Gegen Schalke 04
Analyse: Kohfeldt verliert das Taktikduell, gewinnt aber das Spiel
Florian Kohfeldts taktischer Plan gegen den FC Schalke geht auf - bis zum 0:1. Dann legt Schalke Werder Bremens Schwachstellen im Angriff offen. Die taktische Analyse nach Bremens 2:1-Sieg auf Schalke.
Es ist eine verzwickte Sache mit dem Glück im Fußball. Nicht immer gewinnt dasjenige Team, das mehr ins Spiel investiert und den Sieg eigentlich verdient hat. Werder Bremen musste diese bittere Lektion in den vergangenen Wochen lernen, als sie trotz guter Leistungen fünf Spiele in Folge ohne Sieg blieben. Also probierte es Bremen gegen Schalke mal mit einer anderen Strategie: Bremen spielte schwach, war den Schalkern nach der Pause klar unterlegen – dafür holten sie am Ende drei Punkte.
Kohfeldts ausgeklügelter Defensivplan
Ein Grund für die starken Bremer Leistungen der vergangenen Wochen: Trainer Florian Kohfeldt bastelt maßgeschneiderte Matchpläne für jeden Gegner. Auch gegen Schalke dachte sich Kohfeldt etwas Besonderes aus: Nominell agierte seine Mannschaft im altbekannten 4-3-3-System. Allerdings übte Thomas Delaney als zentraler Sechser vor der Abwehr eine Doppelrolle aus. Bei eigenem Ballbesitz agierte als Sechser, bei gegnerischem Ballbesitz fiel er in die Abwehrkette. Bremen agierte also bei eigenem Ballbesitz mit Viererkette, bei gegnerischem Ballbesitz jedoch mit Fünferkette.
Kohfeldt ist nicht der erste Bundesliga-Trainer, der gegen Schalke diesen Trick anwendet. Mit diesem Trick lässt sich Schalkes Offensive matt legen: Innerhalb des Schalker 5-2-3-Systems sollen die Stürmer und Mittelfeldspieler häufig an die letzte Linie laufen. Schalke möchte Tiefe ins eigene Spiel bekommen. Gegen eine Fünferkette ist dies nicht so einfach möglich. Bei Ballbesitz wiederum lässt sich Delaney hinter Schalkes offensiver Dreierreihe anspielen.
Bremen hatte Schalkes Offensive in der Anfangsphase im Griff. Maximilian Eggestein rückte nach vorne und half, Max Meyer im Spielaufbau zu stören. Den Raum zwischen den Linien ließ Bremen unbesetzt. Dies war kein Problem, da sich selten ein Schalker in diesen Raum orientierte. Einzig Harit versuchte, den Raum zwischen den Linien zu besetzen. Doch Jerome Gondorf nahm den quirligen Schalker in Manndeckung.
Bremen offensiv harmlos
Gegen diesen klugen Bremer Defensivplan erzielte Schalke wenig Raumgewinn. Viele Bälle gingen im Mittelfeld verloren. Allerdings kam auch Bremen nicht an der gegnerischen Defensive vorbei. Schalke verteidigte im 5-4-1 und verschob gewissenhaft im Raum. Einzig Max Kruse bekam einen Aufpasser an die Seite gestellt, sodass Kruses charakteristische Zurückfallen wirkungslos blieb.
Defensiv hui, offensiv pfui – so stellte sich das Spiel auf beiden Seiten dar. Ein Patzer von Jiri Pavlenka löste dieses Patt auf (24.). Schalke zog sich nach dem Führungstreffer etwas zurück, fokussierte sich nun ganz auf das eigene Konterspiel. Bremen ließ den Ball gut in den eigenen Reihen laufen, konnte aber noch immer keinen Raumgewinn erzielen.
Es zeigte sich ein Problem, das Bremen bereits gegen Hertha BSC in der Vorwoche plagte: Es fehlte Tiefe im eigenen Spiel. Ishak Belfodil und Neuzugang Milot Rashica hielten ihre Positionen auf den Flügeln, Kruse ließ sich weit fallen. Bremen spielte viel quer, aber nur selten vertikal hinter Schalkes Abwehr.
Schalke aggressiver nach der Pause
Trotz Führung war Schalkes Trainer Domenico Tedesco sichtlich unzufrieden mit dem Schalker Spiel. Seine Mannschaft kam mit veränderter Einstellung aus der Kabine. Schalkes offensive Dreierreihe störte Bremen wesentlich früher. Auch der eingewechselte Leon Goretzka half beim Pressing, er störte Delaney. Bremen konnte das Spiel nicht mehr in Ruhe aus der eigenen Hälfte über Delaney aufbauen.
Da Bremens Mittelfeldspieler nun offensiver agierten, war Bremen zugleich schlechter abgesichert gegen Schalker Konter. Die Königsblauen kamen dank aggressivem Pressing und schnellem Umschaltspiel im Minutentakt hinter die Bremer Abwehr. Einzig Schalkes schlechte Chancenverwertung hielt Bremen im Spiel.
Kohfeldt gab von der Bank nur kleinere taktische Impulse. Der eingewechselte Aron Jóhannsson (56., für Rashica) ging zunächst auf den Flügel, Werder agierte weiter im 4-3-3. Erst in der Schlussviertelstunde rückten Jóhannsson und Belfodil ins Angriffszentrum. Bremen spielte nun in einer Raute mit Kruse auf der Zehn.
Gelb-Rote Karte entscheidet die Partie
Es war aber nicht die Bremer Systemumstellung, die das Spiel entschied. Erst nach der Gelb-Roten Karte gegen Matija Nastasic (78.) und dem Ausgleichstreffer (79.) erarbeitete sich Bremen Chancen. Doch selbst in Unterzahl war die Schalker das aktivere Team. Statt weiter mit Fünferkette zu agieren, ließ Tedesco seine Mannschaft im offensiven 4-2-3 verteidigen. Schalke spielte auf Sieg.
In den Schlussminuten kippte die Partie. Schalkes Formation war etwas zu offen, vor allem nach Ballverlusten kamen sie gegen nun offensiv auftretende Bremer in Gleichzahlsituationen. Bremen nutzte dies zum Siegtreffer (93.).
Verdient? Nicht wirklich. Bremens Defensivplan in der ersten Halbzeit funktionierte bis zum 0:1. Danach stachen die Defizite im Offensivspiel hervor. Betrachtet man die unglücklichen Ergebnisse der vergangenen Woche, kann man Bremens Sieg aber vielleicht unter „ausgleichende Gerechtigkeit“ verbuchen.
Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.
Fotostrecke: Werder-Wahnsinn auf Schalke




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