0:2-Pleite zum Saisonabschluss

Spiegelbild der Saison: Warum es Werder gegen den BVB an Durchschlagskraft mangelte - die Taktik-Analyse

Warum es Werder Bremen gegen Borussia Dortmund einmal mehr an Durchschlagskraft mangelte, erklärt Tobias Escher in der Taktik-Analyse.

Im finalen Saisonspiel liefert Werder Bremen noch einmal ein Medley der abgelaufenen Saison. Wie so häufig in dieser Spielzeit zeigen die Bremer beim 0:2 gegen Borussia Dortmund gute Ansätze. Allerdings mangelte es erneut an Durchschlagskraft, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Werder Bremen bot seinen Fans am finalen Spieltag einen besonderen Service. Im 90-Minuten-Schnelldurchlauf bekamen die Zuschauer im Bremer Weserstadion all die guten und all die schlechten Eigenschaften dieser Bremer Mannschaft noch einmal vor Augen geführt. Beim 0:2 gegen Borussia Dortmund sahen die Fans ein Team, dem man mangelnden Einsatz nicht vorwerfen konnte. Allerdings fehlte der Elf von Trainer Daniel Thioune erneut jedwede Durchschlagskraft im Spiel nach vorne.

Daniel Thiounes Plan funktionierte nur in Ansätzen: Die Taktik-Analyse zur Niederlage des SV Werder Bremen gegen den BVB.

Taktik-Analyse: Werder Bremens Daniel Thioune wählt gegen den BVB Fünfer- und Viererkette

Aus taktischer Sicht begleitete vor allem eine Debatte die Bremer Saison. Soll die Abwehr in einer Viererkette auflaufen – oder doch als Fünferkette? Trainer Thioune war es offenbar leid, sich entscheiden zu müssen. Er setzte gegen Borussia Dortmund beide Varianten ein. Im Ballbesitz begannen die Bremer das Spiel in einer klassischen 4-3-3-Formation. Senne Lynen postierte sich als Sechser vor der Abwehr. Sobald die Bremer den Ball verloren, gliederte sich Lynen jedoch in die Abwehrkette ein. Er ließ sich auf die halbrechte Innenverteidiger-Position fallen. Werder Bremen verteidigte in einem 5-2-3-System.

Daniel Thioune wollte damit die besten Seiten beider Varianten verbinden. Gegen den Ball sollte Werder Bremen in der letzten Linie nicht in Unterzahl geraten. Borussia Dortmund begann das Spiel in einem 5-2-3. Durch die hohe Rolle der Außenverteidiger ergab sich im Ballbesitz ein 3-2-5. Mit der eigenen 5-2-3-Formation konnte Werder diese Variante spiegeln. Lynen half dazu in der Abwehr aus. Im Spielaufbau wiederum wollten die Bremer eine Überzahl im Zentrum herstellen. Lynen agierte hier direkt vor der Abwehr, während Jens Stage und Cameron Puertas die Aufmerksamkeit der gegnerischen Doppelsechs auf sich zogen.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Mischung aus Dreier- und Viererkette. Im Ballbesitzspiel postierte sich Senne Lynen vor der Abwehr. Inacio nahm ihn in Manndeckung. Bei gegnerischem Ballbesitz gliederte sich Lynen in die Abwehrkette ein. Es entstand ein 5-2-3-System.

Taktik-Analyse: Borussia Dortmund kontert Werder Bremens Aufbau

Der BVB wusste jedoch Lynens Rolle zu kontern. Auch sie formten ihre Formation im Spiel gegen den Ball um. Linksaußen Samuele Inácio rückte ins Zentrum. Er nahm Lynen in Deckung, während die beiden anderen Angreifer Serhou Guirassy und Maximilian Beier die Bremer Innenverteidigung anliefen. Gerade in den Anfangsminuten setzten Dortmunds Angreifer Werder Bremens Verteidiger mächtig unter Druck. Lynen musste sich weit fallen lassen, um den Aufbau zu unterstützen. Trotzdem verloren die Bremer mehrere Bälle, wodurch Dortmund zu Kontern kam. Einzig Keeper Mio Backhaus verhinderte eine frühe Dortmunder Führung.

Nach rund einer Viertelstunde bekamen die Bremer mehr Ruhe in ihr Ballbesitzspiel. Werder Bremen konnte das Spiel nun häufiger über die halblinke Seite eröffnen. Puertas zeigte sich sehr präsent im Spielaufbau. Häufig bewegte er sich weit nach links, um eine Anspielstation neben Dortmunds Mittelfeld zu kreieren.

Werder Bremens Niederlage gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Die Durchschlagskraft fehlt

Es folgte die beste Phase der Bremer. Von der halblinken Seite aus spielten sie den Ball direkt in die Spitze. Mittelstürmer Salim Musah ließ sich häufig fallen, um den Ball mit dem Rücken zum Tor zu empfangen. Seine Ablagen nutzte Werder Bremen, um das Tempo zu erhöhen. Gerade Romano Schmid erhielt auf der halblinken Seite viele Bälle.

In der gegnerischen Hälfte zeigten sich jedoch die Probleme, die Werder Bremen schon die gesamte Saison über plagen. Im letzten Drittel bot sich selten ein Spieler für Bälle hinter die Abwehr an. Wenn diese Bälle gespielt wurden, setzte sich fast immer ein Dortmunder Verteidiger durch. Im letzten Drittel fehlte jegliche Durchsetzungsfähigkeit. Nur selten testete Bremen die Dortmunder Fünferkette, etwa über einrückende Läufe von Linksverteidiger Olivier Deman.

Taktik-Analyse: BVB-Star Nico Schlotterbeck zeigt gegen Werder Bremen sein Können

Nach der Pause übernahm der BVB die Kontrolle über die Partie. Inacio und Beier agierten fortan etwas tiefer. Sie lockten Lynen und Karim Coulibaly aus der Abwehr. Um die entstehenden Lücken zu schließen, rückten Bremens Außenverteidiger leicht ins Zentrum. Genau diese Reaktion wollte der BVB provozieren. Rechtsverteidiger Julian Ryerson schob weit nach vorne. Er bot sich an als Anspielpunkt für Verlagerungen. Auftritt Nico Schlotterbeck: Gleich mehrfach setzte der halblinke Verteidiger zu seinen berühmt-berüchtigten Diagonalbällen an. So leitete der Nationalspieler den Dortmunder Führungstreffer ein (54.).

Nach dem Dortmunder Führungstreffer schien die Luft raus zu sein aus der Partie. Der BVB zog sich nach und nach zurück. Thioune versuchte, mit unkonventionellen Wechseln die Dynamik des Spiels zu verändern. So kam Samuel Mbangula als Rechtsaußen in die Partie. Der gelernte Linksaußen interpretierte die Position recht frei. Das schien Dortmunds Abwehr einige Male zu überraschen. Mehr als ein paar Halbchancen und einen Abseitstreffer erspielte sich Werder Bremen nicht mehr. Spät in der Nachspielzeit erzielte der BVB den zweiten und letzten Treffer des Abends.

Die 0:2-Niederlage war der passende Schlusspunkt der Bremer Saison. Obwohl die Bremer dem Gegner nicht komplett unterlegen waren, kamen sie einem Punktgewinn nie nahe. Werder Bremen fehlte wie so häufig die Durchschlagskraft, um die eigenen taktischen Ansätze zu veredeln. Werders finaler Auftritt verkam so zum Spiegelbild einer verkorksten Saison.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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