„Wir können große Schritte machen“
Nach der Rettung: Werder-Trainer Thioune hat viel vor – und kündigt großen Sommer-Umbruch an
Nach dem erzitterten Klassenerhalt steht Werder Bremen vor einem großen Umbruch im Sommer. Trainer Daniel Thioune hat viel vor und will „große Schritte“ machen.
Irgendwann am Samstagabend, hoch über den Wolken auf dem Rückweg nach Bremen, sprang plötzlich die Lautsprecheranlage des Flugzeugs an – und löste bei den Passagieren augenblicklich Erleichterung aus. Via Mikrofon gab der Kapitän den knappen 1:0-Erfolg des FC Bayern München beim VfL Wolfsburg durch, was in der Kabine von Spielern und Verantwortlichen des SV Werder Bremen zwar nicht frenetisch bejubelt, aber doch mit großer Freude zur Kenntnis genommen wurde – schließlich bedeutete das Resultat nicht weniger als: den Klassenerhalt.
„Da fällt im ersten Moment natürlich eine Menge Last ab“, sagte Cheftrainer Daniel Thioune am Sonntagvormittag. Der Rückflug gen Heimat war für den 51-Jährigen und seine Mannschaft zunächst nämlich einer ins Ungewisse gewesen. Als die Bremer am Mannheimer Flughafen nach der eigenen 0:1-Niederlage bei der TSG Hoffenheim in den Flieger stiegen, stand es zwischen Wolfsburg und den Bayern noch 0:0. Die erste Halbzeit, inklusive großer Wolfsburger Chancen und eines verschossenen Foulelfmeters von Harry Kane, hatte der Tross des SV Werder Bremen noch im Bus verfolgen können. Bangen Blickes. Dann begann der Flug, bei dessen Landung die Bremer nach Monaten des Zitterns gerettet waren.
Nach Klassenerhalt: Trainer Daniel Thioune darf bei Werder Bremen bleiben - und soll den Neustart orchestrieren
„Als ich kam, waren wir in einer Abwärtsspirale und viele Menschen haben sich große Sorgen gemacht“, sagte Daniel Thioune, der das Traineramt im Februar von Horst Steffen übernommen hatte. „Jetzt haben wir unseren Auftrag eine Woche vor dem Saisonende erfüllt.“ Der allgemeinen Lesart, dass die Bremer dies jedoch nicht aus eigener Kraft geschafft haben, kann der Coach nur wenig abgewinnen: „Ich behaupte weiterhin, dass es an uns lag. Wir haben uns den Klassenerhalt insgesamt mit unserer Haltung verdient. Schlussendlich haben wir ein paar Punkte mehr geholt als die Konkurrenz hinter uns.“ So oder so: Werder Bremen bleibt drin. Und Thioune bleibt Werders Trainer.
Im Vertrag des Ex-Profis ist festgeschrieben, dass er bei Klassenerhalt weitermachen darf. „Ich habe mir die Bundesliga miterarbeitet und mitverdient und dadurch auch diesen Trainerjob weiterhin verdient“, hielt er fest. Die Entscheidung träfen am Ende zwar andere, „aber ich glaube an das, was vertraglich vereinbart wurde“. Kann er auch getrost. Nach Informationen der DeichStube steht Daniel Thioune intern nicht zur Debatte – ganz im Gegenteil: Im Sommer soll er den dringend benötigten Neustart bei Werder Bremen orchestrieren. Ideen dafür hat der Übungsleiter bereits.
Werder Bremen-Trainer Daniel Thioune will an einem neuen Zukunftsmodell arbeiten
„Uns hat über das gesamte Jahr hinweg, auch in der Zeit mit mir als Trainer, eine fußballerische Identität mit dem Ball gefehlt hat“, sagte Daniel Thioune, der nach seiner Amtsübernahme Themen wie Haltung und Entschlossenheit bewusst vor Themen wie Finesse und Entwicklung gestellt hatte. „Wenn man als Trainer in einer anspruchsvollen Zeit antritt, darf man nicht nur bei sich bleiben und unbedingt seinen Fußball spielen wollen“, erklärte er. „Es braucht dann erstmal andere Dinge wie Resilienz.“ Thioune, das wurde am Sonntag deutlich, betrachtet dieses Vorgehen dabei als schmuckloses Mittel zum Zweck, keinesfalls als Zukunftsmodell. An einem solchen will er ab sofort mit Trainerteam und Mannschaft bei Werder Bremen arbeiten.
„Grundsätzlich möchten wir eine deutlich bessere Spielanlage haben und darüber hinaus auch viel mehr Torgefahr entwickeln, damit wir irgendwann dahin kommen, aus vielen Chancen deutlich mehr Tore zu erzielen“, sagte er. Jeder, der sich in dieser Saison auch nur kurzzeitig mit dem SV Werder Bremen auseinandergesetzt hat, weiß, dass es genau daran empfindlich mangelte. Und bis heute mangelt. Mit kleineren kosmetischen Eingriffen am Kader, das stellte Thioune bereits klar, wird es da im Sommer nicht getan sein.
Werder Bremen vor Kader-Umbruch: Trainer Daniel Thioune sieht „Riesenchance, etwas entwickeln zu können“
„Allein aufgrund der vielen Leihspieler wird es größere Veränderungen im Kader geben. Dazu kommt die Frage, ob wir Spieler abgeben müssen und wie hoch mögliche Ablösesummen bei Verkäufen ausfallen, um zu wissen, wie viel wir wieder in den Kader reinvestieren können“, erklärte der Trainer des SV Werder Bremen. Seine Einschätzung: „Nach den Erkenntnissen der vergangenen zwölf Monate wird es sicherlich mehr als nur drei oder vier Veränderungen geben.“ Nur darum gehe es aber nicht. Zudem sei es wichtig, „dass die Spieler, die bereits da sind, noch mehr aus ihrem Potenzial herausholen“. Was Daniel Thioune wiederum als klaren Auftrag an seine Person versteht: „Bei mir im Trainervertrag steht im Kleingedruckten, dass ich die Spieler verbessern muss.“
Auf den 51-Jährigen werden also bei Werder Bremen arbeitsreiche Wochen zukommen, anders als bisher wird er dabei nun deutlich mehr als Gestalter, denn als Verwalter agieren können. „Ich freue mich riesig auf diese Aufgabe und sehe sie als Riesenchance, etwas entwickeln zu können. Ich war der richtige Trainer für die schwierige Situation, in der wir waren. Wenn man mir jetzt die Zeit gibt, dann können wir große Schritte machen“, versprach Thioune. Gedanklich hat er mit der Arbeit längst begonnen. Spätestens in dem Moment, als sich am Samstagabend die Lautsprecheranlage des Flugzeugs meldete. (dco)
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