DeichStube-Interview

„Wird zeitnah eine Entscheidung geben“: Bittencourt im Interview über auslaufenden Werder-Vertrag, Wechsel-Optionen und seine ungeliebte neue Rolle

Leonardo Bittencourt spricht im DeichStube-Interview über seinen auslaufenden Vertrag, Wechsel-Optionen und seine ungeliebte neue Rolle beim SV Werder Bremen!

Bremen – Als Leonardo Bittencourt sich am Donnerstag mit der DeichStube zum exklusiven Interview-Termin trifft, wirkt der Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen angriffslustig. Einmal in Fahrt gekommen, geht es im Gespräch mit dem 31-Jährigen um dessen auslaufenden Vertrag, mögliche Wechseloptionen und seine neue Rolle im Team. Zudem spricht der Deutsch-Brasilianer vor dem Auswärtsspiel beim 1. FC Heidenheim (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) über sein spezielles Verhältnis zu Youngster Karim Coulibaly und Coach Horst Steffen.

Leonardo Bittencourt spricht im DeichStube-Interview über seinen Status beim SV Werder Bremen und seine Zukunft.

Häufiger Gast beim SV Werder Bremen: Leonardo Bittencourt spricht über Vater Franklin und dessen Verletzung

Herr Bittencourt, wie muntert man eigentlich seinen Vater auf, wenn der sich während eines gemeinsamen Auftritts bei einem Legenden-Kick in Cottbus nach fünf Minuten die Achillessehne reißt?

(lacht) Indem man ihn auslacht. Nein, das hat er sich sicher anders vorgestellt. Aber wenn man seit 20 Jahren kein Fußball mehr spielt und dann denkt, man kann da ohne sich warmzumachen ein bisschen rumlaufen, dann funktioniert das leider nicht mehr. Mittlerweile steckt er das aber gut weg, auch wenn die Anfangszeit nach der OP für ihn schwierig war. Das ist für ihn jetzt ein kleiner Ansporn, wieder mehr zu machen, und ich denke, dass er noch stärker zurückkommen wird.

Mittlerweile kann er schon wieder lachen, ist auf Krücken weiterhin regelmäßiger Gast beim Training und den Spielen. Dürfen Sie jemals aufhören oder ist er Ihnen dann böse?

Das entscheide am Ende immer noch ich. Aber er hat sehr viel Spaß daran, sich Fußballspiele anzuschauen, gerade wenn ich noch aktiv bin. Das ist wie ein Hobby für ihn. Wenn es irgendwann mal vorbei ist, wird es ihm wahrscheinlich genauso fehlen, wie es mir fehlen wird. Aber ich habe ja noch einen Sohnemann, vielleicht hat der dann auch Lust oder vielleicht spielt ja auch meine Tochter.

Wie lange wird Franklin Bittencourt denn noch nach Bremen fahren?

Stand jetzt noch knapp ein Jahr (grinst).

Vertrag bei Werder Bremen läuft aus – Leonardo Bittencourt spricht im DeichStube-Interview über seine Zukunft

Ihr Vertrag läuft am Ende der Saison aus. Bis wann möchten Sie Klarheit haben, ob und wie es weitergeht?

Ich bin mit Clemens (Fritz, d. Red.) im engen Austausch, wir verstehen uns sehr gut, haben auch vor der Saison schon miteinander gesprochen. Deswegen müsst ihr euch keine Sorgen machen. Ich glaube, in naher Zukunft wird es eine Entscheidung geben.

Hat es also schon konkrete Vertragsgespräche gegeben?

Wir unterhalten uns über viele Dinge. Auch über Verträge. Wenn es etwas zu verkünden gibt, dann werden wir das gemeinsam tun.

Wie fühlt es sich an, mit einem auslaufenden Vertrag in die Saison zu gehen?

Es ist auf jeden Fall eine ganz neue Situation für mich, weil ich es in den letzten 15 Jahren nie gehabt habe. Aber ich bin ehrlich, die habe ich lieber jetzt mit fast 32 als mit 20. Jetzt habe ich die Ruhe weg, weil ich weiß, was ich kann. Ich bin jedes Training draußen. Ich bin bei jedem Spiel dabei. Ich bin so fit, so erfahren und so reif wie noch nie. Und deswegen wird es für mich auf jeden Fall weitergehen. Ob hier oder woanders.

Welche Perspektive wollen Sie vom Verein aufgezeigt bekommen? Können Sie weiter mit der Rolle des Ersatzmanns leben?

Natürlich ist es nicht mein Anspruch, Ersatzspieler zu sein. Ich möchte immer auf dem Platz stehen, das ist klar. Aber grundsätzlich kann ich mir vieles vorstellen. Ich kann mir diese Rolle vorstellen, ich kann mir aber auch eine andere Rolle vorstellen. Am Ende muss für mich das Gesamtpaket stimmen. Es muss eine Perspektive da sein, mit der ich mich anfreunden kann, um meinen Vertrag so zu erfüllen, wie sich das jeder Verein vorstellt: mit 150 Prozent. Und deswegen setzt man sich ja zusammen, bespricht die Dinge und wird am Ende entweder zueinander finden oder eben auch nicht.

Leonardo Bittencourt im Interview über ehemalige und neue Mitspieler beim SV Werder Bremen

Was sagt denn Ihr Gefühl: Will Werder Sie noch länger behalten?

Das müsst ihr Werder fragen. Mein Gefühl ist, dass beide Seiten sehr glücklich sind. Das haben sie mir auch vor der Saison gesagt. Der Trainer hat mir auch gesagt, dass er froh ist, dass ich hier bin. Genauso geht es mir auch. Ich bin happy, hier zu sein. Und was in Zukunft passiert, wird man sehen.

Zuletzt hat sich der Club von älteren Akteuren wie Anthony Jung und Milos Veljkovic getrennt – wird Ihnen da ein bisschen mulmig?

Grundsätzlich ist es immer schade, wenn man Typen verliert, mit denen man sich gut verstanden hat. Das ist bei Duckschi so, das ist bei Tony so, aber auch bei anderen Jungs, die schon eher gegangen sind. Das ist aber einfach das Geschäft. Verträge laufen aus. Oder man findet nicht zueinander oder eine neue Herausforderung. Gerade ich, der ja nun auch fünf Vereine in der Bundesliga hatte, weiß das ganz genau. Aber Angst vor meiner eigenen Zukunft habe ich deshalb nicht. Ich glaube auch, das hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern eher damit, welche Perspektive sich für den Spieler auftut oder wie der Verein plant.

Ihr Kumpel Marvin Ducksch ist im Sommer nach England gewechselt. Zudem hat sich Mitchell Weiser, mit dem Sie sich gut verstehen, schwer verletzt. Müssen wir uns Sorgen machen, dass Sie vereinsamen?

Vereinsamen tue ich hier nicht. Aber klar fehlen mir ein paar Jungs. Glücklicherweise bin ich ein offener Typ und wir haben eine coole Mannschaft. Ich kann mich auch gut mit Jüngeren unterhalten. Das hält mich jung. Wir haben echt tolle Charaktere dabei, gerade Couli (Karim Coulibaly, d. Red.) und Patrice (Covic, d. Red.), die sehr lernwillig sind, die immer wieder auf mich zukommen und mit mir reden. Das macht mir viel Spaß und ich probiere, den Jungs mit meiner Erfahrung zu helfen.

„Hochtalentierter Junge“: Leonardo Bittencourt über Werder Bremens Top-Talent Karim Coulibaly – und seine eigene Karriere

Wie würden Sie ihr Verhältnis zu Karim Coulibaly beschreiben?

Unser Verhältnis ist richtig gut. Ich pushe ihn sehr, weil ich total von ihm überzeugt bin. Ich glaube, einem jungen Spieler tut es immer gut, wenn ein erfahrener Spieler ihm Rückendeckung gibt. Hin und wieder kriegt er aber trotzdem mal einen Spruch von mir, das gehört auch dazu. Aber er ist ein hochtalentierter Junge. Man hat ja gesehen, wie schnell er sich etabliert hat. Wir sind alle voll zufrieden mit ihm.

Wo kann er noch besser werden?

Er braucht Ruhe und Zeit, um sich noch weiterzuentwickeln und dann kann er ein sehr guter Innenverteidiger werden. Ich habe ihm schon gesagt, er soll mich später nicht vergessen, wenn er mal bei einem größeren Verein spielt. Und er hat gesagt: „Aber nein, wie soll ich dich jemals vergessen, Leo?“ (lacht)

Wären Sie manchmal selber gerne nochmal 18 Jahre jung?

Boah, das weiß ich nicht. Manchmal denke ich: Ja. Aber andersrum bin ich schon froh, in einer Zeit im Fußball groß geworden zu sein, wo der Fokus noch ein bisschen anders war. Wo es auch mal ein bisschen härter zur Sache ging, wo nicht so viel Taktik, sondern mehr das Fußballerische im Vordergrund stand. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Ich habe sehr viele schöne Momente gehabt bis hierhin und ich würde nichts anders machen. All die Fehler, die ich begangen habe, aber auch die guten Sachen, die ich geschaffen habe – darauf bin ich irgendwo stolz.

Kein Transfer im Sommer, dann immer weniger Spielzeit bei Werder Bremen: Wie Leonardo Bittencourt seine Rolle sieht

Hatten Sie im Sommer eigentlich die Möglichkeit zu wechseln?

Ja, die hatte ich. Deswegen saß ich auch mit Clemens zusammen. Dann war klar, dass Horst Steffen sich erst ein Bild von mir machen wollte, und dann haben Werder und ich uns am Ende dafür entschieden, dass ich hierbleibe.

Und dann kam das Pokal-Aus in Bielefeld…

Es war ein holpriger Start. Ich glaube, in Bielefeld habe ich bis auf die Gelb-Rote Karte ein gutes Spiel gemacht…

Aber über allem stand das Ausscheiden. Wie oft ging Ihnen der Platzverweis noch durch den Kopf, der womöglich spielentscheidend war? Nagt so etwas auch bei Ihnen am Selbstvertrauen?

Das ist schon bitter gelaufen für mich und für uns. Ich war schon niedergeschlagen. Aber es muss ja weitergehen. Ich hatte schon viele Momente, wo es mir aufgrund des Fußballs nicht gutging, und ich habe mich jedes Mal rausgekämpft. So einen Platzverweis holt sich ja keiner mit Absicht. Dann prasselt natürlich viel auf einen ein, wenn man aus dem Pokal ausscheidet. Das tut umso mehr weh. Nichtsdestotrotz weiß keiner, ob wir bei Elf gegen Elf gewonnen hätten.

Seither ist bei Werder viel passiert und Sie haben peu à peu weniger gespielt…

In Frankfurt haben wir allgemein schlecht gespielt, gegen Leverkusen hat sich der Trainer für Patrice entschieden, was ich auch verstehen kann. Ich hätte mir aber gewünscht, dann noch ein Spiel zu bekommen, um ihm zu zeigen, dass es mit mir auch funktioniert. Als ich eingewechselt wurde, hat man aber auch gemerkt, welchen Input ich der Mannschaft geben kann. Auch danach im Spiel gegen Gladbach.

Gegen St. Pauli kamen Sie zuletzt dennoch gar nicht mehr zum Einsatz. Nach dem Schlusspfiff gab es trotzdem einen fröhlichen Austausch mit dem Trainer. Was hat er Ihnen gesagt?

Wir haben uns einfach gefreut, dass wir gewonnen haben. Er hat mir gesagt, wie wichtig ich für die Mannschaft bin und dass er mich nicht mehr bringen konnte wegen eines weiteren fehlenden Wechsel-Slots. Dann habe ich ihm gesagt: ‚Du, wir haben gewonnen, ist doch scheißegal.‘ Und er weiß ganz genau, dass er von mir immer 150 Prozent bekommt auf dem Platz – egal, ob ich zehn, 20 oder 90 Minuten spiele.

Leo Bittencourt lobt Werder Bremens Trainer Horst Steffen im DeichStube-Interview – und skizziert seine Zukunftspläne

Es wirkt inzwischen so, als könnten Sie besser mit der Rolle des Ergänzungsspielers umgehen. Macht es Ihnen weniger aus, nicht mehr so viel zu spielen?

Das täuscht. Innerlich brodelt es immer noch. Aber für mich und meinen inneren Frieden ergibt es keinen Sinn, das nach außen zu zeigen oder schlecht gelaunt zur Arbeit zu kommen. Deswegen habe ich es irgendwann so gedreht, dass ich probiere, das Beste daraus zu machen, ohne den Ehrgeiz und die Lust zu verlieren. Ich möchte meine Laune nicht von meiner Spielzeit abhängig machen. Das habe ich im letzten Jahr gelernt. Und damit geht es mir sehr gut.

Wie hilft Horst Steffen Ihnen dabei – was zeichnet ihn aus?

Er bringt eine Gelassenheit mit, eine Ruhe durch sein Alter und die Erfahrungen, die er gesammelt hat. Er ist sehr kommunikativ. Es zeichnet ihn aus, dass er auf uns zugeht, und probiert, alle mit ins Boot zu nehmen, auch wenn mal Entscheidungen nicht so leicht fallen. Da hat er ein ganz gutes Feingefühl.

Sie werden im Dezember 32 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch Fußball spielen?

So lange wie möglich. So lange ich Spaß dran habe, so lange Aufgaben auf mich zukommen, auf die ich Bock habe und die mich reizen, werde ich weitermachen. Aber: Wenn ich etwas mache, dann aus voller Überzeugung. Wenn irgendwann keine Herausforderung mehr kommt, mit der ich mich voll identifizieren kann, dann werde ich meine Schuhe an den Nagel hängen. Aber ich glaube, das dauert noch ein bisschen.

Es dauert nicht mehr lange, bis Sie die 300 Bundesliga-Spiele-Marke knacken. Welche Ziele haben Sie noch in Ihrer Karriere?

Viele. Ich will noch so viele Spiele wie möglich machen im Profifußball, ob in der Bundesliga, 2. Liga oder im Ausland wird man sehen. Ich will so lange wie möglich gesund bleiben und würde gerne mal einen Pokal gewinnen. Keine Frage: 300 Bundesliga-Spiele sind schon etwas Besonderes, das schafft nicht jeder. Hätte mir, dem kleinen Cottbusser Jungen, damals einer gesagt, dass ich mal so viele Spiele mache, hätte ich ihm gesagt: „Du hast nicht alle Tassen im Schrank.“ Jetzt ist es greifbar – und das ist etwas, worauf man stolz sein kann. Aber es ist noch nicht vorbei. (mwi)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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