Weg aus der Krise
Der leere Rucksack des Trainers: Thiounes Ansatz für mehr Selbstvertrauen bei Werder
Aufgrund der sportlichen Talfahrt mangelt es beim SV Werder Bremen auch am Selbstvertrauen. Wie Trainer Daniel Thioune daran arbeiten möchte.
Bremen – Es ist ein Bild, das Daniel Thioune in seinen ersten Tagen als Cheftrainer des SV Werder Bremen sehr häufig bemüht hat. „Ich habe den Jungs gesagt, dass mein Rucksack unheimlich leer ist und sie ordentlich Ballast hineinwerfen sollen“, betonte der 51-Jährige in einer Medienrunde am Sonntag erneut. Übersetzt bedeutet das nichts anderes, als dass Thioune völlig unbelastet seine neue Aufgabe am Osterdeich antritt und die sportlich schlechten letzten Wochen – im Gegensatz zu seinem Team – nicht in den Knochen hat. In den ersten Tagen versuchte der Übungsleiter daher intern durch viele Einzelgespräche und großen Vertrauensvorschuss, die benötigte Leichtigkeit bei den Spielern zurückzubringen, extern stellte er sich zudem schützend vor das Team und lenkte den Fokus zunächst auf sich selbst. Der Rucksack von Daniel Thioune dürfte sich somit bereits nach wenigen Tagen ordentlich gefüllt haben. Dass dies allerdings nicht sofort dazu führt, dass seine Spieler die Altlasten der vergangenen Wochen ablegen, musste der Werder-Coach bei der 0:1-Niederlage am Wochenende in Freiburg erfahren.
Verunsicherung bei Werder Bremen: Daniel Thioune erklärt Probleme, Peter Niemeyer auf Ursachen-Suche
Schließlich hatten die Bremer im Breisgau mehr als 40 Minuten in Überzahl agiert, wirklich zwingende Gelegenheiten kamen dabei jedoch nicht zustande. Im Gegenteil: Dem Team war anzumerken, dass der personelle Vorteil wie zusätzlicher Druck auf allen lastete. „Von der Überzahlmannschaft darf man natürlich mehr erwarten als die wenigen, sehr ungefährlichen Torabschlüsse, die wir hatten. Da war die Erinnerung an das, was in der Vergangenheit passiert ist, spürbar“, beschrieb Daniel Thioune die Verunsicherung seiner Spieler. Dass diese nach elf sieglosen Spielen in Serie nicht mit großem Selbstvertrauen auftreten, erklärt sich zwar von selbst, dennoch ist auffällig, wie viele Automatismen im Spiel des SV Werder Bremen seit Wochen nicht mehr funktionieren. Die Frage bleibt: Wo ist in dieser Zeit das Selbstverständnis der Mannschaft, die nach zehn Spieltagen noch auf Platz acht gelegen hatte, verloren gegangen?
„Das ist ein schleichender Prozess, der durch negative Momente dann noch einmal einen Peak erfährt“, sagt Werders Leiter Profifußball Peter Niemeyer im Gespräch mit der DeichStube. „Spiele wie gegen Frankfurt und Köln, in denen wir in der letzten Minute den Ausgleich kassiert haben, haben dazu beigetragen.“ Besonders die Partie gegen Eintracht Frankfurt (3:3), in der die Trendwende nur Sekunden entfernt schien, hatte intern für einen spürbaren Stimmungsdämpfer gesorgt. Drei Spiele später musste Horst Steffen seinen Cheftrainer-Posten bei Werder Bremen räumen. Auch die Niederlage im Nordderby beim Hamburger SV Anfang Dezember hatte intern bereits Spuren hinterlassen. „Es hilft aber nicht zu lamentieren. Wir können uns nur selbst helfen und müssen weiterarbeiten“, macht Niemeyer deutlich.
Daniel Thioune benennt Probleme beim SV Werder Bremen und erklärt, wie das Selbstbewusstsein zurückkommen kann
Für eine rückblickende Ursachenforschung, wann genau sich die Werder-Saison negativ entwickelt hat, ist Daniel Thioune ohnehin der falsche Mann. Schließlich trägt er keine Verantwortung für die Fehler der Vergangenheit. Dennoch bleibt ihm die unangenehme Aufgabe, öffentlich nun die derzeitige Situation des SV Werder Bremen erklären zu müssen. „In meinem Einflussbereich liegt nur das, was vor uns liegt. Ich muss den Jungs ein gutes Gefühl geben, in die Köpfe kommen und Inhalte platzieren“, sagte der Cheftrainer und benannte konkrete Ansatzpunkte: „Ich finde, dass wir in beiden Strafräumen nicht scharf genug sind.“ Es ist genau diese öffentliche Deutlichkeit, die Thioune in seinen ersten Tagen auch intern ausstrahlt. „Daniel tritt bislang mit großer Klarheit, Zielstrebigkeit und Überzeugung auf“, lobt Niemeyer. Klar ist aber auch: Eine große Zauberformel für einen sofortigen Stimmungs- und Ergebnisumschwung hat auch Thioune nicht parat, wie die Niederlage im Breisgau zeigte. „Am Ende wird es nur über Erfolgserlebnisse funktionieren“, erkannte der Werder-Coach und ergänzte: „Es wäre gut, wenn wir auch mal wieder in Führung gehen, damit das Selbstbewusstsein ein Stück weit zurückkommt.“
Damit ist Daniel Thioune bei dem wohl größten Ballast angekommen, den ihm sein Team in den Rucksack gelegt hat: die Harmlosigkeit in der Offensive. Zwar gibt Werder Bremen ligaweit die viertmeisten Schüsse ab (287), doch nur jeder 13. Versuch landet im Tor. 22 Saisontore nach 21 Spieltagen stehen zu Buche – schwächer war Werder in seiner Bundesliga-Historie zu diesem Zeitpunkt erst zweimal. „Ich kann den Jungs Lösungen mit an die Hand geben, aber am Ende geht es um die Umsetzung“, sagte Thioune und hofft auf den viel zitierten Brustlöser: „In dem Augenblick, in dem die Ketchupflasche aufgeht, wir ein Tor erzielen und keines bekommen, kommt die Leichtigkeit zurück. Denn die Jungs wissen, dass sie es grundsätzlich können.“
Wichtige Spiele stehen für Werder Bremen bevor – Daniel Thioune arbeitet am Selbstbewusstsein der Spieler
Die große Aufgabe für Daniel Thioune wird es sein, sein Team nicht nur verbal daran zu erinnern, dass es in der Vergangenheit bereits besser war, sondern auch die passenden Lösungen zu liefern, um wieder mehr Überzeugung, Konsequenz und Vertrauen in die eigenen Aktionen zu entwickeln. „Durch einfache Abläufe und harte Trainingsarbeit gilt es, den Jungs wieder Leichtigkeit und Lockerheit zu vermitteln“, sagt Niemeyer. Das kommende Spiel gegen den FC Bayern (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) dürfte dafür womöglich noch nicht der passende Anlass sein, spätestens jedoch in den direkten Duellen Ende Februar gegen Mannschaften wie den FC St. Pauli oder den 1. FC Heidenheim zählt es für Werder Bremen. Bis dahin muss das Selbstvertrauen zurück in die Köpfe der Spieler, damit die sportliche Talfahrt nicht weitergeht. „Dass es ein Kampf bis zum Ende sein wird, davon ist auszugehen“, sagte Thioune. Der Rucksack für den Cheftrainer dürfte zunächst also nicht leichter werden. (bvo)
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