Späte Quittung
Werder zahlt Lehrgeld für fehlende Abgeklärtheit – und muss wichtigen Entwicklungsschritt machen
Nach dem Remis gegen den 1. FC Köln war der Frust beim SV Werder Bremen groß. Welchen Entwicklungsschritt die Grün-Weißen nun machen müssen.
Bremen – Der Schock über den späten Ausgleich in der Nachspielzeit beim 1:1 gegen den 1. FC Köln war noch gar nicht bei allen rund um den SV Werder Bremen verklungen, da machten die Fans in der Ostkurve des Weserstadions schon deutlich, was jetzt zählt: „Auf geht’s Werder – Holt uns den Derbysieg“, stand auf einem großen Banner. Zudem riefen die Ultras die Mannschaft zu sich und heizten vor dem anstehenden Nordderby in der kommenden Woche beim Hamburger SV (7. Dezember, 15.30 Uhr im DeichStube-Liveticker) ordentlich ein. „Sie haben uns nochmal heiß gemacht. Das Derby ist eben etwas Besonderes“, sagte Stürmer Marco Grüll über die Aktion der Fans. Dass die Spieler diesen Mutmacher zunächst allerdings nur mit gemischten Gefühlen genießen konnten, lag daran, dass der zuvor spät hergeschenkte Sieg gegen lange Zeit harmlose Kölner noch zu sehr nachwirkte.
Spät bestraft: Werder Bremen hadert mit spätem Remis gegen 1. FC Köln
Dabei sah es lange Zeit so aus, als seien die Grün-Weißen auf bestem Wege, erstmals seit 2018 den vierten Heimsieg in Serie einzufahren. „In der ersten Halbzeit waren wir klar besser“, fasste Grüll zusammen. Defensiv ließ Werder Bremen so gut wie nichts zu, offensiv fehlte zwar erneut das große Chancenfeuerwerk, dennoch kontrollierten die Hanseaten das Spiel deutlich. Und sie belohnten sich früh mit dem Führungstreffer durch Kapitän Marco Friedl (21.). Dass diese Überlegenheit – speziell im ersten Durchgang – nicht zu einer höheren Führung reichte, machte auch Gäste-Trainer Lukas Kwasniok später als Schlüssel dafür aus, dass sein Team in der Nachspielzeit durch Said El Mala (90.+2) überhaupt noch den Ausgleich erzielen konnte. „Wir haben eine richtig schlechte erste Halbzeit gespielt. Weil die Bremer uns am Leben gelassen haben – insbesondere zu Beginn der zweiten Halbzeit, weil sie das 2:0 nicht machen – sind wir ins Spiel zurückgekommen.“
Auch Werders Cheftrainer Horst Steffen sah im fehlenden zweiten Tor den Hauptgrund für den verpassten Sieg: „Wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir den Deckel nicht draufmachen.“ Die Partie erinnerte dabei phasenweise an das Spiel gegen St. Pauli (1:0) vor einigen Wochen: gute Anfangsphase mit Tor, danach ein merklicher Leistungsabfall. Damals reichte es für Werder Bremen – wenn auch glücklich – zum Sieg, diesmal nicht. „In der zweiten Halbzeit haben wir ein bisschen den Zugriff verloren, hatten aber trotzdem immer noch so viel Zugriff, dass keine Großchancen passiert sind“, sagte Angreifer Keke Topp.
Mittelstürmer-Tore fehlen, zu passiv im zweiten Durchgang: Werder Bremen ärgert sich nach Unentschieden gegen 1. FC Köln
Ausgerechnet Topp hätte die Bremer bereits vorher auf die Siegerstraße bringen können – doch wie schon in Leipzig ging seinem vermeintlichen Treffer zum 2:0 eine knappe Abseitsposition voraus (54.). Eine Szene, die Steffen später als mitentscheidend für den Bruch im Spiel des SV Werder Bremen bezeichnete. „Vielleicht hat unser Abseitstor dann auch die Kölner geweckt, denn danach haben sie schon mehr Druck gemacht.“ Zudem war der Trainer mit dem Ausspielen der Kontermöglichkeiten im zweiten Durchgang nicht zufrieden. „Wenn ich zufrieden wäre, wenn wir in der Nachspielzeit das 1:1 kriegen, würde jeder sagen: Was ist denn mit dem los?“, sagte Steffen und ergänzte: „Die Leistung der Mannschaft war okay. Wir hätten in der zweiten Hälfte mehr Angriffe fahren können, trotzdem gab es Situationen, in denen die Jungs alles reingehauen und ihre Qualität gezeigt haben.“
Doch das reichte nicht. Weil mehrere Dinge zusammenkamen. Zum einen ging durch die krankheitsbedingte Auswechslung von Amos Pieper zur Pause – zuletzt wichtiger Stabilisator der Defensive – etwas Abgeklärtheit verloren. Zum anderen fehlt Werder Bremen offensiv weiterhin ein Spieler, der verlässlich Tore erzielt und damit hilft, den erwähnten Deckel frühzeitig am gewünschten Ort zu platzieren. „Natürlich soll ein Stürmer in erster Linie Tore schießen, aber es ist ganz normal, dass es beispielsweise bei Keke auch etwas dauert. Man soll sich selbst nicht zu viel Druck machen und nachdenken, dann klappt das schon“, sagte Grüll über die weiter ausbleibenden Mittelstürmertore von Topp und Victor Boniface. Letzterer ersetzte Topp nach rund 70 Minuten, konnte aber mit einem auffällig lustlos wirkenden Auftritt kaum für Entlastung sorgen – was die Bremer in der Schlussphase zusätzlich schwächte. „Es war nicht die Idee vom Trainer, dass wir uns jetzt hinten reinstellen, sondern wir wollten ganz klar vorne draufgehen“, monierte Kapitän Friedl die passive Spielweise im zweiten Durchgang.
Werder Bremen muss wichtigen Entwicklungsschritt gehen – jetzt wartet Nordderby gegen HSV
Und so kam es, dass die Bremer – anders als gegen Leverkusen, Mainz oder Wolfsburg – diesmal selbst den Nackenschlag in der Nachspielzeit bekamen. „Wir müssen damit leben, dass wir auch mal das Gefühl haben, wie es ist, späte Gegentore zu kassieren“, sagte Steffen. Weil Werder Bremen immer mal wieder trotz einer durchaus vorhandenen Spielkontrolle noch nicht in der Lage ist, Spiele über 90 Minuten zu kontrollieren und sicher für sich zu entscheiden. So wird es oft am Ende turbulent. Diese Spannung gar nicht erst aufkommen zu lassen, wird einer der nächsten Entwicklungsschritte für Steffens Team sein.
„Natürlich sind wir heute alle sauer, aber wir müssen es schnell abhaken“, sagte Marco Friedl direkt nach dem Schlusspfiff und blickte wie die Fans bereits aufs Nordderby: „Wir werden jetzt unter der Woche heiß werden. Und dann geht es für uns darum, es über 90 Minuten zu schaffen, unser Spiel durchzudrücken, nicht mehr nur über eine Halbzeit. Und dann bin ich sehr zuversichtlich, dass wir das Spiel gewinnen.“ (bvo)
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