Werder-Routinier im DeichStube-Gespräch
„Den Bremer Jungs gleich mal zeigen, was in Cottbus abgeht“: Bittencourt im Interview über Werder-Abschied und Rückkehr in die Heimat
Leonardo Bittencourt spricht im Interview über seine Verbundenheit mit Werder Bremen, den besonderen Wechsel zu Energie Cottbus und seine Zukunft.
Die Bedingungen passen, als Leonardo Bittencourt das Gespräch entgegennimmt. Während das Thermometer draußen allmählich an der 40-Grad-Marke kratzt, ist es im Hotelzimmer des 32-Jährigen angenehm kühl, „ganz entspannt“, wie er sagt. Beste Voraussetzungen also für ein Gespräch mit der DeichStube, in dem es natürlich um Bittencourts sieben Jahre beim SV Werder Bremen und um seinen überraschenden Wechsel zurück in die Heimat zum FC Energie Cottbus geht. Aber auch um: Rückennummern, einen weinenden Vater, versteckte Zettel im Spind und – ganz wichtig – die drängende Frage nach der Zukunft des „Dreierlachses“.
Werder Bremen-Ex Leonardo Bittencourt im Interview über besonderen Wechsel zu Energie Cottbus
Herr Bittencourt, sind Sie ein Fußball-Romantiker?
Könnte man auf jeden Fall denken, wenn man sich meinen Wechsel nach Cottbus anschaut, denn das ist definitiv eine romantische Geschichte: Zurück in die Heimat, zum Club, bei dem mal alles angefangen hat. Deswegen bin ich den Schritt aber nicht gegangen. Die Gespräche mit Cottbus haben mich von allen, die ich geführt habe, einfach am meisten überzeugt.
Für die Öffentlichkeit war Ihre Entscheidung eine große Überraschung, von „Transfer-Sensation“ war sogar zu lesen – zumal Ihnen auch andere Optionen vorgelegen haben sollen. Was hat letztlich den Ausschlag für Cottbus gegeben?
Das Telefonat mit dem Trainer (Claus-Dieter „Pele“ Wollitz, Anm. d. Red.) war ganz wichtig für mich. Zu dem Zeitpunkt, als er angerufen hat, stand eigentlich schon fest, dass ich Deutschland verlassen werde. In Griechenland und Spanien gab es spannende Optionen, die wir uns als Familie sehr gut hätten vorstellen können. Wir wollten etwas ganz Neues ausprobieren, ein Abenteuer wagen …
… und dann stand plötzlich der Name Pele Wollitz auf Ihrem Handy-Display.
Genau (lacht). Es war nur ein kurzes Telefonat, aber er hat mich mit seinen Ideen, mit seiner Energie und Begeisterung so gepackt, dass ich wieder ins Überlegen gekommen bin. Das Gespräch hat mich richtig aufgewühlt, das war wie ein Zeichen für mich. Ich war an dem Wochenende auf einer Hochzeit eingeladen und mein Plan war: Da fliege ich hin, und danach entscheide ich mich. Einen Tag vor Abflug hat Pele angerufen, sodass ich plötzlich mit drei Optionen in den Flieger gestiegen bin. Bei Cottbus hatte ich insgesamt das beste Gefühl. Sportlich, menschlich und familiär. Wir kennen die Stadt, die Leute und den Verein. Die Familie meiner Frau lebt hier. Es fühlt sich wirklich wie Nachhausekommen an.
Fußball-Romantik: Werder Bremens Ex-Spieler Leonardo Bittencourt über Rückkehr zu Energie Cottbus
Sie haben im April 2011 im Alter von 17 Jahren in der 2. Liga Ihr Profidebüt für Cottbus gefeiert. Der Trainer hieß auch damals Pele Wollitz, der Ihnen als Nachwuchstalent das Vertrauen geschenkt hat.
Ja, uns verbindet eine lange Geschichte. Ich habe damals sehr von den erfahrenen Jungs im Kader profitiert und konnte Dank ihnen und der Unterstützung des Vereins meinen Weg gehen, der dann über viele Stationen geführt hat – bis zurück nach Cottbus. Jetzt möchte ich dem Club etwas zurückgeben. Wir haben gute Kicker in der Mannschaft, denen ich mit meiner Erfahrung weiterhelfen kann. Es ist ein schönes Gefühl, dass sich da ein Kreis schließt.
Also doch ein Fußball-Romantiker …
(lacht) Ja, aber das sind wir doch alle ein bisschen, oder?
Absolut! Wie hat denn Ihr Vater Franklin reagiert, als er von Ihrer Rückkehr erfahren hat? Immerhin ist er selbst eine Cottbuser Vereinslegende und hat Sie als Kind nach Heimspielen auf Schultern durchs Stadion der Freundschaft getragen.
Nach dem Telefonat mit Pele habe ich ihm direkt bei WhatsApp geschrieben. Da wurde er ganz nervös. „Und wie war dein Gefühl? Leo, machst du das?“ Als ich ihm später gesagt habe: „Ich habe mich entschieden, ich gehe nach Cottbus zurück“, war er sehr glücklich. Er ist grundsätzlich nah am Wasser gebaut. Das Video, mit dem der Verein den Wechsel offiziell verkündete, hat ihn zu Tränen gerührt.
Ihr Vater hat früher in Cottbus die 21 getragen. Machen Sie das Romantik-Ding perfekt und übernehmen seine Rückennummer?
So ähnlich! Ich habe mich für die 32 entschieden, meine alte Cottbuser Nummer.
Emotionaler Abschied und klare Worte: Leonardo Bittencourt im Interview über Werder Bremen
Kommen wir zu Werder: Nach 189 Spielen, Ab- und Wiederaufstieg, vielen emotionalen Momenten und insgesamt sieben Jahren im Verein – wie kann man sich da den Abschied vorstellen?
Sehr emotional auf jeden Fall. Ich habe in Bremen viele tolle Menschen kennengelernt und große Wertschätzung erfahren. Das ist mir viel mehr wert als 189 Spiele und schöne Tore. Da sagt man nicht mal eben so „Tschüss“. Ich habe mich von allen persönlich verabschiedet, auch von den Mitarbeitern aus dem Staff und in der Geschäftsstelle. Sie haben alle ein Trikot und eine Flasche Wein von mir bekommen. Das war mir wichtig, damit wollte ich Danke sagen. Andersrum war es genauso. Ich hatte in den letzten Wochen fast täglich irgendeine Aufmerksamkeit oder einen kleinen Zettel in meinem Spind. Ich war vielleicht nicht die schillernde Nummer 10 wie Diego oder Micoud, habe aber trotzdem immer alles für den Verein gegeben und mich voll mit Werder identifiziert. Ich hoffe, dass ich in Bremen so in Erinnerung bleibe.
Wären Sie gerne geblieben?
So wie es gekommen ist, ist es gut. In der letzten Saison liefen in meinen Augen einige Dinge nicht optimal, und das habe ich intern klar angesprochen. Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, dass eine Veränderung für beide Seiten gut ist. Böses Blut gab es dabei nicht, im Gegenteil: Ich bin durch die Vordertür gegangen. Da ist nichts hängengeblieben. Unter Daniel Thioune hätte ich mir sogar vorstellen können zu bleiben. Wir haben die Gespräche aber nicht mehr aufgenommen, und das passt auch so.
Sie galten in Bremen als Spieler, dessen Wort in der Kabine Gewicht hat, der auch mal den Finger in die Wunde legt. Wer kann bei Werder in Ihre Fußstapfen treten?
Ich wollte immer vorangehen, gerade in schwierigen Phasen. Manchmal auch mit Aussagen, die etwas direkter waren und vielleicht nicht jedem gefallen haben. Mir ging es dabei immer nur um den Erfolg des Vereins. Ich glaube, dass es im Kader genug Spieler gibt, die meinungsstark sind. Mitch Weiser, Marco Friedl, Romano Schmid oder auch Jens Stage und Senne Lynen – die können alle den Mund aufmachen, wenn es nötig ist. Das war nicht immer nur ich, auch wenn das vielleicht oft so rüberkam (lacht).
Was trauen Sie Werder in der neuen Saison zu?
Das ist schwierig zu sagen, weil noch einiges passieren wird, bevor die Saison losgeht. Mit Daniel hat Werder jedenfalls einen Trainer, der ganz genau weiß, wie man eine Mannschaft führen muss. Ihn zu holen, war ein Volltreffer für den Verein. Am Anfang musste er zwar etwas schlucken, als er gesehen hat, wie gebrochen die Mannschaft nach so vielen nicht gewonnenen Spielen war. Er hat dann aber schnell einen Weg gefunden, uns wieder aufzubauen. Ich glaube, dass Werder mit ihm eine gute Saison spielen kann.
Nach Abschied von Werder Bremen: Leo Bittencourt spricht im Interview über seinen Jugendclub Energie Cottbus
Und was ist für Cottbus als Zweitliga-Aufsteiger drin?
Wir haben eine geschlossene, harmonische Truppe und kommen übers Kollektiv, nicht so sehr über die Einzelspieler. Pele weiß genau, wie er uns einschwören muss. Wenn wir spielerisch gut zusammenfinden, können wir es jedem Gegner in der 2. Liga schwer machen. Vorrangiges Ziel ist natürlich der Klassenerhalt. Dann schauen wir weiter.
Wie sehr freuen Sie sich eigentlich auf den 1. August, wenn Werder zum Testspiel in Cottbus antritt? Ziemlich schnelles Wiedersehen, oder?
Total! Schöner wäre es eigentlich nur gewesen, wenn wir uns in der ersten Pokalrunde begegnet wären. Aber auch so: Das wird für mich ein ganz besonderes Spiel. Da kann ich den Bremer Jungs gleich mal zeigen, was in Cottbus so abgeht (lacht).
Schon gesehen? Verfolgt das Testspiel Werder Bremen gegen Energie Cottbus im DeichStube-Liveticker!
Sie werden im Dezember 33 Jahre alt und haben laut Vereinsangaben einen „langfristigen Vertrag“ beim FC Energie unterschrieben. Den letzten Ihrer Karriere?
Das kommt ganz darauf an, wie mein Körper mitmacht. Stand jetzt geht es mir sehr gut, und ich möchte so lange spielen, wie möglich. Einen Zeitpunkt fürs Karriereende habe ich deshalb noch gar nicht vor Augen.
Wird man Sie denn nochmal in einem anderen Trikot als im Cottbuser sehen, oder soll eines Tages bei Energie Schluss sein?
Auch das weiß ich noch nicht. Mal schauen. Ausschließen würde ich beides nicht, weil man im Fußball nie sagen kann, was noch so alles kommt.
Leonardo Bittencourt über Cottbus-Job nach der Karriere und den Dreierlachs bei Werder Bremen
Es heißt, dass Sie nach Abschluss Ihrer Laufbahn bei Energie Cottbus „in verantwortungsvoller Position“ tätig werden sollen. Was genau ist damit gemeint?
Da führen wir Gespräche und werden dann ermitteln, was die richtige Rolle für mich ist. Der Verein ist mit der Idee auf mich zugekommen, was mich sehr ehrt. Ich sehe es als großen Vertrauensbeweis. Jetzt sehen wir Schritt für Schritt weiter, in welche Richtung es geht.
Ist Leonardo Bittencourt eher ein Trainer- oder ein Managertyp?
Eine Trainerlaufbahn sehe ich für mich Stand jetzt nicht. Da reizt mich das Management mehr. Eine Aufgabe zwischen Trainer und Mannschaft kann ich mir auch gut vorstellen. Genauer definieren kann ich es aber aktuell nicht – dafür bin ich noch viel zu gerne Spieler.
Herr Bittencourt, letzte Frage: Bei Werder haben Sie mit dem Jubelausruf „Dreierlachs“ sprachlich definitiv ein Vermächtnis hinterlassen. Was passiert mit dem Lachs? Nehmen Sie ihn mit nach Cottbus, oder schwimmt er nur in der Weser?
(lacht) Gute Frage! Wir hatten gerade eine Autogrammstunde in Cottbus, da bin ich von den Fans erstaunlich oft auf den Dreierlachs angesprochen worden. Bekannt ist er hier also schon. Ich muss mal sehen, wie ich nach dem ersten Sieg mit der Mannschaft drauf bin. Wenn es passt und ich es fühle, wird der Lachs rausgeknallt. Vielleicht bleibt er aber auch ein Werder-Ding. (dco)
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