Werder-Abschied beschlossen
Die Zehn zieht weiter: In Leonardo Bittencourt verliert Werder eine ebenso leidenschaftliche wie streitbare Figur
Der facettenreiche Leonardo Bittencourt verlässt demnächst den SV Werder Bremen: In ihm verliert der Club eine ebenso leidenschaftliche wie streitbare Figur.
Bremen – Das Echo war gewaltig. Aus allen Ecken der Fußballwelt meldeten sich Freunde und Wegbegleiter bei Leonardo Bittencourt, um den Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen zu würdigen. „Du warst mein Bruder. Großen Respekt!“, schrieb etwa Marvin Ducksch bei Instagram, als er von der spätestens im Sommer stattfindenden Trennung zwischen Spieler und Verein erfuhr. „Mein Bruderherz“, meinte Kapitän Marco Friedl, während Mitchell Weiser einfach ein Emoji samt Träne im Auge postete. Und die Liste ließe sich munter fortsetzen mit Namen wie Niclas Füllkrug, Anthony Jung, Keke Topp, Tahith Chong, Stefanos Kapino, Victor Boniface, Arnd Zeigler oder Nick Woltemade. Und das wäre dann nur die Prominenz gewesen, denn auch zahlreiche Fans drückten ihre Dankbarkeit für die vergangenen sechseinhalb Jahre an der Weser aus. Eine Zeit, in der Bittencourt sowohl sportliche als auch verbale Akzente gesetzt hat, jedoch auch stark polarisierte.
Peter Niemeyer über Trennung von Leonardo Bittencourt: „Stärke, bei Werder Bremen durch die Vordertür rauszugehen“
„Leo hat Werder Bremen viel gegeben“, betont Peter Niemeyer als Leiter Profifußball im Gespräch mit der DeichStube einen Tag nach der offiziellen Verkündung der baldigen Trennung. „Er hatte eine tolle Zeit hier und wir haben eine hohe Wertschätzung für ihn. Er hatte immer die Mannschaft im Blick, hat in der Kabine immer seine Meinung vertreten und ist auf dem Platz stets vorwegmarschiert.“ Und doch, der sportliche Mehrwert war in den Augen der Verantwortlichen in den vergangenen Jahren merklich geschrumpft. Schon unter Trainer Ole Werner war Leonardo Bittencourt zwischenzeitlich aufs Abstellgleis gerückt, was seiner Laune damals deutlich anzumerken war. Auch unter dem jetzigen Chefcoach Horst Steffen ist der Mann, der bislang in 179 Pflichtpartien das Trikot des SVW trug, aktuell nur noch Reservist. Schmecken tut ihm das auch jetzt nicht, doch er verhält sich nach außen vorbildlich, mosert nicht und lässt auch im Training nicht nach. Trotzdem: Die jetzige Entwicklung überraschte keineswegs. „Wir sind zusammen zu dem Entschluss gekommen, dass im Sommer der richtige Moment ist, um sich zu trennen“, sagt Niemeyer und meint: „Ich finde, auch das zeigt einfach Leos Größe, denn es ist eine Stärke, bei Werder durch die Vordertür rauszugehen.“
Leonardo Bittencourt bei Werder Bremen nicht unumstritten: Feiner Kicker, „Ich-AG“ und Topverdiener in einem?
Am Mittwoch beim Training war alles wie immer: Bittencourt grätschte, flachste, fluchte und schickte bei Pressingsituationen seine traditionellen „Druck“-Rufe über den Platz. Und so ganz nebenbei zauberte er in einem Augenblick wie zu besten Zeiten, als er unter dem Gejohle der Kollegen erst zwei Gegenspieler sehenswert austanzte und anschließend auch noch Torhüter Karl Hein mit einem Lupfer düpierte. Leonardo Bittencourt, der an der Weser den Begriff „3er-Lachs“ für einen Sieg des SV Werder Bremen berühmt machte, hatte es wieder einmal allen bewiesen: An manchen Tagen kann er ein unheimlich feiner Kicker sein. Manch Kritiker sah das anders und in Bittencourt obendrein eher stets ein Paradebeispiel für die im Fußball gern verwendete Bezeichnung einer „Ich-AG“, der das eigene Wohl und Image immer noch ein bisschen wichtiger sind als der Rest.
Und auch der Geldfaktor schwang stets mit. Als der Deutsch-Brasilianer 2019 auf den letzten Drücker der Sommer-Transferphase zu Werder Bremen kam, war er zunächst von der TSG 1899 Hoffenheim ausgeliehen worden. Werder taumelte letztlich durch die Saison, verhinderte in der Relegation nur haarscharf den Abstieg – wodurch eine Kaufpflicht griff, die den Club sieben Millionen Euro Ablöse für Leo Bittencourt kostete. Ausgerechnet in einer Phase, in der wegen der Corona-Pandemie finanzielle Schwierigkeiten noch mehr den Vereinsalltag prägten als ohnehin schon. Hinzu kam das millionenschwere Gehalt für einen der Topverdiener des Teams. Das Sinnbild der aufkeimenden Management-Kritik war schnell gefunden. Zumal – so lautete immer wieder der Vorwurf – seien die sportlichen Impulse Bittencourts viel zu gering ausgefallen. Gerade als Träger der prestigeträchtigen Rückennummer 10, die früher legendären Ball-Virtuosen wie Johan Micoud oder Diego gehörte.
In Leonardo Bittencourt geht bei Werder Bremen ein echter Typ verloren: Spaßvogel, der den Finger in die Wunde legt
Doch intern wusste der gebürtige Leipziger mit vielerlei Qualitäten zu gefallen. Seine leidenschaftliche, mitunter „dreckige“ Spielweise half Werder Bremen mehrfach und nervte den Gegner gleichermaßen. Nicht nur Marco Friedl gehört zu jenen Profis, die gern hervorheben, dass man Bittencourt „lieber im eigenen Team hat als im gegnerischen“. Durch die TV-Doku, die während der Zweitliga-Stippvisite entstand, wurde vielen Fans zudem verdeutlicht, welch wichtige Figur Bittencourt auch hinter den Kulissen war. Nicht nur als Wortführer, sondern auch als Netzwerker, der etwa bei der Weiser-Verpflichtung keine unwesentliche Rolle spielte. In der Kabine war und ist der Mittelfeldakteur zudem zwar stets für jeden Spaß zu haben, legt aber auch den Finger in die Wunde, wenn er es für richtig hält. Damit eckt er auch mal an, sorgt aber gleichsam für wertvolle Reibung. Als der SVW in der Vorsaison in Bielefeld aus dem DFB-Pokal flog, zürnte Leonardo Bittencourt in den Katakomben: „Es ist wahrscheinlich zu lieb, alles ist immer schön, alles ist immer gut. Es werden Sachen angesprochen, aber dann heißt es gleichzeitig: ‚Ja, du weißt doch, wie ich es meine.‘ Und da rasier‘ ich jetzt rüber, ist mir scheißegal.“ Worte, die ihm hinterher selbst eine Spur zu harsch waren, aber zeigen, wie der 31-Jährige tickt.
Auf all das wird Werder Bremen demnächst verzichten müssen. Womöglich schon ab dem Winter, falls demnächst ein passendes Angebot hereingeflattert kommt. Einem vorzeitigen Transfer soll der Club nach DeichStube-Informationen jedenfalls nicht abgeneigt sein. „Ich fühle mich topfit, habe große Lust, weiter Verantwortung zu übernehmen. Ob in Deutschland oder im Ausland, das wird sich zeigen“, hatte Leo Bittencourt selbst im Zuge der verkündeten Nicht-Verlängerung seines auslaufenden Vertrages erklärt. „Wichtig ist für mich, dass es menschlich und sportlich passt – so wie es hier in der Werder-Familie für mich immer gepasst hat.“ Spätestens im Sommer wird Werder um einen echten Typen ärmer sein. Einen, der sich nie hat verbiegen lassen. Welche Folgen das hat? „Bald endet dieses Kapitel“, sagt Peter Niemeyer, „und dann gilt es, dass andere Spieler seine Rolle ein Stück weit einnehmen“. (mbü)
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