Taktik-Analyse
Dominanz, ganz ohne Ballbesitz: Mainz zeigt Werder die Grenzen auf – die Taktik-Analyse
Werder Bremen sammelte gegen den FSV Mainz 05 fast 70 Prozent Ballbesitz. Dennoch verloren die Bremer 0:2. Werder gelang es nicht, die kompakte Defensive der Mainzer zu knacken. Warum selbst eine Überzahl im Mittelfeld kaum half, erklärt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Manchmal verraten Statistiken nicht die gesamte Wahrheit über ein Fußballspiel. Das musste Werder Bremen schmerzhaft nach der 0:2-Niederlage gegen den 1. FSV Mainz 05 erfahren. Torschüsse? Werder lag 16:11 vorne. Ballbesitz? Bremen sammelte fast 70% Prozent. Bei der Anzahl der gewonnenen Zweikämpfe und den gelaufenen Kilometern erzielten beide Teams derweil nahezu identische Werte.
Dennoch war das Duell zwischen Werder Bremen und dem Tabellennachbarn aus Mainz nicht ausgeglichen. Die Mainzer stellten mal wieder unter Beweis: Um eine Partie zu dominieren, braucht es nicht unbedingt viel Ballbesitz und zahllose Torgelegenheiten. Am Sonntagnachmittag genügte ihnen eine kompakte Defensive.
Frühe Führung gegen Werder Bremen spielt dem 1. FSV Mainz 05 in die Karten – die Taktik-Analyse
Trotz zweier Siege in Folge musste Werder-Coach Daniel Thioune seine Startelf umbauen. Senne Lynen und Niklas Stark verpassten die Partie. Stattdessen rückten Leonardo Bittencourt und Julian Malatini in die Startformation.
Werder Bremen begann die Partie in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-2-1-3. Gegen den Ball kam letztere Variante zum Einsatz. So konnte Werder das 5-3-2-System der Mainzer spiegeln: Jens Stage nahm den gegnerischen Sechser Kaishu Sano auf, Bittencourt und Cameron Puertas deckten die gegnerischen Achter. Die Bremer übten mit dieser mannorientierten Variante hohen Druck auf die Mainzer aus.
Die Gäste wiederum versuchten, aus einer kompakten Ordnung heraus zu agieren. Sie fokussierten dabei vor allem Angriffe über die rechte Seite des SV Werder Bremen. Ihnen kam zupass, dass sie bereits nach wenigen Minuten in Führung gingen. Paul Nebel köpfte eine Flanke ein. Die Bremer rechte Seite hatte nach einem Einwurf geschlafen (6.). Der 1. FSV Mainz 05 zog sich nach der frühen Führung in eine tiefe und kompakte 5-3-2-Ordnung zurück.
Taktik-Analyse: Werder Bremen will gegen den 1. FSV Mainz 05 das Mittelfeld überladen
Spätestens nach dem Mainzer Führungstreffer war Werder Bremen als Spielgestalter gefragt. Bittencourt ließ sich zurückfallen, um zusammen mit den Innenverteidigern das Spiel aus der Tiefe aufzubauen. Nach dem Schock des frühen Gegentors hielten sich die Bremer Außenverteidiger zunächst zurück. So stand Werder im Aufbaumoment häufig in einer eher zögerlichen 3-3-4-Variante. Mainz 05 schloss das Zentrum und ließ die Gastgeber nicht passieren.
Erst nach einer Viertelstunde legte sich die Bremer Zurückhaltung. Der Plan von Daniel Thioune ließ sich deutlicher erkennen. Bittencourt sollte im Zentrum eine Überzahl schaffen gegen die beiden Mainzer Stürmer. Aus der ersten Linie sollte der Ball sofort ins offensive Zentrum gespielt werden.
Werder Bremen schob viele Spieler zwischen die gegnerischen Linien: Stage rückte weit nach vorne, während die Außenstürmer Romano Schmid und Marco Grüll abwechselnd ins Zentrum rückten. Auch die Außenverteidiger schoben nun deutlich weiter vor. Teilweise sprinteten sie diagonal ins Zentrum.
Der 1. FSV Mainz 05 mit Kontrolle ohne Ball gegen Werder Bremen – die Taktik-Analyse
Werder Bremen parkte beizeiten vier Akteure hinter der gegnerischen Dreierkette im Mittelfeld. Der Plan lautete, einen gegnerischen Spieler aus dem Zentrum zu ziehen und abschließend diagonal ins Zentrum zu eröffnen. Hier sollte die Bremer Überzahl zum Tragen kommen.
Die Ausführung dieses Plans scheiterte an einer nahezu perfekt gestaffelten Defensive des 1. FSV Mainz 05. Immer wieder schoben die Achter heraus, um den Pass ins Zentrum zu verhindern. Zugleich ließen sie sich rechtzeitig zurückfallen, sodass die Unterzahl im Zentrum nie zu gravierend wurde. Mainz stand immer derart kompakt, dass der Pass zwischen die Linien nur unter hohem Risiko möglich war.
Werder Bremen konnte das Spiel meist nur über die Flügel eröffnen. Die Norddeutschen versuchten zunehmend, auf der rechten Seite eine Überzahl herzustellen. Mainz 05 machte ihnen jedoch auch hier einen Strich durch die Rechnung: Immer wieder schob die Mannschaft kompakt nach. So schnitten sie Werders Außenspieler von ihren Kollegen ab.
Taktik-Analyse: Werder Bremen fehlt gegen den 1. FSV Mainz 05 die zündende Idee
In der ersten Halbzeit ging Werder Bremen im Passspiel nicht das höchste Risiko ein. Warum sie dies vermieden, zeigte sich nach der Pause. Daniel Thioune hatte in Justin Njinmah einen neuen Rechtsaußen gebracht, Grüll war ins Zentrum gewechselt. Bei einem riskanten Pass auf Grüll schoss Sano heraus, gewann den Ball und leitete einen Konter ein, der zum 2:0 durch Lee führte (52.). Mit der komfortableren Führung konnte sich der FSV Mainz 05 noch stärker auf die Defensive fokussieren.
Im Verlauf der zweiten Halbzeit schraubte Thioune immer wieder an der eigenen Ordnung herum. Mit Njinmah versuchten die Bremer, häufiger lange Bälle hinter die Kette zu spielen. Später löste Werder Bremen den Drei-Mann-Aufbau in der Abwehr auf. Fortan eröffneten nur noch die beiden Innenverteidiger das Spiel aus der letzten Linie. Zum Schluss agierte Salim Musah als groß gewachsener, aber häufig ausweichender Angreifer im Zentrum.
Kein Durchkommen für Werder Bremen: Die Taktik-Analyse zum Rückschlag im Abstiegskampf gegen Mainz 05
Doch egal, was Werder Bremen versuchte: Sie kamen praktisch kaum vorbei an der kompakten Verteidigung der Gäste. Jeden Versuch, über Flachpässe durch das Zentrum zu kommen, vereitelte der überragende Sano. Die wenigen Torraumszenen, die Werder kreierte, stammten vor allem aus Angriffen über die rechte Seite. In der Schlussphase stellte Mainz 05 auf ein 5-4-1 um. So konnten sie die Breite besser verteidigen und auch diese Schwachstelle schließen.
Werder Bremen kehrt mit der 0:2-Niederlage in die harte Realität des Abstiegskampfs zurück. Mainz 05 stellte unter Beweis, dass ein dominantes Team nicht unbedingt viel Ballbesitz sammeln muss. So traten Werders alte Probleme in der Durchschlagskraft zum Vorschein. Der Abstiegskampf geht für Werder bereits am kommenden Wochenende in Wolfsburg (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) weiter. Hier müssen die Grün-Weißen neue offensive Lösungen präsentieren.
Rubriklistenbild: © IMAGO/kolbert-press/Burghard Schreyer

