Elfter Teil: Werder-Momente bei der WM
Max Lorenz: Als der „Kapitän der Reserve“ die Bronzemedaille gewann
Von Hans-Günter Klemm. Unlängst konnten sich die Hörer des „Morgenmagazins“ im Norddeutschen Rundfunk an einem humorvollen Beitrag erfreuen, der die Torwartfrage in der deutschen Nationalelf aufs Korn nahm.
Holger Ponik heißt der schlagfertige Moderator dieser beliebten Sendung, der jeden Spaß mitmacht und diesmal zur Hauptfigur des Klamauks avancierte. Thema der lustigen Einlage: Ponik als dritter Torwart zur WM. Der Ansatz dabei: Der dritte Keeper käme, wenn alles nach Plan verliefe, ohnehin nicht zum Einsatz. Er sei vielmehr nur für gute Stimmung zuständig, also nicht mehr als ein „Gute-Laune-Bär.“
Auf Ponik mag dies zutreffen. Ein Spaßvogel am Mikrofon, ohne Frage. Ob es auch für Max Lorenz gilt, bleibt dahingestellt. Dem Werder-Recken sagen dies viele nach bezüglich seiner Länderspiel-Karriere und seiner Teilnahme an zwei Fußball-Weltmeisterschaften. Lorenz, zweifellos ein lustiger Zeitgenosse, in dieser Hinsicht vergleichbar mit dem NDR-Spaßmacher, war gewiss ein Entertainer im Kreis der Fußball-Elite. Und er soll dank dieser Fähigkeiten seine Daseinsberechtigung in der Nationalelf gehabt haben.
Uwe Seeler und Max Lorenz machen viel gemeinsam
„Quatsch“, sagt Max Lorenz, der noch heute an der Weser lebt. Nur als Spaßvogel werde man kein Nationalspieler. Auf der Showbühne könne man mit diesen Talenten vielleicht Karriere machen, aber nicht auf dem Fußballfeld. „Ich war auch ein ganz anständiger Fußballer, sonst hätte mich Helmut Schön nicht in die Ländermannschaft berufen und zu zwei Weltmeisterschaften mitgenommen.“
Stolz klingt aus diesen Worten. Über 50 Berufungen ins Nationalteam stehen zu Buche, exakt 21 Länderspiele sind verzeichnet. Eine Karriere, die manch einer der heute in der Bundesliga aktiven Profis gerne hätte. „Ich bin stolz darauf, mit den damals besten Fußballern Deutschlands in einem Team gestanden zu haben. Alles Weltklasseleute wie Haller und Schnellinger, Overath und Schulz, der junge Beckenbauer und Uwe Seeler.“
Das Idol aus Hamburg ist seit jenen Tagen der beste Freund von Lorenz, bis heute machen die beiden Nordlichter viel gemeinsam. Und Kumpel Seeler hat den Ausdruck geprägt, der vielleicht am besten charakterisiert, welchen Stellenwert Lorenz innehatte: „Max war der Kapitän der Reserve.“ Dies trifft es. Für den Bremer ist es zudem ein Ehrentitel aus dem Mund des Ehrenspielführers der Nationalelf: „Damit kann ich sehr gut leben.“
Reservist Lorenz hatte lange seine Ruhe bei den Weltmeisterschaften. Erst ganz am Ende, Lorenz hatte Werder verlassen und spielte nun für Eintracht Braunschweig, durfte er mitmachen. In Mexiko 1970 hatte Deutschland das Spiel um Platz drei erreicht. Willkommene Gelegenheit für Bundestrainer Helmut Schön, durchzuwechseln.
So kam auch der fidele Max zum Einsatz beim 1:0-Sieg gegen Uruguay. Vier Jahre zuvor hätte es um ein Haar auch gelangt, wie der heute 79-Jährige, der sich bester Gesundheit erfreut, berichtet. Finale in Wembley. Deutschland gegen England, ein Spiel mit dem bekannten Resultat. „Ich stand zur Debatte“, plaudert Lorenz aus dem Nähkästchen. Er erzählt eine Geschichte, die verbürgt ist. Das Dokument liegt im Werder-Museum im Weserstadion.
Sepp Herberger, der Schön-Vorgänger, hat es ihm in einem persönlichen Brief bestätigt: „Max, ich hätte Sie aufgestellt.“ Doch der „Lange“, wie Schön hieß, zögerte und zauderte, wie so häufig. Er konnte sich nicht durchringen, Lorenz als Defensivmann in die Elf zu berufen. „Ich hätte auf der linken Seite zurückgezogen spielen können, als Sonderbewacher für Bobby Charlton. Ich war in Bombenform.“
Lorenz: „Bis zum Mittag stand ich in der Truppe“
Aus der Sicht von Lorenz hätte sich ein Wechsel angeboten. Aus zwei Gründen: Horst-Dieter Höttges, der Kumpan aus Bremen, war angeschlagen, Lothar Emmerich, der Linksaußen aus Dortmund, durchlebte eine Formschwäche. Die Chance für Lorenz. „Bis zum Mittag stand ich in der Truppe“, sagt der Bremer, der ganz hauchdünn einen Einsatz im Finale verpasst hat. Schön entschied anders, ließ alles beim Alten, opferte Beckenbauer, der den englischen Sir in Manndeckung nahm. Beckenbauer fiel somit weitgehend für die Offensive aus, sicherlich auch ein Grund für die Niederlage von Wembley.
Wembley, es bleibt für Lorenz ein unvergessenes Erlebnis. Er zog sein blaues Team-Jacket an und erlebte das Endspiel auf der Ehrentribüne. „Direkt hinter der Königin“, wie er unterstreicht. Damals gab es noch keine Auswechslungen, sodass alle, die nicht in der ersten Elf standen, auf den Rängen und nicht auf der Ersatzbank Platz nehmen mussten. Stunden später rückte Lorenz dann wieder in der Vordergrund. Bei der Feier, feucht-fröhlich trotz der Niederlage, in einem Pub stürmte der „Reserve-Kapitän“ auf die Bühne und gestaltete das Programm. Lorenz in bekannter Rolle: Showmaster und Stimmungsmacher.
Serie: Werder-Momente bei der WM
Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt
Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung
Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot
Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse
Teil 5: Uwe Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen
Teil 6: Horst-Dieter Höttges‘ Trauma heißt auch heute noch Hurst
Teil 7: Frank Baumann und das ungewollte Souvenir
Teil 8: Rudi Völler und die Grüppchenbildung von Mexiko
Teil 9: Burdenksi über 1978: „Alles war Mist, von vorne bis hinten“
Teil 10: Elfmeterschießen 2006: Wie das Tor für Tim Borowski immer kleiner wurde
