Taktik-Analyse

48 Flanken zum Glück: Werders Sieg gegen Wolfsburg in der Taktikanalyse

0:1 kassiert, 48 Flanken geschlagen, das Spiel gedreht: So lässt sich Werder Bremens Last-Minute-Sieg gegen den VfL Wolfsburg zusammenfassen. Warum die Bremer von einem komplett passiven Gegner profitierten, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Spannender hätten es die Akteure des SV Werder Bremen kaum machen können. Gegen den VfL Wolfsburg benötigten die Grün-Weißen 20 Torschüsse und 48 Flanken, um in der Nachspielzeit endlich den erlösenden 2:1-Siegtreffer zu erzielen. Werder gelang es erst spät, sich gegen total passive Wolfsburger Chancen zu erspielen. Die Einwechselspieler und eine starke rechte Seite verhalfen dem SVW zum Sieg.

Coachte den SV Werder Bremen zum späten Sieg gegen den VfL Wolfsburg: Welche Taktik Trainer Horst Steffen gewählt hatte.

Asymmetrie im Pressing: Der Heimsieg des SV Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse

Werder-Coach Horst Steffen veränderte seine Startformation gegenüber dem 1:1 in Mainz auf zwei Positionen. Im Sturm begann Keke Topp anstelle von Victor Boniface. Samuel Mbangula musste ebenfalls auf der Bank Platz nehmen. Justin Njinmah rückte für den Belgier in die Startelf und sortierte sich auf Rechtsaußen ein. Marco Grüll rückte auf die linke Seite.

Von Beginn an fiel auf, dass Werder Bremen das Spiel asymmetrisch anlegte. Njinmah agierte auf der rechten Seite deutlich höher als Grüll auf der linken. Wenn Wolfsburg das Spiel aufbaute, lief Njinmah zusammen mit Topp die gegnerischen Innenverteidiger an. Grüll und auch Zehner Schmid agierten eine Linie tiefer. Auf rechts schoss Yukinari Sugawara nach vorne. Der Japaner schloss die durch Njinmah entstehende Lücke.

Werder Bremen wählte diese Formation, um den Spielaufbau der Wolfsburger lahmzulegen. Die Gäste agierten in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3. Zehner Christian Eriksen ließ sich teils weit zurückfallen, um die Bälle in der eigenen Hälfte abzuholen. Sechser Maximilian Arnold wiederum ließ sich auf Höhe der Verteidiger fallen.

Die Grafik zeigt Werder Bremens asymmetrisches Pressing. Njinmah lief auf der rechten Seite früh an, Grüll hielt sich zurück. Somit wollten die Bremer das Spiel der Wolfsburger zu Kumbedi lenken.

Werder Bremen mit wenig Zugriff gegen defensiven VfL Wolfsburg – die Taktik-Analyse

Werder Bremen lenkte mit dem eigenen Pressing den Spielaufbau der Wolfsburger auf Bremens linke Seite. Hier sahen sie mehr Chancen auf Ballgewinne. Zugleich konnte Schmid als Zehner Arnold verfolgen, sobald dieser sich zurückfallen ließ. Topp und Njinmah liefen die beiden Innenverteidiger an. Die Bremer versuchten, den Druck in den ersten Minuten hochzuhalten.

Das gelang in der ersten Halbzeit aber nicht immer. Wolfsburg kombinierte sich mehrere Male in der ersten Linie am Pressing vorbei. Zwar konnten sie diese Szenen zunächst nicht nutzen. Durch die eher tiefe Postierung von Eriksen waren nur drei Spieler vorne, was die Abwehr des SV Werder Bremen leicht verteidigen konnte.

Sobald die Wolfsburger Außenverteidiger jedoch wuchtig nachrückten, bekamen die Bremer Probleme. Interessanterweise hatte Werder Bremen besonders Mühe, die eigene linke Seite zu schließen – und das, obwohl sie hier wesentlich tiefer standen als auf rechts. Vor dem 0:1 (28.) schoss Wolfsburgs Rechtsverteidiger Saël Kumbedi nach vorne und hebelte damit die gesamte Bremer Abwehr aus.

Viel Ballbesitz für Werder Bremen, VfL Wolfsburg mauert sich ein – die Taktik-Analyse

Der krisengeplagte VfL Wolfsburg wollte die Führung unbedingt halten. In der ersten Halbzeit wagten die Wölfe sich immerhin in einzelnen Situationen in ein hohes Pressing. Werder Bremen konterte mit langen Zuspielen. Stürmer Topp wusste sich jedoch selten durchzusetzen. Nach der Pause stellten die Wolfsburger das Pressing gänzlich ein. Sie verbarrikadierten sich in einem tiefen 4-5-1 am eigenen Strafraum.

Werder Bremen stand vor der Aufgabe, eine Lücke in der Wolfsburger Mauer zu finden. Ihr Ballbesitzwert schnellte in der zweiten Halbzeit nach oben: Am Ende lag ihr Wert bei 67%. Die Bremer verlagerten das Spiel von links nach rechts und wieder zurück. Sie suchten nach einer Lücke im gegnerischen System.

Diese Lücken fanden die Bremer auf den Flügeln. Nach der Pause versuchte die Elf die Zonen auf den Flügeln zu überladen. Immer wieder starteten Grüll oder Schmid aus dem Halbraum zu Läufen auf die Außenseite. Damit zogen sie die Aufmerksamkeit der Gegenspieler auf sich. Das befreite wiederum die Außenverteidiger des SV Werder Bremen. Sie konnten den Ball in den Strafraum flanken.

Sieg in der Taktik-Analyse: Rechtslastigkeit beim Offensiv-Lauf des SV Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg

Chancen aus dem Spiel blieben dennoch Mangelware. Werders Flanken fanden selten einen Abnehmer, auch weil die Strafraumbesetzung in den seltensten Fällen stimmte. Topp ließ sich häufig in den Rückraum fallen. Weder die Außenstürmer noch Jens Stage rückten aggressiv nach. So blieb der Fünfmeterraum unbesetzt.

Dies änderte sich nach den Einwechslungen beim SV Werder Bremen. Victor Boniface ließ sich zwar ebenfalls situativ fallen, war jedoch deutlich präsenter im gegnerischen Sechzehner. Der ebenfalls eingewechselte Mbangula postierte sich im linken Halbraum. Grüll wechselte auf die rechte Seite und agierte hier deutlich höher als zuvor. Auch Stage wagte sich nun ständig in den gegnerischen Strafraum.

Werder Bremen konzentrierte sich mit seinen Angriffen nun auf den rechten Flügel. Schmid, Grüll und Sugawara harmonierten auf dieser Seite. Schmid schuf immer wieder neue Anspielmöglichkeiten, während Grüll mit seinen Läufen Gegenspieler auf sich zog. Sugawara überzeugte wiederum durch seine druckvollen Hereingaben. Der Rechtsverteidiger schlug die Flanken vor beiden Bremer Treffern. Wolfsburg konnte mit der eigenen Viererkette die Breite des Feldes nicht optimal verteidigen.

Werder Bremen feiert späten Erfolg gegen den VfL Wolfsburg

Werder Bremen konnte mit jeder Minute mehr Akteure in Richtung gegnerischen Strafraum schicken. Das lag nicht zuletzt am Gegner: Wolfsburg stellte jeden Versuch ein, das Spiel in die Bremer Hälfte zu verlagern. An Kontern nahmen maximal drei Spieler teil, kein Angreifer lief Bremens Innenverteidiger an. So konnte Werder das Spiel vollends kontrollieren.

Lange mussten sie auf die entscheidenden Tore warten. Am Ende besorgten Stage (83.) und Mbangula (93.) den verdienten Erfolg. Die Bremer dominierten das Spiel vollends nach der Pause. Es brauchte zwar insgesamt 48 Flanken, um die entscheidenden zwei Tore zu erzielen. Aber besser spät als nie.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Steven Mohr

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