Kohfeldt und das Zelt in Zell am Ziller
Reißbrett trifft auf Spielfreude
Zell - Die verwunderten Blicke sind weniger geworden, das Kopfschütteln auch.
Wenn Florian Kohfeldt jetzt mal wieder eine Trainingseinheit im Zillertal unterbricht, um seine Spieler ins Zipfelzelt am Spielfeldrand zu bitten, dann wissen mittlerweile alle Fans und Kiebitze, worum es geht. „Ah, Lehrstunde!“ Für sie die Chance, sich etwas zu trinken zu holen, ohne etwas zu verpassen. Wie bei der Werbeunterbrechung beim Super Bowl im Fernsehen.
Tatsächlich hat das, was Florian Kohfeldt im Innern des Zeltes mit seinen Spielern macht (oder machen lässt) im entfernteren Sinn auch etwas mit Fernsehen zu tun. Aber auch nur, weil ein ziemlich großer Flatscreen-TV sein Werkzeug ist. Darauf zeigt er seinen Spielern in vorgefertigten Präsentationen, aber seit kurzem auch in eilig zusammengeschnittenen Bewegtbildern von der gerade ausgeführten Übung, was seine Spieler gut und nicht so gut machen, wie sie es überhaupt machen sollen, was er sich an Spielzügen und taktischem Verhalten ausgedacht hat. „Es kommt gut an bei den Jungs, es ist angenehm für sie. Ich höre von der Mannschaft, dass es viel bringt“, sagt Kohfeldt, der nun plant, das Prinzip aus dem Zillertal auch mit nach Bremen zu nehmen.
Denkbar auch in Bremen
Ein Zelt, ein Unterstand an Platz zehn am Weserstadion – dort, wo die Geheimtrainings stattfinden – sei „eine Überlegung“. Denn Kohfeldt ist mit seinem Trainer- und Analyseteam von der Sinnhaftigkeit der Live-Videoschulung absolut überzeugt. „Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass ein unmittelbares Feedback für den Lernprozess von Vorteil ist“, erklärt Videoanalyst Mario Baric, der gemeinsam mit den Kollegen Pascal Schichtel und Rafael Kazior dafür zuständig ist, den Trainern und Spielern das Video-Material zu liefern, das sie brauchen. Während einer Einheit muss das fix gehen. Sehr fix. „Sie haben keine fünf Minuten“, sagt Kohfeldt: „Die Jungs müssen schon sehr genau wissen, was wir Trainer wollen.“
Bevor die Spieler die ausgesuchten Live-Szenen im Zelt zu sehen bekommen, checken die Co-Trainer Tim Borowski oder Thomas Horsch, ob die Szene, der Moment richtig ausgesucht wurde. Dann kommen die Spieler. „Für die Analysten ist es eine Herausforderung, aber sie machen es gut“, meint Chefcoach Kohfeldt.
Videoschulung am Trainingsplatz – das ist für den 35-Jährigen nichts Spektakuläres mehr. In anderen Ländern ist es Alltag, andere Bundesligisten nutzen die Möglichkeit auch schon länger. Von Technik und Theorie versprechen sich alle den Fortschritt. Aber Vorsicht, sagt da selbst Kohfeldt, alles muss seine Grenzen haben. Der Fußball darf nicht zu sehr verkopfen. Die Gefahr, Profis mit Informationen und Anweisungen zu überfrachten, besteht aber – Live-Analysen während einer Trainingsunterbrechung tragen sicher dazu bei. „Das ist definitiv ein Thema“, räumt Kohfeldt ein. Er sucht das gesunde Maß, „einen Mix aus Theorie und Spielfreude“. Denn: „Der Fußball lebt von Spielfreude, nicht von Reißbrettangriffen.“
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