Nach Freiburg-Fehlstart
Werder Bremen wird stabiler und beweist Widerstandsfähigkeit – doch der Prozess läuft erst an
Werder Bremen ist besser in die Saison gestartet als viele es erwartet hätten. Wie die Bremer das einordnen und wie es weitergehen soll.
Wer hätte das gedacht. Vor knapp zwei Wochen, am Ende des Transferfensters und nach dem desolaten Saisonauftakt beim SC Freiburg (1:4), der inzwischen immerhin von der Tabellenspitze grüßt, war die allgemeine Erwartungshaltung, dass es rund um den SV Werder Bremen mit Blick auf den Spielplan noch ungemütlicher wird. Viel ungemütlicher. Eingetreten ist das nicht. Stattdessen ist es am Osterdeich spürbar ruhiger geworden.
Nach Remis in Köln: Werder Bremen punktet besser als erwartet – und sorgt so für mehr gute Stimmung
Vier Punkte aus den vergangenen beiden Spielen gegen RB Leipzig und den 1. FC Köln haben dafür gesorgt. „Nach Freiburg hat gar keiner mehr mit diesen Punkten gerechnet, würde ich behaupten, oder nur die kühnsten Optimisten“, sagte Cheftrainer Daniel Thioune einen Tag nach dem 1:1 beim „Effzeh“. Langsam, aber stetig arbeitet sich Werder Bremen also aus der schwierigen Ausgangslage heraus.
Auf die starke Vorstellung gegen Leipzig folgte in Köln zwar ein deutlich holprigerer Auftritt, doch auch diesmal bewiesen die Bremer, dass sie sich nicht so leicht aus der Bahn werfen lassen. Nach einer schwächeren ersten Halbzeit und dem frühen Gegentor durch Linton Maina (11.) kam Werder zurück und verdiente sich durch Niclas Füllkrug den Ausgleich (69.). Es ist eine Entwicklung, die Thioune besonders gefällt.
Werder Bremen wehrt sich nach Rückstand – und spricht eigene Fehler im Köln-Spiel klar an
„Erst der Elfmeter gegen uns, dann das Gegentor – da kann man um 18.30 Uhr in Köln schon mal unter die Räder kommen, aber davon haben wir uns gelöst“, sagte der Trainer. Genau darin könnte derzeit die größte Stärke der neu zusammengestellten Mannschaft liegen: Sie ist widerstandsfähiger geworden. Wo Werder Bremen in der vergangenen Saison nach Rückschlägen teilweise auseinanderfiel, stemmt sich das Team nun gemeinsam dagegen. Noch ist längst nicht alles gut, aber die Reaktion auf Widerstände stimmt.
Spielerisch bleibt dagegen reichlich Luft nach oben. Das zeigte sich gerade in der ersten Halbzeit in Köln. Nachdem Werder-Torwart Karl Hein den frühen Handelfmeter von Thijs Dallinga stark pariert hatte (8.), fehlte es den Bremern an Energie, Aggressivität und Überzeugung. Nur drei Minuten später führte ein unnötiger Ballverlust von Amos Pieper zum 0:1. „Wenn du den Elfmeter hältst, kriegst du eigentlich einen Push. Dann darfst du nicht aus so einer dummen Situation, in der wir den Ball eigentlich ganz unbedrängt verlieren, in Rückstand geraten“, ärgerte sich Kapitän Marco Friedl. Sein Fazit fiel entsprechend selbstkritisch aus: „Im Großen und Ganzen lagen wir zu dem Zeitpunkt zurecht hinten.“
„Dürfen uns nicht ausruhen“: Werder Bremen freut sich über vier Punkte zum Start – mehr aber auch nicht
Doch im Laufe des Spiels wurde es spürbar besser, entwickelte sich etwas. Das meistgenutzte Wort im Werder-Kosmos dürfte auch deshalb derzeit „Prozess“ sein. Thioune bemüht es regelmäßig – und in Köln wurde einmal mehr deutlich, warum. „Ich glaube, wir brauchen einfach noch eine bessere Verbindung auf dem Platz miteinander, mit dem Ball“, erklärt der 52-Jährige. Die Abläufe sitzen noch nicht immer, die Positionierungen stimmen nicht durchgehend, und bei der Passqualität gibt es ebenfalls noch einiges zu verbessern.
Immer wieder bringt sich Werder Bremen in aussichtsreiche Situationen, nur um sie mit einem ungenauen Pass oder einem unnötigen Ballverlust wieder herzuschenken. Auch Stürmer Niclas Füllkrug erkennt diese Baustellen. „Wir hatten sehr gute Momente, wo wir in Halbräume kommen – und dann haben wir ganz merkwürdige Ballverluste. Wenn man von da sauber weiterspielt, dann kommt man auch in bessere Situationen. Da können wir noch zulegen“, sagte der Torschütze des Ausgleichs.
Gleichzeitig sind aber eben jene Fortschritte zu erkennen, die Thioune mit seinem viel bemühten „Prozess“ meint. „Im Laufe des Spiels hat es super funktioniert, nach der Pause sind wir viel in unsere Positionen reingekommen“, betonte der Bremer Übungsleiter. Die Folge: Das Spielgeschehen verlagerte sich immer mehr in die Hälfte der Hausherren. Auch Sportchef Clemens Fritz nahm in Durchgang zwei eine andere Mannschaft wahr: „Da habe ich eine andere Energie auf dem Platz gespürt, eine andere Überzeugung in unserem Spiel.“ Für den Geschäftsführer des SV Werder Bremen ist das nicht nur eine Momentaufnahme.
Fritz sieht im Auftreten der Mannschaft zunehmend einen Charakterzug, der für die kommenden Monate wichtig werden könnte. „Jetzt hier zu stehen mit vier Punkten, bei einem nicht unambitionierten Startprogramm mit Freiburg, Leipzig und Köln – damit können wir zufrieden sein“, machte er deutlich – um sogleich nachzuschieben: „Trotzdem bin ich vorsichtig mit dem Ausdruck ‚zufrieden sein‘. Denn wir dürfen uns auf nichts ausruhen.“
„Wir sind on track“: Werder Bremen blickt auf gelungenen Saisonstart – ist aber gewarnt
Vielmehr gehe es darum, die Haltung aus den vergangenen Spielen mitzunehmen. „Wir müssen alles auf den Platz bringen, um zu punkten. Das ist das Entscheidende: Dass wir dieses Mindset haben, auch in den nächsten Wochen und Monaten“, sagte Fritz. Besonders gefalle ihm, wie die Mannschaft des SV Werder Bremen diesen Gedanken bereits lebe. Von der Tribüne aus habe er gesehen, „was da heute für eine Energie von der Bank kommt, wie da gepusht wird, wie die Jungs unterstützt werden. Wie jeder sich beteiligt, obwohl er in dem Moment nicht auf dem Platz ist.“ Sein Fazit: „Das zeichnet ein Team aus, das zeichnet einen Charakter aus. Da werden wir auch noch weiter zusammenwachsen, aber das hat mich sehr gefreut.“
So steht Werder Bremen nach drei Spieltagen bei vier Punkten – und damit deutlich besser da, als es nach dem Freiburg-Debakel, der holprigen Vorbereitung und dem turbulenten Transfersommer zu erwarten war. „Wir sind on track“, sagte Thioune. Doch der Trainer weiß ebenso wie seine Spieler und die Verantwortlichen: Zurücklehnen ist keine Option. „Ausruhen, keine Chance“, stellte er unmissverständlich klar. Dafür waren die kritischen Stimmen zuletzt zu zahlreich, sind die Baustellen weiterhin zu groß und ist die schlechte Vorsaison Warnsignal genug.
Werder Bremen mitten im Prozess: Geht es mit positivem Gefühl in lange Länderspielpause?
In einer Woche wartet mit dem FC Augsburg (Samstag, 15.30 Uhr im DeichStube-Liveticker), der mit sieben Zählern gestartet ist, das nächste komplizierte Heimspiel auf den SV Werder Bremen. „Es wäre ein Traum, wenn wir dort noch einmal drei Punkte holen“, betont Kapitän Friedl. Es ist die letzte Partie vor der dreiwöchigen Länderspielpause und damit zugleich die Chance, aus einem bislang ordentlichen Saisonstart einen richtig gelungenen zu machen. Gelingt Werder Bremen gegen den FC Augsburg (live im TV) der nächste Schritt und kommen weitere Punkte hinzu, könnte die Länderspielpause am Osterdeich zu einer ausgesprochen ruhigen werden. Es wäre nach den personell wie sportlich schwierigen Vorzeichen im Sommer zumindest eine kleine Überraschung. Am „Prozess“ würde das allerdings wenig ändern. Der ist schließlich gerade erst richtig angelaufen. (bvo)
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