Keine Kohle bei Werder

Wo ist das Geld hin? Werder-Boss Klaus Filbry erklärt die Finanzlage

Trotz Transfer-Einnahmen von fast 40 Millionen Euro konnte Werder Bremen auf Transfermarkt kaum investieren. Wo ist das Geld hin, Klaus Filbry?

Noch war das erste Heimspiel der Saison gar nicht gespielt – die allgemeine Stimmungslage rund um den SV Werder Bremen aber bereits jetzt denkbar schlecht. Nach dem Fast-Abstieg in der vergangenen Spielzeit sehen viele Fans und Beobachter keine Weiterentwicklung, sondern erneut ein existenziell gefährdendes Jahr auf den Verein zukommen. Im Zentrum der Kritik steht dabei die Transferpolitik des Sommers – und wiederum stellvertretend dafür die Frage: Wie kann es sein, dass durch die Verkäufe von Mio Backhaus, Romano Schmid und Karim Coulibaly insgesamt 40 Millionen Euro bei Werder landen, der Verein aber einmal mehr überwiegend auf ablösefreie Transfers und Last-Minute-Leihen angewiesen ist? Wo also, bitte schön, ist das ganze Geld hin? Die DeichStube hat Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry mit dem Thema konfrontiert.

Trotz Transfer-Einnahmen von fast 40 Millionen Euro konnte Werder Bremen auf Transfermarkt kaum investieren. Wo ist das Geld hin, Klaus Filbry?

Wo ist das Geld hin? Werder Bremens Boss Klaus Filbry spricht über die Finanzlage

Schön ist das Wortkonstrukt nicht, weil es zum einen sehr technisch klingt und zum anderen einen prekären Zustand beschreibt: „Strukturelles Defizit“. Bemühen muss es Klaus Filbry, der Vorsitzende der Werder-Geschäftsführung, während des Gesprächs dennoch. Und zwar mehrfach. Weil das „strukturelle Defizit“ bei Werder Bremen Sommer für Sommer den Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt absteckt – eng absteckt. Mit diesem Problem sind die Bremer allerdings nicht allein. Etliche Clubs in der Bundesliga müssen strukturelle Defizite mit Transfererlösen schließen.

„Aktuell liegt dieses Defizit bei uns zwischen 15 und 17 Millionen Euro“, sagt Filbry und beschreibt damit jene Lücke im Kostenapparat, die die Bremer jährlich ausgleichen müssen. Die Zusammensetzung der Summe liefert der 59-Jährige gleich mit, angefangen bei den Spätfolgen von Abstieg und Corona-Pandemie, die immer noch spürbar seien. Hinzu kommen, als Altlast, die Kosten des 100 Millionen Euro teuren Umbaus des Weserstadions aus dem Jahr 2010. 50 Millionen Euro davon müssen Werder und die Bremer Weserstadion-GmbH (BWS) noch tilgen, was den Bundesligisten knapp fünf Millionen Euro pro Saison kostet. Ebenfalls im strukturellen Defizit enthalten: Belastungen aus den strategisch wichtigen Investitionen in Leistungszentrum und Campus, die Werders Nachwuchsarbeit langfristig stärken.

Das Invest von Werder Bremen liegt bei rund 30 Millionen Euro und wird über viele Jahre abgeschrieben. Im Jahresergebnis schlägt deshalb nur ein kleiner Teil zu Buche. Die Budgets für den Frauenfußball (drei Millionen Euro pro Jahr) und die anderen Bundesliga-Sportarten Schach, Handball und Tischtennis (gemeinsam 1,3 Millionen Euro pro Jahr) fallen mit ins Defizit. Darüber hinaus muss Werder sogar für seine Raute bezahlen: Die ausgegliederte Kapitalgesellschaft, die den Profibetrieb organisiert, überweist jährlich 1,5 Millionen Euro an den Verein, um das Wappen kommerziell nutzen zu dürfen.

Strukturelles Defizit bei Werder Bremen trotz Millionen-Transfers und 40 Millionen Euro Transfer-Einnahmen

Um das strukturelle Defizit ausgleichen zu können, ist Werder Bremen alternativlos auf Transfererlöse angewiesen. Heißt: Mit dem Verkaufen von Spielern muss mehr Geld reinkommen, als das Einkaufen von Spielern kosten darf. Nach Informationen der DeichStube gab es im Sommer eine interne Faustregel: Wenn zehn Millionen Euro ausgegeben werden, müssen 25 Millionen Euro eingenommen werden. Das ist nicht gerade viel Bewegungsspielraum für Sportchef Clemens Fritz und gleichzeitig eine Spätfolge der Ole-Werner-Jahre, als sportlicher Erfolg zwar da war, lukrative Verkäufe aber nicht in ausreichender Größenordnung. Zum Beleg: 2024/25 wurden die Bremer Achter, machten am Ende des Geschäftsjahres aber 7,4 Millionen Euro Verlust. „Wir haben in der Zeit keine Werte entwickelt“, sagt Filbry – und erklärt: „Deshalb haben wir uns für einen Strategiewechsel entschieden und noch stärker auf junge Spieler gesetzt.“ In den Fällen Backhaus und Coulibaly ging das wirtschaftlich auf, sportlich insgesamt aber überhaupt nicht: Werder stieg 2025/26 fast ab.  

Ein weiterer Hebel, um das strukturelle Defizit zu verringern, ist das TV-Geld, das allerdings bei knapp 48 Millionen Euro pro Saison stagniert. Würde Werder in der Tabelle klettern, wären die Einnahmen größer und das strukturelle Defizit kleiner. Filbry rechnet vor: „Wenn wir die abgelaufene Saison nicht auf dem 15., sondern auf dem 10. oder 11. Tabellenplatz abgeschlossen hätten, hätten wir durch die TV-Wertung elf Millionen Euro mehr eingenommen.“ Das Defizit hätte im Sommer also „nur“ rund fünf Millionen Euro betragen. Alternative Erlösquellen sind laut Filbry hingegen (nahezu) ausgeschöpft.

Der Stadionname ist vermarktet, die Zuschauerkapazität am Standort Osterdeich nicht mehr ausbaubar. Zudem ist ein regionales Investorenbündnis bereits in den Verein eingestiegen und hält für 42 Millionen Euro 19,39 Prozent der Anteile. Gedeckelt hat der Verein die erlaubte Abgabe-Größenordnung bei 24 Prozent. Vieles des bisherigen Investorengeldes wurde zunächst einmal benötigt, um das nach den coronabedingten Verlusten zum 30. Juni 2021 auf minus 20,3 Millionen Euro gesunkene Eigenkapital wieder aufzubauen. Darüber hinaus wurde das Geld bereits investiert: unter anderem in Vertragsverlängerungen mit Leistungsträgern und Infrastrukturprojekte wie LZ und Campus.

Transferüberschuss von 16,5 Millionen Euro, um Defizit auszugleichen: Riskiert Werder Bremen den Abstieg?

Blickt man auf die Konkurrenz aus Hamburg, Stuttgart oder Köln ist Werder Bremen zudem standortbedingt im Hintertreffen. Die Bremer haben ein vergleichsweise kleines Stadion und somit deutlich geringere Einnahmen. Die Erlöse im Bereich Hospitality liegen deutlich unter denen der anderen Clubs. Darüber hinaus verfügt die Konkurrenz über wirtschaftlich stärkere Umfelder, was sich bei Partnern und Sponsoren widerspiegelt.

Und was ist jetzt mit den Backhaus-, Schmid- und Coulibaly-Einnahmen? Die zwölf Millionen Euro für Backhaus fallen aus der Rechnung raus, weil sie dem Geschäftsjahr 2025/26 zugeordnet werden „und es glattziehen“, wie Filbry sagt. Auf der Mitgliederversammlung im November wird Werder deshalb aller Voraussicht nach einen niedrigen siebenstelligen Gewinn vermelden können. Die 8,5 Millionen Euro für Schmid und 20 Millionen Euro für Coulibaly sind zudem (wie alle Transfereinnahmen) Brutto-Werte. Netto, also abzüglich etwa der Beraterhonorare, kassiert Werder nach DeichStube-Informationen sieben Millionen Euro für Schmid und 16 für Coulibaly. Einnahmen, darauf legt Filbry Wert, die erst eingegangen sind, nachdem Werder bereits etliche Spieler verpflichtet hatte.

„Wir sind bereits ins Risiko gegangen“, sagt der Geschäftsführer und verweist darauf, dass auch ablösefreie Spieler nicht umsonst sind, „etwa durch Handgelder, Beraterhonorare und natürlich das Gehalt“. Unter dem Strich steht nach dem Sommer ein Transferüberschuss von 16,5 Millionen Euro, um das Defizit auszugleichen. Aber ist der Kader auch wirklich stark genug? Oder riskiert Werder Bremen zugunsten der wirtschaftlichen Stabilität seine sportliche Zukunft?

Klaus Filbry lobt Werder Bremens Sportchef Clemens Fritz: „Er hat intelligent investiert und einen sehr guten Job gemacht“

Klaus Filbry sieht das nicht so. „Wir haben finanzielle Herausforderungen gemeistert und sind weiter wirtschaftlich stabil, was die Grundvoraussetzung ist, um überhaupt eine Lizenz der Bundesliga für die Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga und 2. Liga zu erhalten. Dazu haben wir den Kader weiterentwickelt und ihm eine klare Struktur gegeben.“ Dafür könne man Sportchef Clemens Fritz nur loben.

Filbry: „Clemens hat intelligent investiert, neun Spieler fest verpflichtet, darunter sehr spannende Potenzialspieler. Bei den Leihspielern haben wir bei Niclas und Eren das klare Bekenntnis, bei Werder bleiben zu wollen sowie bei Ndiaye und Regeer über gut ausgehandelte Kaufoptionen die Chance, sie länger an Werder zu binden. Clemens hat einen sehr guten Job gemacht, auch wenn das draußen keiner sehen will. Er hat im Sommer im Rahmen unserer Möglichkeiten extrem viel erreicht. Davor habe ich großen Respekt.“ Nun soll es die Mannschaft auf dem Platz zeigen. Das Leipzig-Spiel (3:1) war da sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. (dco)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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