1:2-Niederlage in Stuttgart
Taktik-Analyse: Mutige Bremer rennen in Unterzahl ins Verderben
Stuttgart - Trotz fast sechzig Minuten in Unterzahl: Werder Bremen ärgert sich nach der 1:2-Niederlage über verlorene Punkte. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher sucht nach Gründen, wieso Werder auch zu zehnt die Partie dominierte – und wieso die Bremer am Ende in ihr Verderben liefen.
Der gute Start in die Saison beweist: Werder Bremen beherrscht die Grundlagen des Spielsystems, das Trainer Florian Kohfeldt vorgibt. Das erlaubt dem Coach nun, in seinen taktischen Planungen etwas flexibler zu denken. Schon beim 3:2-Sieg über Augsburg und beim 3:1-Erfolg gegen Hertha BSC passte Kohfeldt seine Mannschaft an den Gegner an. Auch den VfB Stuttgart hatte Kohfeldts Trainerteam offensichtlich ausgiebig beobachtet.
Guter Plan...
Nuri Sahin und Philipp Bargfrede standen erstmals gemeinsam in der Startelf. Die beiden Spielmacher aus der Tiefe bekleiden eigentlich die Sechser-Position im zentralen Mittelfeld. Gegen Stuttgart rückte Bargfrede jedoch in die Abwehr. Bremen agierte folglich mit drei Innenverteidigern in einem 5-3-2-System.
Kohfeldts Wahl leuchtet ein: Gegen Stuttgarts Mittelfeld-Raute war Bremen im Zentrum stark besetzt. Sahin störte die Kreise von Stuttgarts Zehner Didavi. Stuttgarts Doppelsturm war gegen Bremens Dreierkette in Unterzahl. Auf den Flügeln konnten die Außenverteidiger Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson weit nach vorne rücken und die Lücken auf Stuttgarts Außen-Positionen attackieren. Eine Mittelfeld-Raute ist aufgrund der zentralen Rolle ihrer vier Mittelfeldspieler auf den Außen anfällig.
Bremen schien zudem Spielzüge einstudiert zu haben, die Stuttgarts Schwächen ausnutzen sollten. Stuttgart möchte aus der eigenen 4-3-1-2-Ordnung Ballgewinne im Mittelfeld erzwingen. Dazu rückt die gesamte Mannschaft vor, sobald der Ball ins Zentrum gelangt. Bremen spielte in diesen Situationen sofort Bälle hinter die Abwehr, um die aufrückende Viererkette zu bezwingen. Max Kruse kam so immer wieder auf der linken Seite an die Grundlinie.
… Mittelmäßige Ausführung
Ganz reibungslos funktionierte der Bremer Plan nicht. Den Bällen hinter die Abwehr fehlte die Feinabstimmung, sodass diese zu oft im Aus landeten. Dadurch dass Kruse und Yuya Osako häufig auf die Flügel auswichen, fehlten sie im Zentrum. Daher hatte Bremen Probleme, nach Ballverlusten im Zentrum sofort nachzusetzen.
Das Gegenpressing litt auch unter dem neuen 5-3-2-System, das nicht perfekt abgestimmt schien in der Rückwärtsbewegung. Gerade im zentralen Mittelfeld taten sich Lücken auf. Sahin konnte diese mangels Geschwindigkeit nicht immer füllen. Es kam, wie es kommen musste: Stuttgart, bis zu diesem Zeitpunkt völlig harmlos, ging nach einem exzellent gespielten Konter mit 1:0 in Führung (19.).
Wenig später sah zu allem Überfluss auch noch Verteidiger Milos Veljkovic die gelb-rote Karte (36.). Stuttgart stellte sofort auf ein defensives 4-4-2 um. Kohfeldt wiederum war gezwungen, die Fünferkette aufzulösen und fortan in einem 4-4-1-System spielen zu lassen. Die Partie schien früh entschieden.
Bremen in Unterzahl überlegen
Doch nach der Pause kam alles anders. Bremen dominierte fortan die Partie, während Stuttgart nur hinterherlief. Dies hatte auch mit dem Systemwechsel der Stuttgarter zu tun: Innerhalb ihres flachen 4-4-2 übten sie kaum Druck auf das zentrale Mittelfeld aus. Sahin, in der ersten Hälfte stets bewacht von Didavi, konnte nach der Pause das Spiel aus der Abwehr heraus gestalten.
Bremen baute das Spiel nun clever auf: Augustinsson rückte weit nach vorne und suchte auf links die Kombinationen. Gebre Selassie hielt sich auf halbrechts etwas stärker zurück, rückte aber ebenfalls auf, sobald Sahin sich fallen ließ. Stuttgart tat Bremen den Gefallen, den Ball nach Bremer Ballverlusten schnell wieder herzuschenken. Zu keiner Zeit versuchte Stuttgart, die eigene Überzahl auszuspielen, beispielsweise über ein ruhiges Ballbesitzspiel. Stuttgarts Spiel verbesserte sich auch nicht, als Trainer Tayfun Korkut mit der Einwechslung von Erik Thommy zurückstellte auf ein Rautensystem.
Totale Offensive mit Folgen
In der 67. Minute ging Kohfeldt volles Risiko. Stürmer Claudio Pizarro kam für Bargfrede, Rechtsaußen Martin Harnik für Linksverteidiger Augustinsson. Bremen agierte fortan auf dem Papier in einem 4-2-3-System. Praktisch waren jedoch fast alle Positionen offensiv besetzt: Sahin als Innenverteidiger, Eggestein als Linksverteidiger, Osako als Sechser. Die Devise: Vollgas für den Ausgleich!
Der kam nur eine Minute später. Stuttgart schenkte Werder den Treffer durch einen kuriosen Einwurf (68.). Plötzlich wirkten Kohfeldts Umstellungen nicht mehr wagemutig, sondern wie ein Himmelfahrtskommando: Werder war viel zu offensiv aufgestellt, um ein 1:1-Unentschieden zu halten. Gerade im Zentrum klaffte eine riesige Lücke, welche die Doppelsechs Klaassen-Osako nicht füllen konnte. Sahin und Eggestein fremdelten zudem deutlich mit ihren ungewohnten Rollen, sodass Bremen komplett anfällig war auf der halblinken Seite. Stuttgart konnte nun erstmals in der Partie seinen eigenen Plan durchführen: Bälle im Mittelfeld gewinnen, schnell kontern. Auch nach dem 1:2 (75.) hatte Stuttgart zahllose weitere Chancen.
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Trotz frühem Rückstand, trotz Unterzahl: Für Bremen wäre mehr drin gewesen in dieser Partie. In den ersten dreißig Minuten fehlte die Präzision, in den folgenden dreißig Minuten das Glück – und in der Schlussphase die Cleverness. Kohfeldts totale Offensive entpuppte sich als naiv.
Hätte der VfB sein Slapstick-Eigentor eine Minute früher geworfen – Kohfeldt hätte wohl anders gewechselt. Und vielleicht wäre Werder dann nicht derart ins offene Messer gelaufen, wie in den Schlussminuten. Das fehlt Bremen eben noch zur absoluten Spitzenmannschaft.
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