Werder zeigt auch in Unterzahl, was Kohfeldt sehen will
Wenn Niederlagen stolz machen
Stuttgart/Bremen - Es ist jetzt schon einige Zeit her, da hat Werders Trainer Florian Kohfeldt in einer kleinen Medienrunde ausführlich erklärt, welchen Fußball er mit seiner Mannschaft spielen möchte. Zentrale Worte seines Vortrags waren: Mut. Überzeugung. Selbstvertrauen.
Der Mut, gegen jeden Gegner auf Sieg zu spielen. Die Überzeugung, dass das die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg erhöht. Und schließlich das Selbstvertrauen, das daraus irgendwann zwangsläufig resultiert. Das klang damals gut, schlüssig und vielversprechend. Aber auch wie ein Ziel in ferner, ferner Zukunft.
Den Beweis, dass Werder nach vielen grauen Jahren tatsächlich wieder zu den aufregenden, attraktiven Clubs der Bundesliga würde zählen können, musste Kohfeldt am Anfang seiner Amtszeit erst noch erbringen. Am Samstagnachmittag, 17.20 Uhr, hatte er es geschafft – und das, obwohl Werder beim VfB Stuttgart soeben auf bitterste Art und Weise mit 1:2 (0:1) verloren hatte.
„Über das Ergebnis bin ich natürlich extrem enttäuscht,“ sagte der Coach, aber noch ehe sich auch nur einer seiner Mundwinkel in den Katakomben des Stuttgarter Stadions auf den Weg nach unten hätte machen können, fügte er mit funkelnden Augen an: „Auf die Art und Weise, wie wir gespielt haben, bin ich aber stolz. Sehr, sehr stolz! Mit meiner Mannschaft kann ich mich heute extrem gut identifizieren.“ Angesichts seiner eingangs grob umrissenen Idee von Fußball wäre alles andere auch merkwürdig gewesen.
„Extrem offensiv“ gegen Stuttgart
Werder agierte in Stuttgart vom Start weg dominant, zunächst in einem 3-1-4-2 mit Philipp Bargfrede als zentralem Mann in der Dreierkette und Nuri Sahin als Sechser davor. Ein System, das „extrem offensiv“ gedacht war, wie Kohfeldt betonte. Viele Pässe, oft direkt, Dreiecksspiel: Der Ball lief phasenweise wie an der Schnur gezogen durchs Bremer Mittelfeld. Erst Sahin, dann Klaassen, zwischendurch kurz Osako, dann plötzlich Kruse und irgendwann – was schließlich das Entscheidende ist – auch vors gegnerische Tor. Das war aufregend, risikoreich. Oder: Es war der Mut, den Kohfeldt sehen will. Einziger Kritikpunkt in den ersten Minuten des Spiels: Werder hätte ein Tor machen müssen.
Es fiel dann auf der anderen Seite, 19. Minute, Anastasios Donis, 0:1. Ein vermeidbarer Gegentreffer, dem zwei Fehler vorausgegangen waren. Erst vertändelte Davy Klaassen den Ball im Mittelfeld, dann sah Milos Veljkovic im Laufduell mehr als unglücklich gegen den Torschützen aus. Ein Rückschlag, ein herber, den Werder aber einfach wegsteckte.
Anstoß, wieder ab nach vorne – nur vier Minuten später hätte Theodor Gebre Selassie bereits den Ausgleich erzielen können, vielleicht sogar müssen. Es gelang nicht. Jedoch allein die Tatsache, dass die Bremer weiter an ihren Weg glaubten, trotz Rückstand die von Kohfeldt geforderte Überzeugung zeigten, war bemerkenswert. Nur zur Erinnerung: Es gab Zeiten, da reichte ein Gegentor aus, um Werder völlig über den Haufen zu werfen.
„Wichtig ist, dass wir gut spielen. Dann kommen auch die Punkte“, hielt Klaassen nach der Partie fest. Der Niederländer klang dabei nicht wie ein trotziger Verlierer. Vielmehr wie ein Profi, der das Heimspiel am Freitagabend gegen den VfL Wolfsburg (20.30 Uhr) gar nicht mehr abwarten kann. „Selbst in Unterzahl waren wir heute besser“, sagte Klaassen noch, ehe er zum Bus ging. Und in der Tat: Auch den zweiten Nackenschlag am Neckar hatte Werder einfach wegkombiniert.
Auswärts in Unterzahl: Kohfeldt spielt auf Sieg
Nachdem Veljkovic zurecht die Gelb-Rote Karte gesehen hatte (36.), stellte Kohfeldt hinten auf Viererkette um. Eine Veränderung der Grundordnung, keine der Ausrichtung. „Wir wollten uns auch in Unterzahl Chancen herausspielen“, sagte der Trainer. Es gelang. Pfosten Maximilian Eggestein (58.), später auch Pfosten Claudio Pizarro (72.) – und dazwischen der Ausgleich durch das Stuttgarter Einwurf-Eigentor, eine maximal kuriose Koproduktion von Einwerfer Borna Sosa und Stuttgarts Torhüter Ron-Robert Zieler (68.).
Nun gehört es aber auch zur kohfeldtschen Werder-Mentalität, dass ein 1:1 in Unterzahl, auswärts gegen Stuttgart, eher ein passables, denn ein gutes Ergebnis ist. Heißt: Statt den einen Punkt irgendwie über die Zeit in Richtung Heimat zu schaukeln, spielte sein Team weiter voll auf Sieg – und wurde bestraft: 1:2 durch Gonzalo Castro (75.). Nicht clever genug, könnte man sagen. Konsequent an den eigenen Plan geglaubt, aber auch. Stichwort: Selbstbewusstsein.
Fotostrecke: Verrücktes Werder-Spiel in Stuttgart




Bei Werder läuft längst noch nicht alles perfekt, das war auch an den fünf Spieltagen zuvor nicht so gewesen. Aber die Mannschaft hat einen Plan und sowohl Mut, Überzeugung als auch Selbstvertrauen, ihn in die Tat umsetzen. Das lässt hoffen und sorgt für ein Gefühl, wie es Profis, Verantwortlichen, den Fans und auch dem Trainer nicht besser schmecken könnte.
Und so kam es am frühen Abend im Bauch des Stuttgarter Stadions zu einem paradoxen Moment. Michael Reschke, der Sportvorstand des VfB, hatte sich soeben als strahlender Sieger mit einem „Ich werde einen schönen Abend haben, das verspreche ich Ihnen“ von den Journalisten verabschiedet, als auch Kohfeldt die Arena verließ. Mit einem Lächeln, das nicht eben kleiner war: „Wir haben verloren. Aber wenn du das Spiel in die Gesamtentwicklung einordnest, war das ein ganz wichtiges und positives Spiel für uns.“
