlin gewonnen hatte. Die zurückerlangte Erkenntnis zauberte dem Offensivakteur des SV Werder Bremen prompt das nächste Lächeln auf die Lippen – zumal er ja selbst erstmals nach 135 Tagen wieder getroffen hatte. Auch sonst wurde im Lager der Hanseaten viel gegrinst, nach vielen schweren Wochen ist der aktuelle Stimmungsumschwung für die Protagonisten spürbar eine Wohltat. Eine, die sich Werder dadurch verdient hat, weil die Mannschaft seit Kurzem die richtigen Lösungen für auftauchende Probleme findet und auch andere Details nun besser passen. Und das hat fraglos untrennbar mit Daniel Thioune zu tun.

Das Lächeln ist zurück: Daniel Thioune und Werder Bremen haben wieder in die Erfolgsspur gefunden.

Neue Handschrift von Trainer Daniel Thioune bei Werder Bremens zweitem Sieg in Serie: „Das zeigt Wirkung“

„Er spielt als Trainer eine ganz große Rolle“, lobt etwa Jens Stage, während Grüll betont: „Er hat frischen Wind reingebracht. Auch wenn der Start mit den Ergebnissen nicht optimal war, haben wir gemerkt, dass er einen klaren Plan verfolgt.“ Ähnlich angetan von der Arbeit des Coaches zeigt sich Clemens Fritz als Werder Bremens Geschäftsführer Fußball. „Die Inhalte, die Energie, die Ansprache an die Mannschaft – das zeigt Wirkung“, sagt der 45-Jährige. „Daniel ist total drin im Detail. Die Überlegungen, die er hat und wie er wechselt, sind richtig gut. Er macht einen guten Job, und es freut mich auch für ihn, dass wir jetzt erstmals zwei Spiele in Folge gewonnen haben.“

Nach drei Niederlagen zum Einstieg hatte es schließlich schon die ersten kritischen Stimmen gegeben, die dem Trainerwechsel die Sinnhaftigkeit absprachen, weil der erhoffte Effekt auf sich warten ließ. Doch nun sind erste Veränderungen ebenso wie eine deutlichere Struktur im Bremer Auftreten zu erkennen. „Es war nah an meiner Idee und der Vorstellung, wie wir Fußball spielen wollen“, sagt Daniel Thioune mit Blick auf den Sieg gegen Union Berlin in der Hauptstadt. „Es spielt keine Rolle, was wir spielen, sondern wie wir spielen.“ Seit seiner Amtsübernahme appelliert Thioune ununterbrochen an die Einstellung aller Beteiligten, die als Basis für das dienen soll, was danach kommt. Inzwischen scheint dieser Plan aufzugehen und soll weitere Erfolgserlebnisse begünstigen. „Die Qualität der Spieler müsste reichen, um die Liga zu halten“, hebt Thioune hervor, der „mit den Ideen, die ich habe, die Spieler in ihre besten Positionen“, bringen will. Um vollends ausschöpfen zu können, was leistbar ist. „In der Zukunft könnte eine Handschrift von mir dann noch deutlicher zu sehen sein“, glaubt der Trainer des SV Werder Bremen.

Trendwende im Abstiegskampf?! Werder Bremen schlägt auch Union Berlin - „Hey, wir können‘s noch“

Eine gut leserliche Signatur war aber auch in Berlin schon erkennbar. Als Werder Bremen nach Rückstand und gegnerischem Platzverweis durch Treffer von Olivier Deman und Jens Stage zur Pause führte, wagte Thioune nicht nur den Umbau von einer Vierer- zur Dreierkette, sondern bewies auch Mut bei personellen Entscheidungen. Senne Lynen rückte in die letzte Kette, Julian Malatini als Stark-Ersatz dort zudem ins Zentrum, während der wirkungslose Keke Topp nominell nicht etwa durch einen anderen Stürmer ersetzt wurde, sondern in Person von Leonardo Bittencourt durch einen zusätzlichen Mittelfeldakteur. Das wirkte im ersten Moment recht defensiv, doch das Kalkül bot mehr Feinheiten. Das Zentrum wurde auf diese Weise überladen, die kleinsten Umschaltbemühungen der Gastgeber im Keim erstickt. Und die sich bietenden Räume nutzte nun Werder, wenngleich manch Angriff noch gescheiter zu Ende gebracht hätte werden können. Womöglich wäre der Auswärtserfolg dann sogar noch deutlicher ausgefallen, und Marco Grüll hätte eventuell erst recht Probleme mit dem Zählen bekommen.

So aber blieb es ein Auftritt, der hinterher von allen Seiten als sehr „reif“ bezeichnet wurde. Auch deshalb, weil er keine Selbstverständlichkeit für eine Mannschaft ist, die zuletzt in die Niederungen der Tabelle abgestürzt war und dafür reichlich Schelte kassiert hatte. Doch der erlösende Sieg des SV Werder Bremen gegen Heidenheim in der Woche zuvor hat offenkundig neue Kräfte freigesetzt und Altlasten aus den Köpfen der Spieler befördert. „Es hat uns gutgetan, dass die Jungs nach all den Wochen und Monaten ohne Sieg gemerkt haben: ,Hey, wir können’s noch‘“, sagt Clemens Fritz. „Ich habe ihnen auch vor zwei Wochen gesagt, dass wir uns darauf freuen müssen, wieder Spiele zu gewinnen. Wir dürfen keine Angst davor haben.“

Werder Bremen feiert zweiten Bundesliga-Sieg in Folge - Daniel Thioune: „Wir haben noch nichts erreicht“

Zur Belohnung zieht es die Mundwinkel jetzt noch etwas weiter nach oben. Doch das Tabellenbild ist trügerisch: Platz 13 klingt plötzlich wieder ganz akzeptabel, doch Rang 16 ist nur einen Zähler entfernt – zur direkten Abstiegszone sind es für Werder Bremen fünf Punkte. Deshalb ist am Osterdeich nun auch nicht automatisch die große Euphorie ausgebrochen. Im Gegenteil. „Ich mag es, wenn alle demütig sind, denn wir haben noch nichts erreicht“, sagt Daniel Thioune. „Der Sieg letzte Woche hat dazu geführt, dass wir am Leben bleiben. Der jetzige Sieg führt dazu, dass wir mittendrin sind statt nur dabei. Ob es die Trendwende ist, wird sich zeigen. Der Trend sollte aber auf jeden Fall dorthin gehen, dass wir nach dem 34. Spieltag noch Mitglied der 1. Bundesliga sind.“ (mbü)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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