Sportchef spricht über Harnik und den Werder-Sturm
Baumann im Interview: „Schlitzohr mit Zug zum Tor“
Bremen - Frank Baumann hat schon wieder zugeschlagen. Am Freitag präsentierte der Sportchef des SV Werder Bremen Stürmer Martin Harnik als schon dritten Neuzugang für die kommende Saison in der Fußball-Bundesliga.
Vor dem für etwa zwei Millionen Euro von Hannover 96 verpflichteten Stürmer hatte Baumann bereits Offensivmann Yuya Osako von Absteiger 1. FC Köln (sechs Millionen Euro Ablöse) und Mittelfeldmann Kevin Möhwald (1. FC Nürnberg/ablösefrei) verpflichtet.
Für Harnik ist es nach neun Jahren eine Rückkehr zu Werder und der zweite Anlauf, in Bremen glücklich zu werden. Was für die Rückholaktion des 30-Jährigen sprach und wie er die Zusammenstellung des Bremer Sturms nun beurteilt, erklärt Frank Baumann im Interview mit der DeichStube.
Aus welchen Gründen haben Sie Martin Harnik zu Werder zurückgeholt?
Frank Baumann: Martin bringt ja schon sehr viel Erfahrung mit, er hat seine Qualitäten in der Bundesliga immer wieder unter Beweis gestellt. Er ist ein Spieler, der einen Zug zum Tor, Tempo und Torgefahr mitbringt. Er ergänzt unser Spiel und wird uns sehr helfen.
Harnik spricht selbst von seiner tiefen Verbundenheit zu Werder – wie sehr hat das auch eine Rolle gespielt bei seiner Verpflichtung?
Baumann: Eine Identikation mit dem Club ist immer gut und uns auch wichtig. Das war jetzt aber nicht das schwerwiegendste Kriterium. Die sportlichen Qualitäten sind entscheidend – und es geht auch um ihn als Typ. Mit seiner unbekümmerten, schlitzohrigen Art wird er uns sehr guttun. Wir haben in der Offensive jetzt eine Zusammenstellung verschiedener Charaktere – da passt Martin sehr gut hinein. Es hilft natürlich auch, dass wir ihn schon aus der Vergangenheit gut kennen, da sind wir vor Überraschungen gefeit.
Relativ ähnlich scheint Harnik aber mit seinem Freund Max Kruse zu sein.
Baumann: Ich würde sie vom Typ her aber nicht gleichsetzen. Natürlich sind beide gute, lustige Typen. Die aber auch gut trennen können zwischen dem Spaß und dem Ernst an der Arbeit. Und natürlich sind sie gute Freunde. Aber wir haben ja nicht nur die beiden, sondern insgesamt 26 Spieler im Kader. Und da muss die Mischung passen.
Von diesen 26 gehören nach aktuellem Stand zehn in den Bereich Offensive – Namen wie Yuning Zhang und Lennart Thy, die aktuell allerdings keine Bundesliga-Perspektive in Bremen besitzen – noch mit eingerechnet. Werden Sie da personell ausdünnen müssen?
Baumann: Wir wollen im Offensivbereich breit aufgestellt sein, wollen verschiedene Spielertypen haben. Weil die Offensive ein Bereich ist, in dem während eines Spiels oft gewechselt wird, wo auch mal ein frischer Impuls und neuer Schwung von der Bank kommen muss. Darüberhinaus wollen wir von unserer Grundausrichtung her auch flexibel sein. Spielen wir mit zwei oder drei Stürmern, brauchen wir zusätzlich jemanden auf außen oder Spieler, die sich in den Zwischenräumen bewegen? Ich finde, dass wir da jetzt gut aufgestellt sind.
Und zehn Spieler sind nicht doch ein paar zu viel?
Baumann: Grundsätzlich ist es so: Wir haben in Ishak Belfodil einen Stürmer verloren. Und wir sind bei Aron Johannsson gesprächsbereit, wenn für ihn ein passendes Angebot kommen wird. Dazugeholt haben wir neben Martin Harnik noch Yuya Osako, so dass wir im Endeffekt die gleiche Anzahl an Stürmern hätten wie im vergangenen Jahr.
Harnik ist der neue Belfodil, der vom 1. FC Köln geholte Osako der neue Johannsson – liegen für Letzteren schon konkrete Angebote vor?
Baumann: Aktuell nicht. Da müssen wir noch Geduld haben und abwarten, was in den nächsten Wochen passiert. Es ist ja aber noch früh, die Transferphase beginnt erst.
Wie hat Johannsson auf den Plan des Vereins reagiert, ihn trotz seines bis 2019 laufenden Vertrags abgeben zu wollen?
Baumann: Aron möchte natürlich auch mehr spielen. Deswegen ist er da offen. Klar, es muss für ihn auch passen. Wenn ein attraktives Angebot reinkommt, wäre er auch für eine Veränderung offen.
Man muss aber annehmen, dass er nicht zuletzt wegen seiner nicht enden wollenden Verletzungsgeschichten ein schwer vermittelbarer Spieler ist.
Baumann: Nein, das glaube ich nicht. Er hat ja auch gezeigt, dass er über 90 Minuten gehen kann und er dabei seine Qualitäten einbringen kann. Da gibt es schon einen Markt für ihn.
Martin Harnik: Seine Karriere in Bildern




Der Sturm wird durch die Verpflichtung des bald 31 Jahre alten Harnik etwas betagter. Auch Kruse (30) und Fin Bartels (31) kommen in die Jahre. Wird die Bremer Offensive zu alt?
Baumann: Wenn man sich die Gesamtheit anschaut, haben wir schon eine gute Mischung in der Offensive. Max, Martin und Fin sind sicherlich die erfahrenen Spieler. Mit Yuya Osako und Florian Kainz (28 und 25 Jahre alt, d. Red.) haben wir zwei im mittleren Alter. Und in Milot Rashica, Johannes Eggestein und – wenn man ihn schon dazuzählen möchte – auch in Josh Sargent verfügen wir über drei Spieler mit Potenzial (Alter: 21, 20 und 18 Jahre, d. Red.). Ich finde, das passt. Wir sind im Bereich Offensive nicht zu alt.
Zwischen Martin Harnik und Max Kruse besteht die besonders enge Verbindung der gemeinsamen Vergangenheit beim SC Vier- und Marschlande sowie später bei Werder. Beide nennen es einen in Erfüllung gegangenen Traum und Wunsch, nochmal zusammenspielen zu können. Das klingt schön romantisch. Wie sehr müssen Sie aber ein Auge darauf haben, dass die persönlichen Ambitionen nicht die Teamziele überlagern?
Baumann: Gar nicht. Weil die beiden so professionell sind, dass sie nicht die Eigeninteressen über die Teaminteressen stellen werden. Auf keinen Fall halte ich das für möglich.
Von außen betrachtet scheint der Harnik-Transfer mit einem enormen Preisverfall des Spielers innerhalb nur weniger Monate verbunden zu sein. Im Januar, als Werder das erste Mal Interesse gezeigt hatte, sollte er noch sieben Millionen Euro kosten, jetzt war er angeblich für zwei Millionen Euro zu haben.
Baumann: Vorweg: Ich bestätige keine der Summen, das ist alles Spekulation. Aber ja: Seit dem Winter hat sich die Lage komplett verändert. Damals war Hannover noch nicht aus dem Abstiegskampf heraus und Martin ein wichtiger Spieler im Team. 96 hätte ihn deshalb – wenn überhaupt – nur bei einem sehr hohen Angebot gehen lassen. Deswegen war ein Transfer für uns nicht machbar. Das mussten wir akzeptieren und vernünftig bleiben. Jetzt ist eine neue Situation entstanden, mit der wir finanziell sehr gut leben können.
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