DeichStube-Interview
„Niemand kann sagen, dass es nicht an ihm gelegen hat“: Werder-Profi Pieper über das Gladbach-Debakel, seinen Trainingszwist mit Stark und die Wahl von Trump
Amos Pieper spricht im DeichStube-Interview über die sportliche Lage beim SV Werder Bremen, den Trainingsstreit mit Niklas Stark und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.
Bremen - Amos Pieper haut nicht einfach ein paar markige Sätze heraus, der Innenverteidiger des SV Werder Bremen wählt seine Worte lieber mit Bedacht. Äußerst reflektiert blickt der 26-Jährige deshalb auch auf das schmerzhafte 1:4 in Mönchengladbach und seine dortige Leistung zurück, im Interview mit der DeichStube spricht Pieper vor dem Heimspiel gegen Holstein Kiel (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) zudem über den generellen Umgang mit Lob und Kritik, einen Zoff mit Kumpel Niklas Stark und die Wahlen in den USA.
Was ist das schönste Kompliment, das Sie je bekommen haben?
Von Leuten, die mir im Leben ganz wichtig sind, wurde mir mal gesagt, dass ich ein ganz guter Typ sei. Das hat mich gefreut.
Und sportlich?
Stefan Kuntz (damaliger U21-Nationalcoach, Anm. d. Red.) hat mich nach der U21-EM 2021 zur Seite genommen und über den grünen Klee gelobt. Ansonsten habe ich schon häufiger gehört, ein unangenehmer Gegenspieler zu sein.
Werder Bremen-Profi Amos Pieper über die äußere Wahrnehmung: „Als junger Spieler war mir das brutal wichtig“
Sie haben erst kürzlich selbst warme Worte verteilt: „Ich habe dich immer für deine Einstellung zum Sport, zum Fußball, zu dem, was wir da jeden Tag machen, extrem bewundert. Du hast immer auf deine eigene Art gewusst, was das Beste für deine Mitspieler und die Mannschaft ist.“ Wissen Sie noch, an wen die Sätze gingen?
Natürlich. An Fabian Klos.
Sie waren beim Abschiedsspiel des Stürmers auf der Bielefelder Alm. Was wollten Sie mit Ihrer Wertschätzung zum Ausdruck bringen?
Ich habe seine gesamten Qualitäten erst viel später komplett wahrgenommen. Bielefeld war meine erste Profistation, und da gab es auch mal Momente, in denen ich mich gefragt habe, was das für ein komischer Typ ist. Aber genau das meine ich mit seiner eigenen Art: Er hatte stets ein sehr gutes Gespür dafür, was jeder Einzelne und der Verein insgesamt braucht. Er konnte junge Spieler sehr bewusst in gewisse Bahnen lenken, hat sich nach außen hin immer vor die Mannschaft gestellt und negative Dinge nur intern angesprochen.
Sind das Werte, die Sie auch selbst bei Werder versuchen zu leben?
Auf seine Art wird es nicht gehen, die ist einmalig. Ich habe sowieso meine eigenen Werte, die ich von zu Hause mitbekommen habe und andere Dinge, die ich mir über die Zeit durch Beobachtungen und persönliche Bewertungen angeeignet habe.
Ist es Ihnen wichtig, wie Sie hier in Bremen wahrgenommen werden?
Als junger Spieler war mir das brutal wichtig, aber letztlich kannst du nicht von allen so wahrgenommen werden, wie du es vielleicht möchtest. Sowohl bei Lob als auch bei Kritik musst du dieses Denken beiseitelegen. Mit der Zeit ist es für mich daher immer uninteressanter geworden. Solange mein innerer Kreis mir als Feedback gibt, dass ich ein Typ bin, mit dem gern Zeit verbracht oder der mal angerufen wird, ist alles für mich fein.
Werder Bremens Amos Pieper nach dem Debakel in Gladbach: „Krass“, wie Analyse und Gefühl auf dem Platz voneinander abweichen
Sind Sie eigentlich ein Statistikmensch?
Boah. Es gibt zu viele Statistiken. (lacht)
Deswegen. Wenn wir nur aufs letzte Spiel gegen Gladbach schauen, dann taucht dort eine Passquote von 90 Prozent auf, die Zweikampfwerte liegen bei 60 Prozent. Was sagen diese Zahlen über Ihre Leistung aus?
Genau das ist es. Solche Werte sind über die Saison gesehen okay. Sagen wir so: Ich hätte in dem Spiel auch gern eine nullprozentige Zweikampf- sowie 30-prozentige Passquote gehabt, wenn wir dann nicht 0:3 zurückgelegen hätten. In solch einem Spiel ist mir die Statistik völlig egal.
Wie lange haben Sie gebraucht, um die Partie abzuschütteln? Geht das schneller, wenn beim gesamten Team nicht viel läuft, oder nehmen Sie das schon mit durch die Folgenächte?
So lange nicht – auch wenn das allgemeine Wohlbefinden natürlich cooler, besser, entspannter nach einem Sieg ist. Trotzdem hat es jetzt nicht länger als eine Nacht und einen Tag gedauert. Ab jetzt geht es nur noch um Holstein Kiel.
Gehen Sie die Szenen dann nochmal durch? Fragen Sie sich, ob sie etwa vor dem 0:2 oder 0:3 energischer auf den Gegenspieler hätten zugehen müssen?
Beide Male war genau das hinterher mein Gedanke. Aber beim 0:2 schalte ich sogar noch am schnellsten und versuche, etwas zu verhindern. Beim dritten Gegentor dachte ich auch erst, dass ich mehr Risiko hätte gehen können, denn ich hatte das Gefühl, letzter Mann zu sein. Die richtige Entscheidung wäre aber gewesen, sich erst einmal defensiver fallen zu lassen und nicht noch mehr Druck zu geben. Es ist manchmal krass, wie man das später in der Analyse so sieht und es auf dem Platz ganz anders fühlt. Es hatten aber ganz viele Spieler Szenen, aus denen sie etwas mitnehmen und lernen können.
Amos Pieper über heftige Werder Bremen-Pleite in Mönchengladbach: „Ein großes Kopfproblem ist es nicht, weil...“
Haben Sie inzwischen eine Erklärung dafür, warum plötzlich eine derart erschreckende Leistung des Teams zu Tage tritt?
Es war sicherlich ein Gegner, der auf den Punkt da war. Dennoch gibt es nicht die eine Erklärung – sondern nur die Tatsache, dass wir alle unsere Lehren daraus ziehen müssen. An dem Tag wäre nicht einmal ein Punkt für uns verdient gewesen.
Ole Werner hat hinterher gesagt, dass immer dann, wenn zuvor über Gutes geredet wurde, in den vergangenen Jahren ein schwacher Auftritt folgte. Hat Werder also in dieser Hinsicht ein Kopfproblem?
Was ist denn überhaupt ein Kopfproblem?
Dass gewisse Dinge zu leichtgenommen werden und plötzlich gedacht wird, dass es einfach so weitergehen wird wie vorher.
Wir haben es an dem Tag schlichtweg nicht hinbekommen. Warum auch immer. Ich habe jetzt nicht mit jedem Einzelnen darüber geredet, woran es lag. Ein großes Kopfproblem ist es aber nicht, weil es schon genug Beispiele gab, bei denen wir genau davon profitierten, unsere Dinge gut umgesetzt haben und im Flow waren.
Nun wurde hinterher zwar betont, dass die ganze Mannschaft nicht gut war – fühlt man sich trotzdem als eine Art Sündenbock, wenn man wie Sie in der Halbzeitpause ausgewechselt wird?
Vielleicht ein bisschen. Am Ende ist es aber eine legitime Entscheidung des Trainers. Mir haben hinterher viele Leute geschrieben, dass Ole Werner im Prinzip alle Spieler hätte auswechseln können. Wenn es 0:3 zur Pause steht, dann kann niemand vom Platz gehen und sagen, dass es nicht an ihm gelegen hat.
Werder Bremen-Profi Amos Pieper erklärt Trainings-Streit mit Niklas Stark: „Habe nur gedacht: ‚Ey, das ist doch nicht dein Ernst‘“
Hinterher ging es auch um Sie und Felix Agu als Rechtsfüße auf der linken Seite, Ole Werner hatte da einige spielerische Probleme ausgemacht. Was ist so kompliziert daran, in dieser Konstellation auf diesen Positionen zu spielen?
Die Spiele davor wurde ich explizit dafür gelobt, dass ich als Rechtsfuß links gespielt habe. Da hatte ich mit Felix auch eine gute Verbindung. Der Unterschied war nun: Wir haben uns wieder ziemlich viele Bälle zugespielt, sind dann aber nicht weitergekommen. Im Vergleich zu den vorherigen Spielen waren wir durch den frühen Rückstand vielleicht insgesamt etwas verunsicherter. Dann geht man nicht mehr das allerletzte Risiko, was für unser Spiel aber unheimlich wichtig ist. Wir haben schlichtweg die Räume nicht gefunden – das hat aber weniger damit zu tun, dass wir als Rechtsfuß links gespielt haben.
Der zentrale Platz in der Dreierkette ist fest an Marco Friedl vergeben. Sehen Sie sich auch weiterhin als Kandidat für die beiden Positionen daneben?
Das muss man den Trainer fragen. Hätten Sie mich vor vier Wochen gefragt, hätte ich noch geantwortet, dass ich wahrscheinlich eher rechts spiele. Jetzt habe ich viel links gespielt und war im Großen und Ganzen einverstanden mit den Leistungen. So plump das klingt: Ich spiele da, wo der Trainer mich aufstellt. Es ist schon so viel rotiert worden, da ist alles möglich. Ich will spielen, so geht’s den anderen aber auch.
Ist zwischen Ihnen und Niklas Stark eigentlich alles wieder in Ordnung?
(lacht) Ja, da war immer alles in Ordnung. Ich habe nach der Situation im Training gesehen, dass das viral gegangen ist. Es ging da um eine Szene, wo er einen sehr harten Zweikampf gegen mich geführt hat und mich auch trifft. Er dachte aber, er hat mich gar nicht getroffen. Mich hat dann nur auf die Palme gebracht, dass er diese offene Sohle so abgetan hat. Ich habe nur gedacht: „Ey, das ist doch nicht dein Ernst, hier im Training so reinzugehen und dann auch noch so zu tun, als wäre nichts gewesen.“ Wir haben uns in der Kabine ausgesprochen und alles war cool.
Vereine gehen gemeinhin recht ungern mit einem Spieler in eine neue Saison, dessen Vertrag im Folgejahr ausläuft. Ihr Vertrag endet im Sommer 2026, da könnten also entsprechende Weichen demnächst gestellt werden. Würden Sie gerne vorzeitig verlängern?
Grundsätzlich bin ich hier sehr glücklich. Es war schön, wieder ein paar Spiele über längere Distanzen spielen zu können. Zu gegebener Zeit können wir auch gerne über meine Zukunft reden.
Werder Bremen-Spieler Amos Pieper über Donald Trump: „Ich persönlich finde die Wahl etwas bedenklich“
Zwei Spiele fehlen Ihnen noch bis zum 100. Bundesliga-Spiel. Was bedeutet Ihnen das?
Also es bedeutet mir nicht nichts. (lacht) Es ist schon eine Hausnummer, vor allem dann, wenn ich daran zurückdenke, was mir als Jugendspieler hier und da prognostiziert wurde. Das sind schon ein paar Spiele mehr, als mir der eine oder andere zugetraut hat. Aber es sollen jetzt nicht die letzten 100 Partien gewesen sein.
Damit wären wir wieder bei Komplimenten. Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold hat kürzlich im DeichStube-Interview gesagt: „Auf Spieler wie Amos Pieper kann man sich einfach immer verlassen, weil man genau weiß, was man bekommt und was nicht.“ Ist das ein perfektes Kompliment oder darf es gern etwas mehr sein?
Ich muss ihn nächstes Mal fragen, was er mit „was nicht“ meint. (lacht) Aber er hat ja auch schon ein paar Hundert Bundesliga-Spiele mehr als ich auf dem Buckel – wenn so einer das sagt, ist das cool. Dann nehme ich das mit.
Haben Sie sich die Nacht zu Mittwoch eigentlich mit Politik um die Ohren geschlagen?
Nein, das nicht. Aber am Morgen habe ich direkt nach dem Aufwachen geguckt, wie es aussieht.
Und was haben Sie gedacht?
Also, schockiert ist der falsche Ausdruck. Ich persönlich finde die Wahl etwas bedenklich und mich hat es schon überrascht, dass es so deutlich für Trump ausfiel. Ich glaube, dass wir alle zum zweiten Mal unterschätzt haben, dass sich ganz viele Menschen in den USA zurückgelassen, vernachlässigt fühlen und womöglich deshalb so entschieden haben. Das muss die Demokratie jetzt aushalten können, auch wenn es für uns in Deutschland und Europa auf den ersten Blick eine nicht so schöne Wahl gewesen ist. (mbü)
