Torlos gegen FC St. Pauli

Chance verpasst – Stolz bleibt: Wie sich der kleine Stimmungsdämpfer auf Werders Europa-Kurs auswirkt

Das 0:0 gegen den FC St. Pauli ist ein kleiner Stimmungsdämpfer. Vom Europa-Kurs will sich Werder Bremen jetzt aber nicht mehr abbringen lassen. So schätzen Spieler und Verantwortliche die Lage ein.

Bremen – Mit Zahlen konnte Peter Niemeyer schon immer ganz gut umgehen. Zumindest meinte er am Sonntagabend, dass er zu Schulzeiten in Mathematik „gar nicht schlecht“ gewesen sei. Auf größere Rechenspiele hatte der Leiter Profifußball des SV Werder Bremen nach dem vorherigen 0:0 gegen den FC St. Pauli dann aber doch keine Lust. „Da habe ich mich jetzt noch nicht mit befasst“, entgegnete der 41-Jährige, als er darauf angesprochen wurde, wie viele Punkte denn wohl nötig seien, um am Ende tatsächlich das Ticket nach Europa zu lösen. „Kann ich nicht sagen. Für solche Rechnungen sind andere zuständig.“ In den Köpfen der Spieler hatte es da längst gearbeitet. Konkrete Werte gab es zwar auch bei ihnen nicht, dafür aber die formulierte Unzufriedenheit darüber, aus dem Duell mit den Hamburgern zwei Punkte zu wenig mitgenommen zu haben – eben weil die Konkurrenz zuvor eigentlich für Werder gespielt hatte und der große Traum so noch näher zum Greifen war. Kein Grund, um nun den Teufel an die Wand zu malen, eine verpasste Chance blieb es dennoch.

Werder Bremens Trainer Ole Werner ist unzufrieden mit dem 0:0 gegen den FC St. Pauli, aber stolz auf die bisherige Saison - und will im Europa-Rennen noch das „Maximum“ herausholen.

Werder Bremen will Europa-Chance unbedingt ergreifen: „Vielleicht sonst länger wieder keine Chance“

„Wenn du drei Spieltage vor Schluss die Chance hast, international zu spielen, dann willst du sie auch nutzen“, betonte Abwehrchef Marco Friedl. „Deshalb wäre ich natürlich enttäuscht, wenn wir es nicht schaffen.“ Zumal der Kapitän des SV Werder Bremen aus grün-weißer Erfahrung sprach. „Wer weiß, wie es ausschaut: Vielleicht hast du die Chance sonst länger wieder nicht“, meinte er. 2010 erstrahlte letztmals das Flutlicht des Weserstadions auf kontinentaler Bühne, zwischenzeitlich durfte ab und an zwar an einer Rückkehr geschnuppert werden, mehr aber auch nicht. Und nun? Nach einer zuletzt famosen Siegesserie war auch das jüngste Remis kein Rückschlag, aber es taugte eben doch als Stimmungsdämpfer. „Wir haben noch drei Spiele und man hat gesehen, wie schnell es gehen kann“, sagte Stürmer Marvin Ducksch zwar, doch er unterstrich auch: „Wenn wir oben noch ein Wörtchen mitreden wollen, dann müssen wir es auf jeden Fall besser machen als heute in der ersten Halbzeit.“

Werder Bremen hofft trotz 0:0 gegen FC St. Pauli auf Europa: „Ausgangslage sehr positiv“

Die ersten 45 Minuten gegen den FC St. Pauli hatten wahrlich nicht viel Anlass zur Freude geboten. Werder Bremen tat sich gegen einen gut sortierten Gegner schwer, ließ im Vergleich zu den vorherigen Partien aber auch ein gewisses Maß an Intensität und spielerischer Klarheit vermissen. Erst nach der Pause und kleineren Anpassungen agierten die Gastgeber zielstrebiger, doch weil erst Justin Njinmah zwei gute Gelegenheiten ausließ (58./59.) und dann auch noch ein Tor von Joker Oliver Burke wegen einer ganz knappen Abseitsstellung nicht zählte (79.), wurde nichts aus dem nächsten Dreier. „Es reicht nicht, nur eine Halbzeit lang gut Fußball zu spielen“, monierte Ducksch. „Da müssen wir uns leider ankreiden, dass wir in der ersten Halbzeit alles vermissen lassen haben, was wir in den letzten Wochen gut gemacht haben.“ Mit Blick auf das Restprogramm gegen Union Berlin (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker), RB Leipzig (10. Mai, 15.30 Uhr) und den 1. FC Heidenheim (17. Mai, 15.30 Uhr), das über Wohl und Weh dieser Saison entscheiden wird, forderte der 31-Jährige daher: „Das darf uns in den letzten drei Spielen nicht noch einmal passieren, denn sonst gewinnen wir kein Spiel mehr.“

Anders als die Bremer Profis wollte Ole Werner nicht den Mahner geben. Der Chefcoach bemängelte aus nachvollziehbaren Gründen zwar auch die Darbietung der ersten Hälfte, fand aber zugleich weiterhin großen Gefallen an der tabellarischen Konstellation, in der Werder Bremen als Achter mit 46 Punkten daherkommt. Rang sechs, der zur Teilnahme an der Conference League berechtigen würde, ist gerade einmal zwei Zähler entfernt. „Die Ausgangslage bewerte ich als sehr positiv, weil man eine Saison auch immer als Ganzes sehen muss“, erklärte der 36-Jährige. „Wenn wir drei Spieltage vor Schluss darüber sprechen, dass wir mit Borussia Dortmund hätten gleichziehen können, dann ist das nichts, was selbstverständlich ist. Das ist eine großartige Leistung der Mannschaft.“

Werder Bremen will aus „guter Saison“ das „Maximum herausholen“: Stolz über weiter vorhandene Europa-Chance

Eine, die für den Endspurt beflügeln soll. „Insofern gehen wir mit einer breiten Brust und Vorfreude an die Aufgaben, die da kommen“, sagte Werner. „Es ist alles möglich, in alle Richtungen. Wichtig ist, dass wir auf uns schauen, weil du in jedem Spiel an der absoluten Leistungsgrenze sein musst.“ Genau das war jetzt gleich zwei Mal in Folge nicht über die kompletten 90 Minuten der Fall. Gegen Bochum war am Ende trotzdem noch ein Sieg herausgesprungen, dieses Mal eben nicht. Werder Bremen kann in dieser Saison noch viel gewinnen – hat nun aber auch wieder eine Menge zu verlieren. Diesen Druck müssen alle Beteiligten erst einmal aushalten können.

Ole Werner schenkt seinem Team aber das vollste Vertrauen. „Eine gute Saison ist es schon. Wir versuchen, sie weiter zu verbessern und das Maximum herauszuholen“, versprach er und verwies noch einmal auf Werder Bremens besondere Ausgangslage im Rennen um Europa. „Es gibt einen gewissen Rahmen, der uns nochmal von der einen oder anderen Mannschaft unterscheidet, die auf diesen Plätzen steht“, sagte der Trainer. „Es zeigt sich aber auch in dieser Saison, dass du mit guter Arbeit und einer guten Qualität im Kader in der Lage bist, mit Mannschaft mitzuhalten, die das Doppelte oder Dreifache an Geld ausgeben. Das ist etwas, was uns stolz machen und für die nächsten Wochen den Rücken stärken sollte.“ (mbü)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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