„Dirk am Deich“: Gieselmann über die Tiefe des Raumes und die Erinnerung

Die vierte Dimension

Dirk Gieselmann schreibt regelmäßig für die DeichStube über sein Leben als Werder-Fan.

Von Dirk Gieselmann. Ich bin nicht schlau genug, um Albert Einstein zu verstehen. Aber als Kind habe ich gelernt, dass es drei Dimensionen gibt, die Länge, die Breite und die Höhe. Ich habe das ziemlich schnell gelernt, weil ich damals so gern Fußball spielte. In Mathe war ich eine Niete.

Die Länge, das ist die Dimension von Tor zu Tor. Das habe ich gelernt, kotzend vor Erschöpfung, bei Intervallläufen den Platz hinauf und herunter, unter Flutlicht im Novemberniesel. Unser Trainer hatte uns losgejagt, ein Schleifer, der glaubte, schon in der E-Jugend fänden wir über den Kampf zum Spiel.

Die Breite, das ist die Dimension von Eckfahne zu Eckfahne. Das habe ich gelernt, wenn ich am Sonntagmorgen vor dem Heimspiel, Anstoß war um zehn, den Platz abkreiden musste, nicht wusste, wie ich mit dem verrosteten Karren um die Pfosten herumkurven sollte und dann zurückblickte auf eine unschön schlingernde Torauslinie. Die Höhe schließlich ist die Dimension darüber, im Fußball war das der verbotene Raum. Keine Bogenlampen, keine Kerzen, sagte unser Trainer immer. Flach spielen, hoch gewinnen.

Das Leben - ein abgekreideter Platz

Doch als ich älter wurde, in der B-Jugend vielleicht, stellte ich fest, dass es noch eine vierte Dimension gibt: die Zeit. Eine Zeit, die länger dauert als 90 Minuten, länger als eine Saison. Die Serien addierten sich, stapelten sich aufeinander zum Archiv. Schon war ein Sieg, war eine ganze Ära Geschichte. So war es beim TuS St. Hülfe-Heede, meinem Heimatverein, so war es auch beim SV Werder, dem Club meines Herzens. 1988 und 1993 errangen wir das Double, Kreismeister und Deutscher Meister, Seite an Seite. Aber mein Gott, wie lang ist das her?

Zu meinem Erschrecken stelle ich fest, dass ich inzwischen alt genug für die Alten Herren bin. Dass Oliver Reck längst nicht mehr so jung ist wie auf meinem Sammelbildchen von damals. Dass Otto Rehhagel gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Und dass ich, obwohl halb so alt, nur halb so viele Haare habe wie er.

Auch wer schlapp machte beim Sprint von Tor zu Tor, wer ungerade Linien mit dem Kreidekarren zog und den Ball so hoch bolzte, dass hinterher Schnee drauf lag, wird zugeben: Die vierte Dimension, die Zeit, ist die kränkendste von allen. Sie führt uns die Endlichkeit vor Augen, als wäre das Leben selbst ein Platz, der abgekreidet ist. Und wenn man irgendwann die Linie überquert, steht man im Aus. Ausgewechselt für immer. Herausgenommen aus dem großen Spiel.

Die Erinnerung tut weh, doch sie ist auch tröstlich

Ich denke zurück an die, die diese Linie überquert haben. Bruno Pezzey, den Libero des SV Werder, dessen Herz stehen blieb, viel zu früh, beim Eishockey. Ich denke an Sascha, unseren besten Stürmer damals, Torschützenkönig der Kreisklasse, Staffel Süd. Er ging von uns mit Mitte 30. Ich denke zurück an all die anderen. Wo sind sie jetzt? Weit über dem Platz, wo keine Kerze, keine Bogenlampe hinreicht.

Ich vermisse sie, den einen so, den anderen so. Die Erinnerung tut weh, doch sie ist auch tröstlich: Dort spielen sie noch immer Fußball. Schießen Tore und verhindern sie, gewinnen und verlieren, für immer jung. Manchmal, bei ganz besonderen Spielen, wirft das Flutlicht seine langen Schatten auf den Platz, der lang ist und breit und manchmal hoch.

Die vierte Dimension, auch das hat mir der Fußball beigebracht, ist keine Straße, die in nur eine Richtung führt. Sie ist ein Raum, den man begehen kann. Ein Museum des Vergangenen, das doch nie ganz vergehen wird. Etwas ist nur dann lange her, wenn man die Zeit in Jahren misst. Ich messe sie gar nicht. Wie gesagt: In Mathe war ich eine Niete. Aber dafür ein recht passabler Vorstopper beim TuS St. Hülfe-Heede.

Dirk Gieselmann

Das ist Dirk Gieselmann: Geboren 1978, aufgewachsen in Sankt Hülfe-Heede nahe Diepholz, groß geworden beim Magazin „11 Freunde“, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen- und dem Deutschen Reporterpreis, mittlerweile in Berlin lebend, als Freier Autor für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel online“ arbeitend und jetzt auch Mitbewohner in der DeichStube. Regelmäßig wird Dirk Gieselmann in seiner Kolumne „Dirk am Deich“ über sein Leben als Werder-Fan berichten.

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