Werder-Torwarttrainer im Interview

„Ich leide mit meinen Jungs“: Werder-Torwarttrainer Vander über Backhaus-Patzer, dessen erste Bundesliga-Saison, Hein-Zukunft und Abstiegskampf

Christian Vander, Torwarttrainer des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über Mio Backhaus, dessen erste Bundesliga-Saison und den Abstiegskampf!

Seit 2014 ist Christian „Kiki“ Vander Torwarttrainer beim SV Werder Bremen. Der 45-Jährige hat in dieser Zeit zahlreiche Keeper am Osterdeich begleitet und weiterentwickelt. Im ausführlichen DeichStube-Interview spricht Vander über den Umgang mit Mio Backhaus’ folgenschwerem Fehler gegen St. Pauli, die mentale Arbeit im Torwartspiel und die Anforderungen an einen Keeper im Abstiegskampf. Zudem bewertet er Backhaus’ bisherige erste Bundesliga-Saison, ordnet den Konkurrenzkampf mit Karl Hein ein und erklärt, weshalb sich Werder langfristig um den estnischen Nationaltorwart bemühen sollte.

Christian Vander (links), Torwarttrainer des SV Werder Bremen, spricht im Interview mit DeichStube-Redakteur Bjarne Voigt (rechts) über Mio Backhaus, dessen erste Bundesliga-Saison und den Abstiegskampf!

Werder Bremens Christian Vander über Patzer von Mio Backhaus: „Solche Fehler gehören leider auch zum Entwicklungsprozess dazu“

Christian Vander, bei der Videoanalyse nach dem Spiel gegen St. Pauli wurde nicht noch einmal Mio Backhaus‘ Fehler gezeigt, sondern ein Zusammenschnitt seiner gelungenen Aktionen der Saison. Wie ist diese Idee entstanden – und wie hat der Torhüter darauf reagiert?

Die Idee kam von Daniel. Ich glaube, dass ihm das sehr gutgetan hat, denn so ein Fehler macht natürlich etwas mit einem. Das hat man ihm in den Minuten danach auch angemerkt. Am Tag darauf tat es ebenfalls noch weh, aber dann müssen wir einen Haken dahinter setzen. Mio ist immer noch der Torwart, der datenbasiert die geringste Fehlerquote in der gesamten Liga hat. So etwas passiert – entscheidend ist jetzt, wie er damit umgeht und aus diesem mentalen Loch herauskommt. In der ersten Trainingseinheit nach dem Spiel hatte ich da aber schon ein sehr gutes Gefühl.

Was ging Ihnen unmittelbar nach dem Gegentor durch den Kopf? Konnten Sie einschätzen, was in diesem Moment in ihm vorging?

Ja, ich wusste sofort, was gerade in ihm vorgeht. Der Zeitpunkt war natürlich extrem ungünstig für uns. Mio tat mir leid, aber so hart es klingt: Das gehört zum Alltag eines Torhüters, daran wird er wachsen. Man hat sofort gemerkt, dass dieses Gegentor etwas mit ihm gemacht hat. Insgesamt war es einfach ein richtig beschissenes Gefühl.

Daniel Thioune sagte nach der Partie, er habe einen Torwart in der Kabine sitzen, der das Gefühl habe, alles falsch gemacht zu haben. Wie lange, glauben Sie, wird Backhaus an dieser Szene zu knabbern haben?

Ich habe mit Mio – wie wir es immer machen – im Anschluss das Spiel inhaltlich aufgearbeitet. Dabei habe ich ihm extra noch einmal seine Daten aus dieser Saison gezeigt. Solche Fehler gehören leider auch zum Entwicklungsprozess dazu. Ich glaube, der freie Dienstag hat uns allen gutgetan, um das zu verarbeiten. Für Mio ist Werder wie ein Zuhause, und es hat ihm sicher geholfen, dass er intern viel Zuspruch bekommen hat. Deshalb musste ich gar nicht so viel Aufbauarbeit leisten. Er hat privat wie im Verein viele Menschen um sich, die ihm den Rücken stärken.

Lassen Sie ihn an einem freien Tag dann auch mal komplett in Ruhe?

Ehrlicherweise hätte ich ihn am Tag danach selbst nur schwer wieder aufbauen können, weil so eine Aktion natürlich auch etwas mit mir macht. Ich leide mit meinen Jungs. Deshalb habe auch ich diesen einen Tag gebraucht. Jetzt geben wir aber wieder gemeinsam Vollgas und wollen mit breiter Brust ins nächste Spiel gehen.

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Werder Bremens Torwarttrainer Christian Vander: „Mio Backhaus hat in diesem Jahr viele Entwicklungsschritte gemacht“

Arbeiten Sie mit Ihren Torhütern auch gezielt im mentalen Bereich?

Mio arbeitet schon seit Längerem mit einem Sportpsychologen zusammen, den ich über die Jahre kennengelernt habe. Das hat aber nichts mit dem Erlebnis gegen St. Pauli zu tun. Es geht vielmehr um Themen wie den allgemeinen Druck in der Bundesliga, die Entwicklung eines 21-Jährigen, das steigende mediale Interesse sowie den Konkurrenzkampf.

Seit Wochen steckt das Team im Abstiegskampf. Wie verändert das die Anforderungen an einen Torhüter – fußballerisch und mental?

Eigentlich gar nicht, weil wir in jedes Spiel mit einem klaren Matchplan gehen und jede Partie gewinnen wollen. Unabhängig von der sportlichen Situation hat Mio in diesem Jahr viele Entwicklungsschritte gemacht. Wenn ich sehe, wie er zu Beginn das Spiel eröffnet hat und wie er es jetzt tut, dann ist das eine starke Entwicklung. Auch bei der Raumverteidigung bei Flanken und Ecken haben wir Fortschritte erzielt. Anfangs war er dort noch etwas unsicher, mittlerweile ist er datentechnisch der Torwart in der Liga, der die meisten Flanken und Ecken verteidigt. Wir wollen ihn unabhängig vom Ergebnis von Spiel zu Spiel verbessern. Natürlich gehören die aktuellen Umstände nicht zu den einfachsten für einen Torwart, weshalb wir manchmal auch sagen: Egal wie – Hauptsache, du hältst den Ball. Meine Aufgabe als Torwarttrainer ist es jedoch, den Spieler individuell besser zu machen – unabhängig vom Tabellenstand.

Sie haben erwähnt, dass Werder für Backhaus wie ein Zuhause ist. Wie viel Druck macht er sich aktuell?

Es ist das erste Mal, dass Mio mit einem solchen Patzer umgehen muss. Deshalb fehlen mir bei ihm die Erfahrungswerte. Ich hoffe, dass ihm die Unterstützung im Verein guttut und nicht zusätzlich Druck erzeugt. Fehler passieren – er darf nicht das Gefühl haben, im nächsten Spiel alles allein retten zu müssen. So funktioniert es nicht. Natürlich gibt es angenehmere Phasen im Leben eines Bundesliga-Torwarts. Aber Mio weiß, dass er Torwart von Werder Bremen ist. Uns war allen bewusst, dass ein schwieriges Jahr auf uns zukommt, sodass er sich mental darauf einstellen konnte. Und bis auf das vergangene Wochenende – unabhängig von den Ergebnissen – hat er es bis hierhin bockstark und sehr stabil gemacht.

Werder Bremens Torwarttrainer Christian Vander im DeichStube-Interview: „Alibis oder eine Schonfrist gibt es jetzt für niemanden mehr“

Wie bewerten Sie insgesamt seine erste Bundesliga-Saison?

Er hat sich in vielen Bereichen kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade für einen so jungen Torhüter im ersten Bundesliga-Jahr ist seine geringe Fehlerquote bemerkenswert. Deshalb bin ich mit seiner Entwicklung grundsätzlich sehr zufrieden. Allerdings macht der Saisonverlauf mit jedem im Verein etwas. Jetzt gilt es, als Gruppe zusammenzustehen und zu performen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Mio 21 ist oder nicht – Alibis oder eine Schonfrist gibt es jetzt für niemanden mehr.

Haben Sie ihm eine solche Konstanz vor der Saison zugetraut?

Wenn man sich andere Standorte anschaut – Freiburg ist ein Beispiel –, sieht man, wie junge Torhüter dort gestartet sind. Vor diesem Hintergrund ist Mios bisherige Leistung sehr positiv zu bewerten. Ob ich ihm diese Konstanz konkret zugetraut hätte, ist schwer zu sagen, weil ich seine Limits noch gar nicht kenne. Deshalb hatte ich vor der Saison keine festen Erwartungen. Ich finde aber, dass es bislang sehr gut für ihn gelaufen ist – ohne dass es mich überrascht, denn bei ihm ist nach oben kein Limit gesetzt.

Vor der Saison sagten Sie in einem DeichStube-Interview, er dürfe im Laufe der Zeit noch „die eine oder andere Ecke und Kante“ entwickeln. Haben Sie rund acht Monate später bereits erste Entwicklungen in diese Richtung festgestellt?

Ein wenig, ja. Gerade die aktuelle Phase ist in puncto Persönlichkeit noch einmal eine Chance, weiter zu wachsen und zu zeigen, wie man mit so einer Situation umgeht. Deshalb glaube ich, dass er aus dieser Phase einen großen Benefit für seine Entwicklung ziehen kann.

Durch seine starken Leistungen hat er das Interesse zweier Nationalmannschaften geweckt. Sprechen Sie mit ihm über diese Entscheidung - und wenn ja: Was raten Sie ihm?

Ich rate ihm nichts, denn auch das gehört zu seiner Persönlichkeitsentwicklung, dass er diese Entscheidung selbst trifft. Alles, was von außen auf ihn einprasselt, hat Einfluss auf seine Leistung. An einem Tag gilt er als Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft, ein paar Tage später soll er sich zwischen zwei Nationen entscheiden. Für ihn ist jetzt entscheidend, eine gute Bundesliga-Saison zu Ende zu spielen und sich bei Werder das Trikot mit der Nummer eins zu verdienen. Alles Weitere wird sich dann von selbst ergeben. In unserer Zusammenarbeit geht es momentan ausschließlich darum, seine Leistung zu bewerten und ihn weiterzuentwickeln.

Würden Sie sich trotzdem wünschen, dass er irgendwann im deutschen Tor steht?

Natürlich wäre es großartig, wenn er eines Tages für die deutsche Nationalmannschaft im Tor stehen würde. Aber sollte er irgendwann für Japan spielen, würde ich mich genauso für ihn freuen.

Torwarttrainer Christian Vander spricht im DeichStube-Interview auch über den Konkurrenzkampf im Tor des SV Werder Bremen zwischen Mio Backhaus und Karl Hein.

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Werder Bremens Torwarttrainer Christian Vander über Mio Backhaus und Karl Hein: „Der Konkurrenzkampf gefällt mir sehr gut“

Blicken wir auf Ihr Torwartteam: Wie bewerten Sie den Konkurrenzkampf zwischen Mio Backhaus und Karl Hein?

Der Konkurrenzkampf gefällt mir sehr gut. Ich bin insgesamt sehr glücklich mit meiner Torwartgruppe. Karl macht einen herausragenden Job, unterstützt Mio und arbeitet gleichzeitig in jedem Training am Limit, um sich weiterzuentwickeln. Er hätte definitiv mehr Einsatzzeiten verdient. Dass Mio so stabil spielt, ist auch ein Verdienst von Karl. Natürlich ist es verständlich, dass Karl selbst mehr spielen möchte, schließlich hat er sowohl bei uns als auch in der estnischen Nationalmannschaft gute Leistungen gezeigt. Es tut mir persönlich leid, dass er seine Qualitäten nicht Woche für Woche zeigen kann. Er weiß, wie ich über ihn denke, aber das allein macht die Situation nicht immer leichter. Dennoch erwarte ich von ihm, dass er weiterhin jeden Tag am Anschlag trainiert und Mio damit Druck macht. Ich bin sehr froh, neben Mio noch einen weiteren herausragenden Torhüter im Kader zu haben.

Wie geht Hein mit seiner Rolle um?

Im Winter war die Situation für ihn schwierig, weil er Begehrlichkeiten geweckt hatte. Wir haben uns jedoch entschieden, auf dieser Position nichts zu verändern.

Sollte Werder alles versuchen, ihn langfristig zu halten?

Karl ist ein hervorragender Torwart mit einer tollen Einstellung zum Training. Er ist für jede Mannschaft ein Gewinn. Wenn es eine Möglichkeit gibt, ihn bei Werder Bremen zu halten, sollte man alles daransetzen.

Gab es nach Heins starken Leistungen im Herbst Überlegungen, ihn dauerhaft im Tor zu belassen, oder war klar, dass Backhaus nach seiner Rückkehr wieder die Nummer eins sein würde?

Nein, das war nicht von vornherein klar. Wir haben die Situation damals intensiv analysiert und alle Pro- und Contra-Argumente ausgetauscht. Auch mit beiden Torhütern sind wir offen in den Dialog gegangen. Nach Mios herausragender Leistung in Heidenheim hat sich seine Entwicklung jedoch weiter stabilisiert. Trotzdem haben wir nach Karls starken Auftritten die Situation selbstverständlich noch einmal bewertet. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Mio zuvor ebenfalls gute Leistungen gezeigt hatte. Der Verein hat viel Zeit und Planung in seine Karriereentwicklung investiert. Rückblickend haben wir mit der Entscheidung richtig gelegen.

Werder Bremens Torwarttrainer Christian Vander: „Daniel Thioune bringt viel Energie und Optimismus in die Mannschaft“

Zum Abschluss zur allgemeinen Situation: Wie haben Sie den Trainerwechsel und das Ende der Zusammenarbeit mit Horst Steffen erlebt?

Ich fand es sehr schade, dass es mit Horst nicht geklappt hat, weil er gemeinsam mit Raphael Duarte sehr gute Arbeit geleistet hat. Der Verein hat jedoch entschieden, dass es einen neuen Impuls braucht. Daniel bringt viel Energie und Optimismus in die Mannschaft, um die Situation zu drehen. Das gefällt mir gut. Trotzdem tut mir die aktuelle Lage persönlich sehr weh. Ich hoffe, dass wir mit einem Sieg gegen Heidenheim endlich das Momentum auf unsere Seite ziehen und genügend Punkte holen, um in der Liga zu bleiben.

Haben Sie vor der Saison gedacht, dass es eine so schwierige Spielzeit werden könnte?

Uns war bewusst, dass es kein einfaches Jahr werden würde.

Aufgrund der vielen Veränderungen?

Ja.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Werder den Klassenerhalt schafft?

Wir haben viel Qualität in der Mannschaft. Wir müssen diesen einen Brustlöser erleben, um das Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Wenn uns das gelingt, bin ich überzeugt, dass wir genügend Punkte holen werden, um in der Liga zu bleiben. (bvo)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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