DFB-Pokal-Duell

Taktik-Analyse: Warum Werder sich im DFB-Pokal gegen Fünftligist Lüneburg offensiv schwertat

Der SV Werder Bremen hat die erste Pokalrunde gegen Fünftligist Lüneburger SK überstanden - sich dabei aber schwergetan - die Taktik-Analyse.

Mit welchem System geht Werder Bremen in die neue Saison? Das erste Pflichtspiel im DFB-Pokal gegen den Fünftligisten Lüneburger SK bot erste Anhaltspunkte. Werder griff viel über die Flügel an – und ließ doch manches Mal die Zielstrebigkeit vermissen. Die erste Taktikanalyse der neuen Saison. 

Werder Bremens Trainer Daniel Thioune gefiel nur bedingt, was seine Mannschaft ihm im DFB-Pokal-Duell gegen den Lüneburger SK anbot.

Werder Bremens Sieg im DFB-Pokal gegen den Lüneburger SK in der Taktik-Analyse: Rückkehr zum 4-2-3-1-System

Niclas Füllkrug musste nicht lange auf sein Werder-Comeback warten. Nur wenige Tage nach seiner Verpflichtung feierte der Mittelstürmer seine Startelf-Premiere. Trainer Daniel Thioune hatte sich zum Pflichtspielauftakt gegen den fünftklassigen Lüneburger SK entschieden, seine auf dem Papier beste Formation einzusetzen. So lässt der 3:0-Pokalerfolg nicht nur Rückschlüsse auf Füllkrugs Fitnesszustand zu. Das Spiel gab sogleich einen Einblick, wie Werders Trainer die neue Saison taktisch wie personell angehen könnte. Was lief bereits gut bei Werder Bremen? Wo herrscht noch Verbesserungsbedarf? 

In der vergangenen Spielzeit wechselte Thioune in der Abwehr häufig zwischen Vierer- und Fünferkette. In den Testspielen kam zumeist eine Viererkette zum Einsatz. Auch gegen den LSK stellte Thioune seine Mannschaft in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 auf. Der leicht angeschlagene Senne Lynen übernahm bis zur Pause die Rolle des Sechsers vor der Abwehr.  

Auf den Achter-Positionen davor agierten Ludovic Reis und Jens Stage. Bei Ballbesitz teilten sie das Mittelfeld untereinander auf: Stage agierte auf der halbrechten Seite. Der Däne rückte häufig auf den rechten Flügel. Reis agierte auf der linken Seite etwas zentraler. Er bewegte sich ins Sturmzentrum, sobald sich Füllkrug ins Mittelfeld fallenließ. Bremer Fans kennen diese Laufwege aus Füllkrugs früheren Werder-Tagen: Der Mittelstürmer lässt sich häufig in den Zehnerraum fallen, um Anschluss an den Spielaufbau zu finden. 

Die Grafik zeigt Werder Bremens Rochaden im Mittelfeld und auf den Flügeln. Ludovit Reis besetzte das offensive Zentrum, sobald sich Niclas Füllkrug zurückfallen ließ.

Werder Bremens Sieg im DFB-Pokal gegen den Lüneburger SK in der Taktik-Analyse: Viele Angriffe über rechts

Niclas Füllkrug musste sich zurückfallen lassen, um überhaupt Ballkontakte zu erhalten: Der Gegner verteidigte derart tief, dass Bälle in die Spitze kaum möglich waren. Die Lüneburger zogen sich an den eigenen Strafraum zurück und verteidigten dort im 4-4-1-1. Rechtsaußen Marian Kunze und Sechser Julien Gründker ließen sich immer wieder in die Abwehr fallen, sodass ein Fünf- oder gar Sechs-Mann-Block entstand. 

Werder Bremen sammelte gegen den tiefstehenden Gegner viel Ballbesitz. Vor das Tor gelangten sie in der ersten Halbzeit vor allem über den rechten Flügel. Die LSK stand auf dieser Seite nicht so kompakt wie auf dem gegenüberliegenden Flügel; Linksaußen Lenny Borges agierte teilweise sehr hoch und spekulierte auf Umschaltmomente nach Ballgewinnen. Der LSK gewann jedoch nicht genug Bälle, um diese Idee auch in der Praxis umzusetzen. 

So erarbeitete sich Bremen auf der rechten Seite ein Übergewicht. Stage und Justin Njinmah rochierten immer wieder auf diese Seite, um Breite zu schaffen. Rechtsverteidiger Mick Schmetgens konnte dadurch leicht ins Zentrum rücken. Die folgenden Flanken sorgten immer wieder für Gefahr. Den Führungstreffer erzielte Stage indes nach einer Ecke (11.). 

Werder Bremens Sieg im DFB-Pokal gegen den Lüneburger SK in der Taktik-Analyse: Manndeckung für Jens Stage

Mit der Führung im Rücken konnte Werder Bremen das Tempo der Partie drosseln. Lüneburg gelang es zunehmend besser, Stage aus dem Spiel zu nehmen. Gründker verfolgte ihn als Bewacher. Dennoch erspielten sich die Bremer fast all ihre Chancen, wenn Stage sich auf die rechte Seite herausbewegte. Doch diese Szenen wurden immer rarer: Die Bremer brachen viele Angriffe ab. 

In der Pause reagierte Thioune auf das eher langsame Ballbesitzspiel seiner Spieler. Lynen ging wie verabredet raus. Reis übernahm die Position vor der Abwehr, während der eingewechselte Neuzugang Chuki eine Reihe weiter vorne agierte. Auf Linksaußen wurde der ineffektive Samuel Mbangula durch Nachwuchstalent Paul Erevbenagie ersetzt.  

Fortan fand die linke Seite des SV Werder Bremen wesentlich besser ins Spiel. Stage wechselte auf die halblinke Achter-Position. Hier bekam er immer wieder Unterstützung durch Chuki. Bremen schaffte hier eine Überzahl. Werder holte über diese Seite einen Elfmeter heraus, Füllkrug traf zum 2:0 (52.). Allerdings wiederholten die Bremer denselben Fehler wie vor der Pause: Ihr Spiel war zu einseitig angelegt, sodass der LSK reagieren konnte. Als sie Bremens linke Seite besser in den Griff bekamen, stellte sich dieselbe Dynamik wie vor der Pause ein. Werder sammelte Ballbesitz, erspielte sich aber kaum Chancen. 

Werder Bremens Sieg im DFB-Pokal gegen den Lüneburger SK in der Taktik-Analyse: Ludovit Reis macht den Deckel drauf

So konnte es nicht ewig weitergehen: Lüneburgs Trainer Tarek Gibbah musste auf den Rückstand reagieren. Nach und nach wechselte er offensivere Spielertypen ein, ohne an der nominellen 4-4-1-1-Formation zu rütteln. Werder fand nun auf beiden Flügeln mehr Freiräume zum Kontern. Die Bremer spielten aber nicht jeden Gegenangriff aus. Immer wieder brachen sie Angriffe klug ab. So entstand zu keiner Zeit ein hektisches oder umkämpftes Spiel. Immerhin: Reis erzielte noch den Treffer zum 3:0-Schlusspunkt (76.).

Der Erkenntnisgewinn bleibt nach dem ersten Pflichtspiel der Saison 2026/27 gering. Das Spiel gegen den LSK deutete an, dass Werder Bremen in der neuen Saison häufiger den Weg über die Flügel sucht. Das ist keine sonderliche Überraschung, da mit Niclas Füllkrug und Cedric Itten zwei Strafraumstürmer verpflichtet wurden. Reis und Stage sollen als Achter dafür sorgen, auf den Seiten Überzahlen herzustellen.
 
Es bleiben viele Fragezeichen. So war vor allem das Spiel durch das Zentrum meistens Stückwerk. Reis‘ Treffer zum 3:0 war der einzige nennenswerte Angriff durch die Mitte; es war eher eine Einzel- denn eine Teamaktion. Auch die Bremer Abwehr wurde gegen den Fünftligisten naturgemäß nicht getestet. Ob Daniel Thioune auch gegen die stärkere Bundesliga-Konkurrenz durchgehend an der Viererkette festhält, bleibt abzuwarten. Der 3:0-Erfolg war ein Pflichtsieg im ersten Pflichtspiel – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Rubriklistenbild: © IMAGO/nordphoto

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