DeichStube-Interview

„Ich bin nicht nur ein Sparringspartner“: Ex-Werder-Profi Jung über seine neue Rolle in Freiburg, seine Rückkehr nach Bremen und Nachfolger Coulibaly

Anthony Jung spricht im DeichStube-Interview über Wiedersehen mit Werder Bremen, Start beim SC Freiburg und SVW-Liebe seines Sohns.

Bremen – Genau 130 Pflichtspiele in vier Jahren hat Anthony Jung für den SV Werder Bremen bestritten. Mit den Grün-Weißen stieg der Verteidiger in die Bundesliga auf und trug dort mit dazu bei, dass sich Werder zunächst stabilisierte und später sogar an den internationalen Plätzen kratzte. Nun kehrt der 33-Jährige, der im Sommer ablösefrei zum SC Freiburg wechselte, am Samstag (15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) zum erst zweiten Mal in seiner Karriere als gegnerischer Spieler ins Weserstadion zurück. Im DeichStube-Interview spricht Jung über seine neue Rolle in Freiburg, Werders Saisonstart und seine Rückkehr nach Bremen. Außerdem verrät er, was für ihn in dieser Saison ein Traum wäre – und welche Eigenschaft er am Bremer Nachwuchstalent Karim Coulibaly besonders bewundert.

Kehrt am Samstag ins Weserstadion zurück: Anthony Jung trifft erstmals mit dem SC Freiburg auf seinen Ex-Club Werder Bremen.

SC Freiburgs Anthony Jung im Interview über Werder Bremen und Talent Karim Coulibaly

Herr Jung, wie intensiv verfolgen Sie aktuell noch, was in Bremen passiert?

Wenn möglich, versuche ich immer die Spiele zuschauen. Am vergangenen Sonntag saß ich gemeinsam mit meinem Sohn, der weiterhin ein großer Werder-Enthusiast ist, vor dem Fernseher und wir haben uns das Spiel in Gladbach angeschaut. Ich habe eine lange Zeit in Bremen verbracht und bin deshalb weiterhin sehr am Verein interessiert.

Standen Sie dann jubelnd vor dem Fernseher, als die Tore gefallen sind?

Ich bin jetzt nicht extra aufgesprungen (lacht). Aber natürlich haben wir uns gefreut. Ich hatte zum Beispiel erst in der vergangenen Woche noch Kontakt mit Romano Schmid und freue mich dann natürlich, wenn er den Elfmeter verwandelt. Es war allgemein sehr spannend für mich als Außenstehenden, auch aufgrund der vielen Änderungen. Da schaue ich dann zum Beispiel auch auf den jungen Karim Coulibaly, der eben auf meiner früheren Position agiert.

Wie genau sehen Sie denn seine Leistung?

Ich finde es wirklich stark, wie er bisher auftritt. Natürlich hatte er auch den Fehler gegen Leverkusen, aber mit seinem späten Tor danach eben eine typische Fußball-Geschichte geschrieben. Das wird für den Jungen sicherlich hochemotional gewesen sein. Mir gefällt an ihm, dass er sehr mutig spielt. Natürlich gehst du bei so einem hohen Risiko, wie er es eingeht, auch mal ein paar Fehler ein, aber es ist trotzdem sehr bemerkenswert, dass er weiter mit so viel Mut an die Sache herangeht. Er wirkt sehr selbstbewusst und klar im Kopf – Attribute, die einem speziell in diesem Alter enorm weiterhelfen. Dieses selbstbewusste Auftreten in so jungen Jahren bewundere ich, da es nicht selbstverständlich ist.

Anthony Jung im Interview: Profi vom SC Freiburg spricht über Ex-Kollegen und lobt Werder Bremen

Sie haben eben schon den Kontakt zu Romano Schmid angesprochen: Mit welchem ehemaligen Kollegen haben Sie noch den intensivsten Austausch?

Ich bin schon noch mit einigen regelmäßig in Kontakt. Ob es ein Marco Friedl oder ein Romano Schmid ist – ich habe auch mit Mitchell Weiser nach seiner schweren Verletzung telefoniert. Zudem habe ich weiterhin viel Kontakt zu Michael Zetterer und Marvin Ducksch. Wir tauschen uns regelmäßig darüber aus, wie die Situation in Bremen aussieht.

Sie hatten mal erzählt, dass Sie und Ducksch sich immer in allen erdenklichen Sportarten duelliert haben: Findet das jetzt online statt?

Das ist gar keine so schlechte Idee (lacht). Wir beide haben weiterhin ein sehr gutes Verhältnis und uns in Bremen sehr gut verstanden. Ich freue mich immer darauf, mit ihm und auch mit den anderen zu sprechen. Mit Werder und unserer gemeinsamen Zeit haben wir natürlich immer ein Thema.

Wie blicken Sie denn allgemein auf den Saisonstart von Werder?

Es war schon ein echter Achterbahnstart. Sie hatten sowohl im Pokal als auch in der Bundesliga zwei schwere Auswärtsspiele. Gegen Leverkusen hat man es dann aber geschafft, mit einer sehr starken Mentalität in Unterzahl zurückzukommen – das war natürlich eine großartige Mannschaftsleistung. Man spürt jetzt, dass nach dem Ende des Transferfensters wieder mehr Ruhe im Kader herrscht und man sich wieder stärker auf das Wesentliche konzentrieren kann. Dazu ist Jens Stage zurück, der einfach enorm wichtig für dieses Team ist. Auch die Neuzugänge haben mir in Gladbach gut gefallen. Insgesamt hat man auch spielerisch eine Entwicklung gesehen, weshalb sie hochverdient als Sieger in Gladbach vom Platz gegangen sind.

Was zeichnet die Mannschaft Ihrer Meinung nach aus?

Mir gefällt der spielerische Ansatz, da Horst Steffen – ähnlich wie zuvor schon Ole Werner – versucht, über Ballbesitzfußball erfolgreich zu sein. Dazu ist auch individuelle Qualität neu hinzugekommen. Victor Boniface ist zum Beispiel eigentlich der berühmte Last-Minute-Transfer von Werder. Dadurch ist Werder offensiv natürlich sehr flexibel, da mehrere Spieler unterschiedliche Positionen bekleiden können. Es hat wirklich Spaß gemacht, Werder zuzuschauen. Wir wären ohnehin gewarnt gewesen, weil es im Weserstadion nie einfach ist zu spielen. Aber durch diesen Auftritt wissen wir noch mehr, dass Werder nun mit ordentlich Rückenwind auflaufen wird. Deshalb werden wir auf allerhöchstem Niveau agieren müssen, um am Samstag in Bremen zu bestehen.

Werder Bremens Ex-Spieler Anthony Jung spricht im DeichStube-Interview über Start und Rolle beim SC Freiburg

Blicken wir auf Ihre Situation beim SC Freiburg: Wie gut sind Sie und Ihre Familie im Breisgau angekommen?

Uns geht es hier sehr gut. Wir sind als Familie schon seit geraumer Zeit in unserem neuen Zuhause. Unser großer Sohn hat nun auch mit der Eingewöhnung im Kindergarten begonnen. Außerdem bin ich von der Mannschaft sehr gut aufgenommen worden.

Es waren ja auch andere Vereine an Ihnen interessiert – was hat letztlich den Ausschlag für Freiburg gegeben?

Da brauchte ich eigentlich keine lange Überlegung, denn Freiburg ist für mich ein großes Privileg und zugleich eine große Chance. Natürlich auch eine Herausforderung, die ich aber bewusst gewählt habe.

Sie haben im DeichStube-Interview im Mai gesagt, dass Sie immer noch ein sehr wettkampforientierter Typ sind – mit welchen persönlichen Ambitionen sind Sie in die Saison gestartet?

Für mich gibt es drei Voraussetzungen, um überhaupt Leistung bringen zu können: Spaß, Gesundheit und Fitness. Natürlich habe ich hier eine andere Rolle als in meinen vier Jahren in Bremen – die letzten Spiele der vergangenen Rückrunde vielleicht ausgenommen. Mir war bei meinem Wechsel bewusst, dass ich Geduld mitbringen muss, da ich hier auf eine Mannschaft gestoßen bin, die in großen Teilen schon seit vielen Jahren zusammenspielt.

Sie standen bislang nur einmal in vier Pflichtspielen auf dem Platz. Wie würden Sie Ihre aktuelle Rolle im Team beschreiben?

In der Innenverteidigung ist die Konkurrenz wirklich hoch. Meine Rolle ist deshalb zunächst die des Herausforderers. Gleichzeitig schiele ich aber auch auf die drei Wettbewerbe, in denen es zu Rotationen kommen wird, sodass ich auf mehr Minuten kommen kann. Für mich ist klar: Ich bin nicht nur ein reiner Sparringspartner. Ich hätte auch einen anderen Weg gehen und mich für eine Rolle entscheiden können, in der sich die Dinge etwas mehr um mich drehen. Aber der Schritt nach Freiburg war bewusst gewählt. Das soll für mich kein Sommerurlaub werden – ich fühle mich körperlich und mental sehr fit und möchte mich täglich verbessern, um über Training und Spielminuten zu zeigen, warum der Verein mich unbedingt verpflichten wollte.

Sie sprechen die drei Wettbewerbe bereits an. Wie groß war der Faktor Europa League bei Ihrer Entscheidung?

Mit fast 34 Jahren noch mein internationales Debüt feiern zu können, wäre natürlich ein absoluter Traum. Ausschlaggebend für meinen Wechsel war das zwar nicht, aber es war dennoch ein Faktor. Deshalb ist es mein Ziel und meine Aufgabe, dass ich immer einsatzfähig bin, um, wenn nach dem Bremen-Spiel die Dreifachbelastung startet, sofort performen zu können.

Vor Duell mit Werder Bremen: SC Freiburgs Anthony Jung im Interview über Saisonstart und Rückkehr ins Weserstadion

Ihr Team ist mit zwei überraschenden Niederlagen gestartet – wie gut tat jetzt der Sieg gegen Stuttgart?

Wir hatten uns natürlich etwas anderes vorgenommen. In zwei Spielen haben wir sieben Gegentore kassiert und mussten uns erstmal schütteln und neu ausrichten. Der späte Sieg im Derby gegen Stuttgart hat uns nun aber sehr geholfen. Dennoch ist es weiterhin ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist und jeden Tag harte Arbeit erfordert, um wieder dahinzukommen, wo Freiburg im letzten Jahr stand. Denn schon als Gegner wusste ich: Gegen Freiburg ist es immer eklig, weil das Team auf dem Platz Kilometer frisst, sehr intensiv auftritt und defensiv kompakt steht. Diese ehrliche Basis zeichnet den Club ein Stück weit aus – und daran arbeiten wir aktuell, um dieses Fundament wieder zu festigen.

Blicken wir auf das Duell am Samstag: Wie sehr freuen Sie sich auf Ihre schnelle Rückkehr ins Weserstadion?

Ich freue mich enorm auf das Spiel, da ich in Bremen viele Freunde gewinnen konnte. Ich finde es auch besser, dass das Wiedersehen nicht so lange auf sich warten lässt, sondern die Partie so schnell kommt. Deshalb spüre ich große Vorfreude, auch wenn es etwas ungewohnt sein wird, in anderen Farben das Stadion zu betreten.

Haben Sie Ihrem Sohn schon erklärt, dass er dann für Freiburg jubeln muss?

(lacht) Das habe ich ihm ganz offengelassen. Was auch immer er bejubeln möchte, darf er bejubeln – bei uns zuhause wird nichts aufgezwungen. Er ist weiterhin ein großer Werder-Anhänger. Er ist in Bremen groß geworden, sein erster Stadionbesuch war im Weserstadion. Ab und zu läuft im Auto auch heute noch das Werder-Lied. Er nimmt das „Lebenslang Grün-Weiß“ also sehr ernst (lacht).

Worauf dürfen sich die Fans am Samstag freuen, und wie geht es am Ende aus?

Ich denke, die Zuschauer dürfen sich auf ein gutes Spiel freuen, in dem es keine lange Abtastphase geben wird. Wir kommen mit leichtem Rückenwind, und auch Werder hat zuletzt ordentlich Selbstbewusstsein gesammelt. Dazu entfaltet das Weserstadion immer eine gewisse Wucht, die wir einzudämmen versuchen müssen. Und zum Ergebnis: Trotz aller Sympathie bin ich ehrgeizig genug und möchte mit dem SC in Bremen punkten. Deshalb sage ich, es wird am Ende aus Bremer Sicht 1:2 ausgehen. Das verzeihen mir die Werder-Fans aber, glaube ich (lacht). (bvo)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Arne Amberg

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