Die Lage beim SVW

Weckruf vor dem bösen Erwachen? Friedl warnt, Thioune will aufrichten und Werder taumelt weiter am Abgrund

Die Lage beim SV Werder Bremen ist ernst wie lange nicht. Nach der Pleite in Freiburg ordneten Daniel Thioune und Marco Friedl die Probleme offen ein.

Es war kein sanfter Stupser in die Wunde, Marco Friedl wagte einen besonders beherzten Griff in die Schmerzstelle. Seit Wochen schrillen die Alarmglocken am Osterdeich, nach der jüngsten 0:1-Niederlage beim SC Freiburg – dem elften Spiel in Serie ohne Sieg – und dem Absturz auf den Relegationsplatz 16 wird die Lage beim SV Werder Bremen immer prekärer. Was auch den Kapitän auf den Plan rief. „Es muss eine Veränderung her, ansonsten geht es einfach so weiter und wir werden am Ende des Tages dastehen, uns anschauen und unser blaues Wunder erleben“, sagte Friedl. „Es hat lange gedauert, jetzt sind wir da, wo wir leider, so hart es klingt, hingehören.“

Fanden nach der 0:1-Pleite des SV Werder Bremen beim SC Freiburg klare Antworten: Kapitän Marco Friedl (li.) und Neu-Trainer Daniel Thioune (re.)

Marco Friedl legt bei Werder Bremen den Finger in die Wunde, Trainer Daniel Thioune benennt Probleme

Widersprechen wollte dem Österreicher niemand. Zu sehr bildeten seine Äußerungen den maroden Ist-Zustand des SV „Harmlos“ Bremen ab. „Ich mag es, wenn meine Spieler den Finger heben und Dinge aufzeigen, die dazu führen können, dass es am Ende ein böses Erwachen gibt“, erklärte Werder-Trainer Daniel Thioune am Sonntagmorgen mit Blick auf die vielbeachtete Friedl-Mahnung, der darin kein Fehlverhalten sieht. Wenn der 51-Jährige ob der Schärfe auch meinte: „Heute würde er seine Worte vielleicht etwas anders wählen.“

Am Wahrheitsgehalt hätte sich aber wohl kaum etwas geändert. Werders Defizite sind dafür einfach zu offensichtlich. Mehr als 40 Flanken hatten die Norddeutschen beispielsweise gegen Freiburg auf die Reise geschickt – so richtig gefährlich war es verstörend selten geworden. Wie kürzlich gegen Hoffenheim war Werder Bremen nach einem Platzverweis für den Gegner fast eine Halbzeit lang in Überzahl und wusste mit dem daraus resultierenden Ballbesitz dennoch einmal mehr nichts anzufangen. „Der Gegner lädt uns ja ein, Woche für Woche“, zeigte sich Friedl genervt, nachdem nicht nur gegen den Sportclub und die TSG viel mehr drin gewesen war, sondern auch schon in den Partien gegen Frankfurt oder Leverkusen. „Die frühe Rote Karte hat nicht zu unserer Performance beigetragen“, resümierte Thioune bereits am Samstag enttäuscht. „Sie hat uns ein Stück weit gehemmt. Wir haben aus sehr viel sehr wenig gemacht.“

Werder Bremen lässt gegen SC Freiburg Konsequenz vermissen – Coach Daniel Thioune spricht schonungslos Wahrheiten an

Die Bundesliga-Premiere des neuen Coaches des SV Werder Bremen ging so gründlich daneben. Zum Verhängnis wurde neben der mannschaftlichen Unzulänglichkeit die 13. Spielminute. Erst verpasste Justin Njinmah per spektakulärem Fallrückzieher die Gäste-Führung, im Gegenzug traf der Ex-Bremer Jan-Niklas Beste unbedrängt zum 1:0. „Zwischen dem Tor des Monats und dem Tor des Tages lagen 20 Sekunden, die gezeigt haben, dass die Gastgeber deutlich konsequenter waren als wir“, sagte Thioune, der so kurz nach seiner Amtsübernahme auf einen besseren Auftritt seiner Elf gebaut hatte. „Ich hatte gehofft, dass mehr Konsequenz und Überzeugung zu sehen sind. Dafür braucht man nicht die eine oder andere Trainingswoche mehr, sondern eine gewisse Haltung.“

Der Niedersachse ist zwar noch keine ganze Woche an der Weser, spricht aber bereits schonungslose Wahrheiten an. Ihm fällt aktuell die undankbare Aufgabe zu, Werders Fehlentwicklung als Moderator zu begleiten, obwohl er selbst noch gar nicht den größten Einfluss haben konnte. Beim Freiburg-Spiel verzichtete er zunächst auf großartige personelle Umbauten, auch taktisch blieb bei Werder Bremen erst einmal alles beim Alten. „Es ging vielleicht nicht optimal auf, aber die Veränderungen von der Bank waren auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben bei der ersten Elf“, meinte Thioune vielsagend und machte aus seiner Unzufriedenheit auch sonst keinen Hehl. „Es war bisher ein positiver Umgang. Aber jetzt lernen sie mich vielleicht noch ein Stück weit mehr kennen, wenn es Dinge gibt, die mir nicht so gut gefallen“, sagte der 51-Jährige. „Dann habe ich nämlich eine gewisse Konsequenz, zeige aber auch Lösungen und Wege auf.“

Trainer Daniel Thioune versucht, Profis des SV Werder Bremen in der Krise aufzubauen

Die Basis dafür legte Thioune noch auf dem Platz, als er im Mannschaftkreis wort- und gestenreich auf sein geschlagenes Team einredete. „Das Letzte, was ich sehen will, sind hängende Köpfe. Wer nach unten schaut, kann nicht sehen, was vor einem liegt“, betonte der Chefcoach des SV Werder Bremen. „Aber viel wichtiger ist, dass sie mir zuhören. Ich habe ihnen gesagt, dass sie an mich und meine Idee glauben und mir das Vertrauen schenken sollen.“ Es dürfte eine schweißtreibende Angelegenheit werden, die womöglich das Aushalten weiterer Schmerzen erfordert. „Wenn man im Abstiegskampf ist“, sagte Clemens Fritz als Werders Geschäftsführer Fußball, „dann muss man sich alles hart erarbeiten. Es muss allen klar werden, dass wir uns jeden einzelnen Punkt hart erarbeiten müssen.“ Und der Ex-Profi appellierte einmal mehr an den Zusammenhalt. „Wir dürfen den Glauben nicht verlieren. Wir müssen als Gruppe zusammenbleiben. Denn wenn wir anfangen, alleine etwas zu versuchen, dann wird das nichts.“ (mbü)

Rubriklistenbild: © IMAGO/nordphoto GmbH / Bratic

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