Nach Nordderby-Pleite
Keine Zeit für Besinnlichkeit: Kurz vor Weihnachten hat Werder große Baustellen – Fritz fordert Besserung
Die Nordderby-Niederlage legt beim SV Werder Bremen viele Probleme offen, die interne Analyse fällt „schonungslos“ aus. Welche Baustellen es gibt und was Sportchef Clemens Fritz jetzt fordert.
Bremen – Neu, nur um das direkt festzuhalten, sind die unverkennbaren Probleme nicht, mit denen der SV Werder Bremen dieser Tage durch die Bundesliga strauchelt. Im Gegenteil. Sie begleiten die Mannschaft von Cheftrainer Horst Steffen bereits seit dem Sommer, treten dabei mal etwas weniger, dann aber wieder sehr deutlich zu Tage. So wie am vergangenen Wochenende während der ebenso bitteren wie hochverdienten 2:3-Derbypleite gegen den Hamburger SV.
Viele Baustellen bei Werder Bremen: Interne Analyse nach Nordderby-Pleite fällt „schonungslos“ aus
Für alle Grün-Weißen – ob nun Profis, Fans oder Verantwortliche – war es ein enorm schmerzhaft-emotionales Ereignis, das die Fragen nach Erklärungen nun umso drängender, ja fast schon zwangsläufig werden lässt. Weil das Ergebnis dieses Mal eben nicht mehr dazu taugt, einen fußballerisch schwachen Auftritt zu kaschieren, so wie es etwa nach den punktebringenden Partien gegen Union Berlin (1:0), Mainz 05 (2:2) und den VfL Wolfsburg (2:1) noch der Fall gewesen war. Fest steht: Die Baustellen des SV Werder Bremen sind mannigfaltig. Sie ziehen sich durch mehrere Mannschaftsteile und bedingen sich gegenseitig. Gelöst werden sollten sie schleunigst, damit aus tristen Adventswochen keine handfeste Krise erwächst.
Am Montag, einen Tag nach der Derbypleite, die das dritte sieglose Spiel in Serie markierte, stand im Weserstadion deren ausführliche Aufarbeitung im Mittelpunkt. Per Videoanalyse führte das Trainerteam um Chefcoach Horst Steffen der versammelten Mannschaft ihre Versäumnisse vor, auch Peter Niemeyer als Leiter Profifußball wohnte der Runde bei. Kein ungewöhnlicher Vorgang bei Werder Bremen, vielmehr Tagesgeschäft – und doch dürften die Themen dieses Mal besonders unerfreulich gewesen sein. „Der HSV hatte mehr Feuer. Wir hingegen haben im Verlauf des Spiels den Fokus verloren“, sagte Sportchef Clemens Fritz gegenüber der DeichStube – und hielt fest: „Darüber ärgern wir uns alle enorm, die Spieler, das Trainerteam und die sportliche Leitung.“ Entsprechend „schonungslos“ sei die Analyse ausgefallen, versicherte der Ex-Profi. Brennpunktthemen gibt es am Osterdeich derzeit ja auch mehr als genug – mit Ausnahme der Torhüterposition, auf der Mio Backhaus eine starke erste Bundesligasaison spielt, lassen sie sich fast überall ausmachen.
Werder Bremens Zwickmühle in der Defensive hat Folgen für die Offensive - Fußball-Idee weiterhin nur fragmentarisch
Angefangen in der Viererkette, die Horst Steffen bei Werder Bremen implementiert hat, was vor allem für einen Spieler zum echten Problem geworden ist: Marco Friedl, den Kapitän der Mannschaft. Der versteht sich bekanntlich als Innenverteidiger, und tatsächlich liegen seine Stärken in der Abwehrmitte. Nach einer starken Vorsaison – damals noch als zentraler Mann und Organisator einer Dreierkette – wurde der Österreicher nun allerdings längst verdrängt, von Senkrechtstarter Karim Coulibaly, den Steffen für den Viererketten-Job vor Friedl sieht. Das schafft nicht nur Unmut beim Kapitän, sondern hat auch taktische Konsequenzen. Weil Friedl defensiv auf der linken Seite regelmäßig Unterstützung vom Flügelstürmer bekommt, der aus einer Vierer- dann eine Fünferkette macht, ist dieser – namentlich: Marco Grüll – in seinen offensiven Freiräumen merklich eingeschränkt. Samuel Mbangula hatte zuletzt neben gesundheitlichen Problemen auch deshalb mehrfach das Nachsehen, wenn es um einen Platz in der Startelf geht, weil er den defensiven Part auf dem Flügel nicht so sehr ausfüllen kann wie Grüll.
Dabei wäre Mbangula angesichts seines großen Potenzials prädestiniert dafür, der Bremer Offensive neuen Schwung zu verleihen – und womöglich auch die glücklosen Mittelstürmer entscheidend zu unterstützen. Denn genau hier liegt ein weiteres großes Problem: Weder Victor Boniface noch Keke Topp treffen das Tor oder haben auch nur überdurchschnittlichen Einfluss aufs Spielgeschehen, was freilich den besten Stürmern in Phasen passieren kann, in dieser Doppelhäufung aber längst zur Belastung für die Mannschaft geworden ist. Zumal der Neuner im System von Horst Steffen grundsätzlich eine, wenn nicht die zentrale Offensivfigur darstellt – siehe Fisnik Asllani während der vergangenen Zweitligasaison bei der SV Elversberg. Davon sind die Bremer aktuell meilenweilt entfernt. Auch das trägt seinen Teil dazu bei, dass es im System hakt, dass der Werder-Fußball am Jahresende 2025 immer noch fragmentarisch und nicht wie aus einem Guss daherkommt. Seit dem Nordderby, als die Zweikampfquote mit 63:37 Prozent krachend klar an den HSV ging, haben sich nun zu allem Überfluss auch noch die Themen „Einstellung“ und „Mentalität“ in die allgemeine Gemengelage gemischt, was die Situation nicht besser macht.
Werder Bremen-Sportchef Clemens Fritz will „nicht alles schlechtreden“, aber fordert klare Steigerung gegen VfB Stuttgart
Und trotzdem: Panik schüren möchte Clemens Fritz nicht. „Ich warne davor, jetzt alles schlechtzureden, denn das entspricht nicht den Tatsachen“, sagte der Sportchef des SV Werder Bremen am Dienstag. „Die Mannschaft hat schon gezeigt, was in ihr steckt, wenn ich nur an den Auftritt in Leipzig oder an die erste Halbzeit gegen Köln denke.“ Tatsächlich waren das Spiele, in denen die Bremer phasenweise überzeugt hatten. Nur reicht phasenweise in der Regel eben nicht aus. „Natürlich wissen wir, dass wir uns steigern müssen. Deshalb sprechen wir miteinander und beschönigen nichts“, betonte Fritz, der seiner Mannschaft eine klare Botschaft mit auf den Weg für die kommenden Tage gab: „Wichtig ist, dass wir eine gute Trainingswoche hinlegen, denn gegen Stuttgart wird uns am Sonntag wieder alles abverlangt.“ Schlussappell: „Da erwarten wir alle einen anderen Auftritt von uns.“ (dco)
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