Last-Minute-Ausgleich
Taktik-Analyse: Wie Werder gegen Frankfurt den sicheren Sieg aus der Hand gab
Werder Bremen gelingt auch gegen Eintracht Frankfurt kein Sieg. Dabei dominierte Werder lange Zeit das Spiel. Vor allem auf den Flügeln hatten die Bremer klare Vorteile. Warum am Ende dennoch nur ein Punkt heraussprang, analysiert Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Bremen – Die gute Nachricht zuerst: Werder Bremen lebt! Gegen Eintracht Frankfurt hätte es durchaus Gründe gegeben, den Kopf hängen zu lassen. Bereits in der ersten Minute kassierten die Bremer das 0:1. Kurz nach der Pause folgte das 1:2. Doch Werder biss sich zurück ins Spiel, dominierte das Geschehen – und erspielte sich eine verdiente 3:2-Führung.
Die schlechte Nachricht: Am Ende reichte es nicht zu einem Sieg. Seit nunmehr sieben Spielen warten die Bremer auf einen Dreier. Kleinigkeiten in der Defensive trübten am Freitagabend ein stimmiges Gesamtbild.
Die Fünferkette bleibt bei Werder Bremen auch gegen Eintracht Frankfurt gesetzt – das Remis in der Taktik-Analyse
Trainer Horst Steffen vertraute auch gegen Eintracht Frankfurt einer Fünferkette in der Abwehr. Im Mittelfeld spielte Romano Schmid in der Schnittstelle zwischen halbrechtem Mittelfeld und Rechtsaußen. Werder Bremen verteidigte in einer Mischung aus 5-3-2 und 5-2-3.
Frankfurts Formation war nicht so klar zu erkennen. Auf dem Papier agierte die Eintracht aus einem 4-4-2 heraus. Nathaniel Brown übernahm den Posten als linker Außenstürmer. Oftmals fiel er jedoch auch in die Abwehr, sodass ein 5-3-2 entstand. Manchmal ging Zehner Farès Chaïbi nach links, sodass Frankfurt gegen Werder Bremen im 5-4-1 verteidigte.
So oder so: Die Frankfurter konzentrierten sich bei ihren Angriffen eher auf die rechte Seite. Ritsu Doan bekam hier viel Unterstützung durch Chaibi. So fiel auch das erste Tor: Nach Doans Flanke auf den zweiten Pfosten verlor Yukinari Sugawara das direkte Duell mit Brown (1.).
Taktik-Analyse: Werder Bremen dominiert das Geschehen gegen Eintracht Frankfurt
Weitere Überladungen der rechten Seite sah man auf Frankfurter Seite indes nur selten. Nach der frühen Führung zogen sie sich weit zurück. Die Abwehrspieler hielten ihre Position, auch das zentrale Mittelfeld rückte kaum mehr heraus. Die Außenspieler Brown und Doan wiederum verfolgten die Außenverteidiger des SV Werder Bremen.
Werder erhielt somit in der ersten Aufbaulinie viel Zeit am Ball. Die Bremer nutzten dies, um das Spiel in die Breite zu ziehen. Senne Lynen ließ sich neben Innenverteidiger Marco Friedl fallen. Amos Pieper und Karim Coulibaly rückten weit auf die Flügel. Hier bekamen sie selten Druck durch einen Gegenspieler. Von hier aus konnte Werder Bremen das Spiel in die gegnerische Hälfte tragen.
Dies gelang den Bremern vor allem über die Flügel. Besonders Sugawara schob auf der rechten Seite weit vor. Schmid zeigte sich sehr umtriebig und half auf beiden Seiten aus. Insgesamt 23 Flanken schlugen Werders Spieler am Freitagabend. Nur im Spiel gegen Wolfsburg (2:1) gab es mehr Bremer Hereingaben zu bestaunen. Allerdings fehlte vorne ein Stoßstürmer, sodass die meisten Flanken ungefährlich blieben. Auch die vier Ecken, die Werder Bremen auf diese Art vor der Pause herausholte, führten nicht zu Abschlüssen.
Das Tempo von Justin Njinmah sticht – Taktik-Analyse zum Remis zwischen Werder Bremen und Eintracht Frankfurt
Erfolgreicher verliefen Angriffe, bei denen Werder Bremen mit hohem Tempo hinter die Kette spielte. Dies gelang vor allem, als Eintracht Frankfurt doch einmal aus der passiven Spielweise ausbrach. Sobald Brown oder Doan am Pressing teilnahmen, konnte Werder das Tempo anziehen: Frankfurts Außenverteidiger mussten aufrücken, um die Lücke zu schließen. Das öffnete die Schnittstellen zwischen Frankfurter Innen- und Außenverteidiger.
Nutznießer war Justin Njinmah. Er postierte sich in vorderster Linie so, dass er direkt in die Schnittstellen starten konnte. Der Stürmer des SV Werder Bremen gelangte gleich mehrfach hinter die Frankfurter Abwehr, nutzte jedoch nur eine (29.) seiner drei großen Chancen (20., 68.).
Auch nach dem Ausgleich blieb Werder Bremen die dominante Mannschaft. Über die gesamten neunzig Minuten hinweg hatten die Grün-Weißen ein klares Ballbesitzplus (60% Spielanteile). Werder verlagerte das Spiel geduldig von einem Flügel auf den anderen, bis sich eine Lücke öffnete. Nach Ballverlusten zeigten sich die Bremer meist hellwach, sodass sie Frankfurter Konter im Keim erstickten.
Wenig Änderungen nach der Pause: Werder Bremen dominiert Eintracht Frankfurt
Nach der Halbzeitpause versuchten die Frankfurter, etwas aktiver zu stören. Im zentralen Mittelfeld rückte Mahmoud Dahoud weiter nach vorne. Er verfolgte Lynen, wenn dieser sich in die Abwehr fallenließ. Die etwas druckvollere Phase der Eintracht mündete in einen Ballgewinn, der prompt zum zweiten Frankfurter Treffer führte (56.).
Danach agierte Eintracht Frankfurt passiver denn je. Häufig zogen sie sich mit fünf Mann in der letzten Linie an den eigenen Strafraum zurück. Werder Bremen blieb weiterhin die dominante Mannschaft und zog das Spiel in die Breite. Steffens Wechsel befeuerten den Flügelfokus: Zunächst kam Jovan Milosevic als Strafraumstürmer (65.). Später übernahm Samuel Mbangula den Posten als Linksaußen im 5-2-3-System (75.).
Werder Bremen setzte sich gegen müder werdende Frankfurter immer häufiger auf dem Flügel durch. Den Ausgleichstreffer erzielten die Gastgeber nach einem Freistoß (78.). In Führung gingen sie nach dem bekannten Muster: Als Frankfurt mal wieder halbherzig presste, startete Schmid in die Schnittstelle. Er legte den Führungstreffer für Milosevic auf (80.).
Später Ausgleich von Eintracht Frankfurt sorgt für schlechte Laune bei Werder Bremen
Eintracht Frankfurt blieb auch nach dem Ausgleichstreffer blass. Die Hessen warfen fortan im 4-2-4 alles nach vorne. Sie fokussierten erneut Angriffe über die rechte Seite. Blöd für Werder Bremen: Hier musste der defensiv eher schwache Mbangula als Linksverteidiger aushelfen. In der Nachspielzeit verlor das Geburtstagskind (22) vor dem Ausgleichstreffer das entscheidende Duell.
So bleibt Werder Bremen nur Katzenjammer. In allen relevanten Statistiken waren die Hausherren klar besser als der Gegner: Sie hatten mehr Ballbesitz, gaben mehr Torschüsse ab und erspielten sich über ein Expected Goal mehr als die Eintracht. Insofern kann man Werder zwar eine klare Leistungssteigerung attestieren. Gerade im Ballbesitz agieren die Bremer nach der Winterpause abgeklärter und zugleich zielstrebiger. Zu einem Sieg hat es dennoch nicht gereicht.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Malte Ossowski/SVEN SIMON

