100 Tage Krieg
Notfallplan Tor der Tränen: Wie der Krieg im Nahen Osten westliche Lieferketten bedroht
Der Nahe Osten steht in Flammen. Die Huthis bedrohen das „Tor der Tränen“. Westliche Lieferketten und Energieversorgung geraten unter Druck.
Seit über hundert Tagen tobt der völkerrechtswidrigen US-Isrealische Angriffskrieg gegen den Iranund die Lage im Nahen Osten droht weiterhin zu eskalieren. Was Ende Februar zunächst als begrenzter Militärschlag begann, weitet sich zu einem regionalen Flächenbrand aus, mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. Im Zentrum der Gefahr stehen nach der Straße von Hormus die Meerenge von Bab al-Mandab, die den Jemen auf der Arabischen Halbinsel von Dschibuti und Eritrea am Horn von Afrika trennt. Sie ist rund 29 Kilometer breit und von unschätzbarem strategischem Wert für den globalen Handel.
Was Analysten und Ökonomen weltweit zunehmend beunruhigt, ist das Zusammentreffen mehrerer Krisen an den empfindlichsten Punkten des globalen Handelssystems. Geopolitisch spricht man bereits vom sogenannten „Al-Aqsa-Dreieck“: drei strategische Meerengen, die gleichzeitig unter Druck geraten – die Straße von Hormus, der Suezkanal und Bab al-Mandab. Fällt auch nur eine davon dauerhaft aus, geraten westliche Lieferketten ins Stocken. Geraten alle drei in den Fokus militärischer Eskalation, droht ein wirtschaftlicher Schock, für den es keinen Präzedenzfall gibt.
Krieg im Nahen Osten: Was macht Bab al-Mandab so entscheidend für den Welthandel?
Bab al-Mandab, arabisch für „Tor der Tränen“, ist weit mehr als eine geografische Engstelle. Die Meerenge verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und bildet das südliche Eingangstor zum Suezkanal. Laut dem Macdonald-Laurier Institute passieren jährlich rund 20.000 Schiffe den Suezkanal – und mit ihm rund 30 Prozent des weltweiten Containerhandels sowie neun Prozent des globalen Ölhandels. Die Weltbank beziffert den Anteil des Roten Meeres am weltweiten Containerverkehr auf etwa 30 Prozent: Konsumgüter, Elektronik und Bekleidung fließen täglich durch diese Route zwischen Europa und Asien.
Laut der U.S. Energy Information Administration (EIA) flossen 2023 noch durchschnittlich 8,7 Millionen Barrel Öl täglich durch Bab al-Mandab – bis August 2024 war dieser Wert auf 4,0 Millionen Barrel pro Tag gefallen, ein Rückgang von über 50 Prozent als direkte Folge der Houthi-Angriffe auf die Schifffahrt. Als Konsequenz stieg laut EIA das Ölvolumen über das Kap der Guten Hoffnung in den ersten fünf Monaten 2024 auf 8,7 Millionen Barrel täglich – für Reedereien ein teurer Umweg von tausenden Kilometern.
Huthis treten in den Krieg ein – und drohen mit Blockade
Seit dem 28. Februar 2026 führen die USA und Israel gemeinsam Militäroperationen gegen den Iran durch. Medienberichten zufolge wurden dabei bislang über 1340 Menschen getötet, darunter auch der damalige Oberste Führer Ali Khamenei. Der Iran hat seither mit Drohnen- und Raketenangriffen auf Israel sowie auf US-Militärstützpunkte in Jordanien, im Irak und in Golfstaaten reagiert – mit Todesopfern, Infrastrukturschäden und Verwerfungen an den globalen Märkten. Die Houthis aus dem Jemen feuerten in der Nacht zum 29. März 2026 erstmals seit Kriegsbeginn eine Rakete in Richtung Israel. Israel erklärte, die Rakete sei abgefangen worden. Brigadegeneral Yahya Saree, Militärsprecher der Huthis, übernahm die Verantwortung für den Angriff.
Mohammed Mansour, stellvertretender Informationsminister der Huthi-geführten Regierung, sagte gegenüber Al-Araby Television: „Wir befinden uns in gemeinsamer Koordination mit unseren Brüdern im Iran, im Libanon und im Irak.“ Und weiter: „Das Rote Meer, der Golf von Aden und Bab al-Mandab werden zu den Optionen gehören.“ Eine vollständige Schließung der Meerenge schloss Mansour ausdrücklich nicht aus: „Dies hängt von der israelischen und US-amerikanischen Eskalation ab und von den amerikanischen Vorbereitungen für eine Bodenbewegung.“
Bereits zwischen November 2023 und Januar 2025 griffen die Houthis, als Reaktion auf Israels genozidalen Militäreinsatz im Gaza, mehr als 100 Handelsschiffe mit Raketen und Drohnen an und versenkten zwei Schiffe. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sank das tägliche Schifffahrtsvolumen durch das Rote Meer infolge der Houthi-Angriffe um rund 60 Prozent. Schiffe wichen auf die weitaus längere Route um Afrika aus – mit erheblichen Kostensteigerungen für Reedereien und in der Folge für Verbraucher in Europa. Die USA reagierten im vergangenen April mit massiven Schlägen: Laut vorliegenden Informationen trafen amerikanische Streitkräfte mehr als 800 Ziele im Jemen, töteten Hunderte Kämpfer und zerstörten Luftabwehrsysteme sowie Waffenfabriken. Washington erklärte, dies habe die Schlagkraft der Houthis verringert – Raketenabschüsse gingen um 69 Prozent zurück, Drohnenangriffe um mehr als die Hälfte.
Das Al-Aqsa-Dreieck: Drei Nadelöhre des Welthandels gleichzeitig unter Druck
Für den Fall einer vollständigen Schließung der Straße von Hormus existieren zwei Umgehungspipelines als Notlösung – doch die Straße ist de facto bereits gesperrt. Seit dem Beginn der US-israelischen Militäroperationen gegen den Iran ist der Schiffsverkehr dort um mehr als 90 Prozent eingebrochen: von durchschnittlich mehr als 130 Transits täglich auf nur noch einstellige Zahlen. Teheran erklärt die Meerenge zwar formal für offen – jedoch nur für Schiffe aus Ländern, die der Iran als „nicht feindlich“ einstuft.
Die Islamischen Revolutionsgarden haben nach einem Bericht der Londoner Fachpublikation Lloyd‘s List faktisch ein „Mautsystem“ eingerichtet: Reedereien, die vollständige Dokumentation einreichen und Freigabegebühren entrichten, erhalten eine eskortierte Durchfahrt durch einen einzigen genehmigten Korridor nahe der iranischen Insel Larak. Zwischen dem 13. und 25. März 2026 wurden laut Lloyd‘s List auf Basis von AIS-Daten insgesamt 26 geprüfte Schiffe auf dieser Route verfolgt – mindestens zwei zahlten nachweislich in chinesischen Yuan. Als begünstigte Nationen gelten laut vorliegenden Berichten unter anderem Indien, Pakistan, China, Russland, Irak, Bangladesch und die Türkei.
Notfallplan unter Beschuss: Die Fujairah-Pipeline im Visier des Iran
Vor diesem Hintergrund sollten die beiden Umgehungspipelines als Puffer wirken: die Fujairah-Pipeline der Vereinigten Arabischen Emirate, die über 386 Kilometer von Abu Dhabi zum Hafen Fujairah am Golf von Oman führt und täglich 1,5 Millionen Barrel Öl transportiert, sowie die saudische East-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer mit einer Kapazität von bis zu fünf Millionen Barrel täglich. Zusammen schaffen beide Leitungen rund 6,5 bis sieben Millionen Barrel täglich – weniger als die Hälfte des normalen Hormus-Volumens von rund 20 Millionen Barrel pro Tag.
Doch genau dieser Notfallplan steht nun selbst unter Beschuss: Der Iran hatte bereits den Hafen Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen – jenen strategischen Knotenpunkt, an dem die VAE-Pipeline in das Rote-Meer-Netzwerk mündet. Gleichzeitig greifen die Houthis Schiffe im Roten Meer an, womit auch die saudische Ausweichroute bedroht ist. Einen Plan C gibt es schlicht nicht. Und was eine Blockade des Suezkanals konkret bedeutet, zeigte das Unglück der „Ever Given“ im März 2021: Das 400 Meter lange Containerschiff lief bei starkem Wind auf Grund und blockierte sechs Tage lang den gesamten Kanal, wodurch über 400 Schiffe sich stauten und die globale Lieferkette aus dem Takt geriet. Ein gezielter Militäreinsatz oder eine koordinierte Blockade wäre in ihren Folgen um ein Vielfaches schwerwiegender.
Experteneinschätzung: Teherans verlängerter Arm im Jemen
Sicherheitsanalyst Philip Ingram, ehemaliger Oberst des britischen Militärgeheimdienstes, bezeichnete die Houthis als faktische „Verlängerung“ der Islamischen Revolutionsgarden des Iran. „Sie handeln nicht aus eigener Initiative“, sagte er. „Nun haben die Iraner sie vermutlich gebeten, dies zu tun, um den Fokus innerhalb des Krieges zu spalten. Ich denke, der nächste logische Schritt wäre, dass sie wieder beginnen, die Schifffahrt anzugreifen.“
Ari Heistein vom Jerusalem Institute for Strategy and Security erläuterte die anfängliche Zurückhaltung der Houthis: „Die Houthis waren anfangs zögerlich, Iran zu Hilfe zu eilen, weil sie ihre eigenen innenpolitischen Erwägungen hatten. Sich dem Kampf anzuschließen, riskierte, ihre Legitimität in der jemenitischen Öffentlichkeit weiter zu untergraben und eine ohnehin dezimierte Wirtschaft zusätzlich zu belasten.“ Dennoch seien sie nun beigetreten – „getrieben entweder durch wachsenden äußeren Druck, einschließlich wiederholter Drohungen in iranischen Medien, die Gruppe zu aktivieren, oder durch die Einschätzung, dass sie die innenpolitischen Folgen bewältigen könnten.“ Seine Warnung: „Trotz ihrer anfänglichen Vorsicht könnten sie sich noch weiter eskalieren, wenn ihnen keine erhebliche Gegenwehr entgegenschlägt.“
Israel und USA attackieren Mullah-Regime – Bilder aus dem Iran-Krieg




Israels Anerkennung Somalilands: Geopolitisches Schachspiel direkt an der Meerenge
Ein weiterer Faktor, der die strategische Dynamik rund um Bab al-Mandab grundlegend verändert, ist Israels Anerkennung der abtrünnigen Region Somaliland am 26. Dezember 2025 – als erstes UN-Mitgliedsland überhaupt. Der Schritt sorgte für massive Kritik auf der internationalen Bühne und war sicherlich von taktischen Gedanken geprägt. Laut Tagesschau warnten 21 überwiegend muslimische Länder vor „schwerwiegenden Folgen für den Frieden und die Sicherheit am Horn von Afrika und im Roten Meer“. Der UN-Sicherheitsrat berief eine Dringlichkeitssitzung ein.
Der Geopolitik-Analyst Fidel Amakye Owusu bezeichnete gegenüber der DW Israels Schritt als „kalkulierte geopolitische Entscheidung“: Israel sehe einen Stützpunkt am Horn von Afrika als vorteilhaft für seine „langfristigen Sicherheitsinteressen in einer Region, die in der Nähe wichtiger Seewege liegt“. Der strategische Nutzen für Israel ist dabei vielschichtig: Somaliland liegt rund 300 Kilometer von den Houthi-Stellungen im Jemen entfernt und böte Israel potenzielle Militärbasen in direkter Reichweite der Houthi-Positionen. Zudem ermöglicht die geografische Lage eine direkte Einflussnahme auf die Kontrolle über Bab al-Mandab sowie mögliche südliche Angriffskorridore gegen den Iran. Israelische Medien verwiesen ausdrücklich auf die strategische Nähe Somalilands zur umkämpften Meerenge. Darüber hinaus wird in geopolitischen Analysen Somaliland als möglicher Standort diskutiert, an dem Bevölkerungsgruppen bzw. Palästinenser aus dem Gazastreifen angesiedelt werden könnten – ein Szenario, das Somalilands Außenminister Abdirahman Dahir Adam gegenüber der Tagesschau jedoch explizit zurückwies.
Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud erklärte im Staatsfernsehen: „Somalia wird alle verfügbaren Mittel einsetzen, um sich über diplomatische Kanäle gegen die Aggression Israels zu wehren.“ Owusu warnte gegenüber der DW zudem, dass die Anerkennung separatistische Bewegungen in ganz Afrika ermutigen könnte – etwa in der Westsahara, in Nigeria oder im Sudan: „Wenn dies zugelassen wird, wird sich die Afrikanische Union, die seit Jahrzehnten für die Einheit Afrikas kämpft, durch die Zunahme von Staaten bedroht fühlen.“
Saudi-Arabien, Uganda und die Gefahr einer weiteren Eskalation
Die Gefahr einer regionalen Ausweitung des Konflikts ist so real, wie sie nur sein kann. Philip Ingram warnte: „Saudi-Arabien macht eine Reihe von Andeutungen, sich dem Krieg anzuschließen, und wenn das geschieht, erleben wir eine Eskalation, die eine Stufe darüber liegt.“ Und weiter: „Sobald Saudi-Arabien beginnt, Iran direkt anzugreifen, befinden wir uns auf einer neuen Ebene dieses historischen religiösen Bürgerkriegs, und der gesamte Nahe Osten könnte deshalb explodieren.“ Auch von außerhalb der Region kommen Signale: Muhoozi Kainerugaba, Armeechef Ugandas und Sohn von Präsident Yoweri Museveni, erklärte laut Times of Israel am 26. März 2026: „Wir wollen, dass der Krieg im Nahen Osten jetzt endet. Die Welt ist es müde. Aber jede Rede von der Zerstörung oder Niederlage Israels wird uns in den Krieg bringen. Auf der Seite Israels.“ (ls)
Verwendete Quellen: Al-Araby Television, Tagesschau, DW, Times of Israel, Reuters, Lloyd‘s List, U.S. Energy Information Administration, Macdonald-Laurier Institute, Jerusalem Institute for Strategy and Security.
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