Nahost-Konflikt
Markt trotzt der Krise: Öl wird günstiger, trotz Nahost-Konflikt
Nach dem iranischen Raketenangriff auf einen US-Stützpunkt fielen die Ölpreise, statt klassisch zu steigen. Auch künftig dürften die Preise eher sinken.
New York – Normalerweise steigen die Ölpreise, kommt es zu geopolitischen Auseinandersetzungen wie mit dem Ölexportland Iran. So war es auch der Fall nach dem Angriff Israels auf den Iran am 13. Juni sowie als die USA die Atomanlagen des Irans an diesem Wochenende bombardierte. Jedes Mal stiegen die Preise kurz an, nur um sich dann wieder zu stabilisieren. Nach der jüngsten Attacke am Montag, dem 23. Juni, als der Iran einen US-Waffenstützpunkt in Katar mit Raketen beschoss, fielen jedoch die Preise, anstatt zu steigen. Anleger bewerten die Lage ruhig: Die Ölinfrastruktur wurde bislang nicht ernsthaft beschädigt. Zudem sorgte auch ein Kommentar von US-Präsident Donald Trump für Beruhigung am Ölmarkt – und verstärkte so den Preisrückgang.
Größter Tagesfall bei Ölpreise seit drei Jahren – trotz Iran-Attacke
Seit Israel den Iran am 13. Juni erstmals angriff, stiegen die Preise für Brent-Rohöl, einem weltweit wichtigen Index für das Gut, um mehr als zehn Prozent. Unter den Anlegern herrschte Sorge vor einer Eskalation, die auch die Ölinfrastruktur in beiden Ländern treffen könnte und so die Ressource verknappen würde. Trumps Überlegung, in den Krieg gegen den Iran einzusteigen, ließ die Preise jedoch wieder fallen. Am Morgen des 23. Juni, nach dem Beschuss iranischer Atomanlagen durch bunkerbrechende US-Raketen am Vortag, stiegen die Brent-Rohölpreise erneut – um rund 5 Prozent – auf kurzzeitig über 80 US-Dollar. Auslöser war die erneute Sorge vor einer möglichen Eskalation. Der Index erreichte damit seinen höchsten Stand seit Januar.
Doch überraschenderweise sind die Ölpreise nach dem iranischen Vergeltungsangriff auf einen US-Stützpunkt in Katar am selben Tag nicht gestiegen, sondern stark gefallen. Im Verlauf des Tages, 23. Juni, sank der Preis von anfänglich rund 81 US-Dollar auf knapp 71 US-Dollar, was einem Rückgang von etwa 12 Prozent entspricht. Besonders stark fiel der Preis nach der Explosion des Angriffs auf Katar. Insgesamt war es der stärkste Tagesverlust seit drei Jahren.
Was steckt hinter dem starken Fall der Ölpreise innerhalb eines Tages?
Im Nahost-Konflikt verfolgen Anleger vor allem soziale Medien und Open-Source-Informationen, um die Entwicklungen am Ölmarkt einzuschätzen. Laut einem Bericht der Financial Times gaben bereits vor dem Beschuss des US-Stützpunkts durch den Iran Satellitenbilder Aufschluss über den eher symbolischen Charakter des Angriffs. Im Nachgang wurde bestätigt, dass es keine Verletzten gab und alle Raketen abgefangen wurden. US-Präsident Donald Trump schrieb kurz vor dem Raketenangriff auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social: „An alle, haltet die Ölpreise unten, ich beobachte!“ Seine zurückhaltende Reaktion auf den Angriff trug zur Beruhigung des Marktes bei.
Für Anleger scheint eine weitere Eskalation zunächst unwahrscheinlich. Vor allem die Ölinfrastruktur sehen viele als ungehindert an. „Bis jetzt wurde kein einziges Barrel vom Markt genommen“, sagte Muyu Xu, leitender Rohölanalyst für Asien beim globalen Rohstoff- und Schifffahrtsdatenunternehmen Kpler, gegenüber der New York Times. Trotz der Angriffe flossen Öl und Gas weiterhin aus der Region. Laut dem Energieberatungsunternehmen Rystad konnte der Iran seine Exporte sogar steigern, da ihm die Kapazität fehlt, einen großen Teil des Rohöls im eigenen Land weiterzuverarbeiten.
Generell herrscht in diesem Jahr ein Überangebot an Öl. Das Ölkartell OPEC Plus, zu dem unter anderem Saudi-Arabien und Russland gehören, hat seine Produktion mehrfach erhöht – was die Ölpreise zusätzlich sinken lässt. „Die Welt hat genug Öl“, bestätigen die S&P-Analysten James Bambino und Richard Joswick in einem Bericht. Zudem gehen Analysten davon aus, dass bis zum Jahresende weiterhin viel Rohöl auf den Markt kommen wird – was den Preis weiter unter Druck setzen dürfte.
Ölpreise bleiben niedrig: Blockade der Straße von Hormus kaum befürchtet
Die größte Sorge vor Einschränkungen der Ölinfrastruktur verursachte die mögliche Drohung des Irans, die Straße von Hormus zu blockieren – eine wichtige Wasserpassage zwischen Oman und Iran, über die jährlich Millionen Tonnen Rohöl exportiert werden. Eine Blockade dieser Handelsroute würde vor allem China treffen, das den Großteil des iranischen Öls abnimmt. Iranische Ölexporte in die USA und nach Europa sind durch Kaufverbote in den letzten Jahren stark zurückgegangen.
„Alle konzentrierten sich darauf, dass auf die Meerenge geschossen würde. Sobald klar war, dass das nicht passieren würde, sanken die Risikoprämien“, erklärt Amrita Sen, Gründerin des Marktforschungsunternehmens Energy Aspects gegenüber der Financial Times.
Weiterhin ergänzen die S&P-Analysten James Bambino und Richard Joswick: „Selbst wenn die iranischen Exporte beeinträchtigt werden, sind die physischen Ölreserven ausreichend, solange die Straße von Hormus offen bleibt – und wir gehen davon aus, dass dies der Fall sein wird.“
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