Modellrechnung
Trotz Gaspreis-Schock: Boykott ist schärfste Waffe gegen Putin
Deutsche Verbraucher zittern: Russland droht wegen des Ukraine-Konflikts eine Explosion beim Gaspreis an. Doch eine Sanktion würde Putin schwerer treffen als den Westen.
Berlin/Kiel – Nach der Eskalation im Ukraine-Konflikt nimmt der Handelskrieg Fahrt auf: Nach dem vorläufigen Aus des umstrittenen Gaspipeline-Projekts Nord Stream 2 hat Russland der Europäischen Union (EU) vor einer Kostenexplosion des Gaspreises gewarnt. Doch nach einer Berechnung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) handelt es sich dabei um eine weitgehend leere Drohung von Präsident Wladimir Putin. Denn ein Lieferstopp würde Moskau „sehr viel härter treffen, als die westlichen Verbündeten“, teilte IfW-Studienautor Hendrik Mahlkow mit. Dennoch ging am Mittwoch das laute Säbelrasseln um das Gas weiter.
Ukraine-Konflikt: Russland droht mit hohem Gaspreis – doch ein Embargo würde Präsident Wladimir Putin hart treffen
Die Kieler Forscher simulierten in einem Modell einen vollständigen Lieferstopp, getrennt nach unterschiedlichen Produktgruppen. Das Ergebnis: Vor allem mit einem Boykott beim Gas könnten Deutschland und die EU-Partner Russland schweren wirtschaftlichen Schaden zufügen. Demnach hätte ein Handelsstopp mit Gas mittelfristig einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung, die zu einem Großteil von Energieexporten abhängt, um 2,9 Prozent zur Folge. Deutschland könnte den Ausfall durch andere Handelspartner kompensieren und sogar das Bruttoinlandsprodukt leicht um 0,1 Prozent steigern. Dabei spielt keine Rolle, von welcher Seite ein Lieferembargo verhängt werden würde.
Wie wirksam eine Sanktionierung bei der Gaslieferung wäre, zeigt ein Vergleich der unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche. Laut dem IfW-Modell würde ein vollständiger Verzicht auf russisches Öl die Wirtschaftsleistung um nur 1,2 Prozent schrumpfen lassen. Ein Embargo für Maschinen und Maschinenteile drücke Putins Wirtschaftskraft um 0,5 Prozent nach unten, eines auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile um 0,3 Prozent. Die Auswirkungen auf Deutschland: stets minimal, so Studienautor Mahlkow.
Die IfW-Berechnungen rücken die Kräfteverhältnisse in dem aufziehenden Wirtschaftskrieg in ein neues Licht. Nachdem Russland am Montag Putin die selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten anerkannt und die Entsendung russischer Truppen als Schutzmacht in die ostukrainischen Provinzen angekündigt hatte, hatte die EU umgehend scharfe finanz- und wirtschaftspolitische Sanktionen gegen russische Personen und Unternehmen auf den Weg gebracht. Deutschland legte zudem das Genehmigungsverfahren für das deutsch-russische Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 auf Eis.
Preis für Gas: Sanktionen der EU will Russland hart parieren – doch die Auswirkung für Deutschland ist gering
Die Antwort aus Moskau folgte prompt. So drohte Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew in einem Tweet mit deutlich steigenden Gaspreisen in Europa. „Nun gut, herzlich willkommen in der neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen“, schrieb der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats und versetzte damit deutsche Verbraucher in Schockstarre. Nachdem der Gaspreis auch ohne die Ukraine-Krise seit Monaten in die Höhe schießt, zittern jetzt viele vor einer weiteren Preisspirale. Erst recht, weil Deutschland derzeit noch fast 50 Prozent des Verbrauchs mit russischem Gas abdeckt.
Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!
Aus Sicht der deutschen Politik ist die Versorgungssicherheit in Deutschland aber gewährleistet. Bereits im Vorfeld der sich zuspitzenden Ukraine-Krise hatten die europäischen Partner nach Lieferalternativen Ausschau gehalten. Dennoch hielt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) es Anfang der Woche nicht für ausgeschlossen, dass die Gaspreise kurzfristig noch einmal anziehen könnten. Doch die Frage ist nun, ob Russland wirklich seine Drohung durchzieht oder doch am Ende einknickt. Zumindest kann Deutschland offenbar hoch pokern – sofern sich die Kieler Forscher nicht verrechnet haben. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
Rubriklistenbild: © Pavlo Palamarchuk/Alexei Nikolsky/dpa
