Börsen auf der Kippe

Anleihen, Öl, Schulden: Warum das globale Finanzsystem gerade gefährlich knistert

Staatsanleihen verlieren weltweit an Wert. Inflation und Schuldenberge setzen die Märkte unter Druck. Was das für Anleger bedeutet. Eine Analyse.

Die Stimmung an den Weltbörsen gleicht derzeit der eines Wartezimmers vor dem Zahnarzt. S&P 500 und Nasdaq 100 markierten zuletzt zwar neue Rekordstände, wer aber genauer hinhört, vernimmt im Hintergrund ein leises, aber unüberhörbares Knistern. Es kommt aus einem Markt, den die meisten Anleger kaum im Blick haben: dem globalen Anleihemarkt.

Dort laufen die Dinge seit Monaten in die falsche Richtung. US-Treasuries, deutsche Bundesanleihen, japanische Staatsanleihen und britische Gilts haben nach einer jüngsten Verkaufswelle kritische Marken erreicht. Steigende Renditen bedeuten fallende Anleihekurse. Und das ist kein Randphänomen. Das Volumen der globalen Anleihe- und Kreditmärkte beläuft sich auf rund 450 Billionen US-Dollar, was etwa dem Dreifachen der weltweiten Aktienmärkte entspricht. Was dort passiert, macht vor keiner Anlageklasse halt.

Öl, Inflation und Zinsen: Drei Kräfte ziehen an einem Strang

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erklärt auf Nachfrage gegenüber IPPEN.MEDIA, warum Renditen rund um den Globus zugleich anziehen: „Die Renditen steigen in vielen Ländern ähnlich an, weil die Ursachen ähnlich sind. So steigen wegen des höheren Ölpreises in vielen Ländern die Inflationsraten, weshalb die Anleger ihre Erwartungen für die Leitzinsen der Notenbanken nach oben revidieren. Außerdem weisen die meisten Länder zu hohe Haushaltsdefizite auf. Dadurch steigt der Kapitalhunger der Staaten, was die Anleiherenditen ebenfalls nach oben treibt.“

Der Ölpreis als Ursprung der aktuellen Verwerfungen. Die Sperrung der Straße von Hormus hat die Energiemärkte erschüttert und die Inflation neu entfacht. In den USA stiegen die Verbraucherpreise im April im Jahresvergleich um 3,8 Prozent. Auch der sogenannte Core-PCE-Index, das von der US-Notenbank Fed bevorzugte Inflationsmaß, kletterte von 3,0 auf 3,2 Prozent. Weit über dem Fed-Ziel von zwei Prozent. Gleichzeitig meldete die Federal Reserve Bank of Atlanta im April ein nominales Lohnwachstum von lediglich 3,6 Prozent. Unterm Strich verlieren US-Arbeitnehmer real an Kaufkraft. Krämer mahnt daher zur Wachsamkeit, was die Geldpolitik betrifft: „Noch hat sich die Inflation nicht verfestigt. Aber wenn die EZB nicht bald ihre Zinsen erhöht, könnte das passieren. Das Jahr 2022, als die EZB ihre Zinsen trotz einer hohen Inflation viel zu spät anhob, ist ein warnendes Beispiel.“

Sorgenkind USA: Ein Schuldenberg auf Rekordniveau mit Fälligkeitsdatum

Hinter der Inflationsdebatte verbirgt sich ein noch tieferes Problem. Die USA stehen vor einer fiskalischen Lage. Laut US-Schatzamt liegt die Staatsverschuldung aktuell bei rund 39,2 Billionen US-Dollar, das entspricht 122 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Das Office of Management and Budget rechnet im laufenden Fiskaljahr 2026 mit einem Haushaltsdefizit von 2065 Milliarden US-Dollar, rund sechs Prozent des BIP. Nach gut acht Monaten des Fiskaljahres ist das Defizit bereits auf 1663 Milliarden US-Dollar angeschwollen.

Trumps Haushaltspolitik treibt die US-Verschuldung auf Rekordhöhen. Die Märkte registrieren das – mit steigenden Renditen als erstes Warnsignal.

KfW-Ökonomen rechneten im Juni 2025 vor, dass bereits geringfügige Erhöhungen der effektiven Zinssätze von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten pro Jahr die Schuldenquote überproportional ansteigen lassen. Im Extremszenario sind demnach Schuldenquoten von über 170 Prozent des BIP in zehn Jahren nicht unwahrscheinlich. Die Ratingagentur Moody‘s warnt, das US-Haushaltsdefizit könnte bis 2035 auf neun Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Ein Warnsignal zeigte sich bereits am 21. Mai 2025, als die Nachfrage bei einer Auktion von 20-jährigen US-Staatsanleihen deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb und die Renditen über alle Laufzeiten in die Höhe schossen. Wie lange der Markt das toleriert? Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer gibt eine nüchterne Einschätzung: „Der US-Dollar ist noch immer Weltleitwährung, weshalb viele internationale Anleger US-Staatsanleihen halten. Außerdem würde die US-Notenbank im Fall der Fälle in großem Stil Staatsanleihen kaufen und so einen massiven Anstieg der Renditen verhindern.“

Trumps Dreifachstrategie: Sparen, Schulden drücken, Ressourcen sichern

Die Trump-Regierung ist sich der Schuldenmisere durchaus bewusst und reagiert mit einer Strategie, die auf drei Ebenen gleichzeitig operiert. Jede für sich genommen lässt sich rational begründen. Zusammengenommen werfen sie Fragen auf, die an den Finanzmärkten längst registriert werden.

Erstens: Die Sparoffensive. Mit dem sogenannten „One Big Beautiful Bill“ – Trumps zentralem Haushalts- und Steuergesetz – versucht die Regierung, die Ausgabenseite zu disziplinieren. Das Gesetz sieht neben Steuersenkungen auch massive Kürzungen bei Sozialleistungen vor, wobei letztere auf den 1. Oktober 2026 verschoben wurden – unmittelbar nach den anstehenden Zwischenwahlen. Flankierend dazu wurde die US-Entwicklungshilfeagentur USAID weitgehend zerschlagen, der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen vollzogen und internationale Förderprogramme in Milliardenhöhe gestrichen. Auf dem Papier ein Sparpaket. In der Praxis ein Signal: Washington zieht sich zurück und bündelt Ressourcen, aber scheut Investitionen.

Zweitens: Krieg als fiskalisches Instrument. Was auf den ersten Blick paradox klingt, ist bei genauerer Betrachtung durchaus nachvollziehbar. Die USA verfolgen in ihren militärischen Engagements eine Logik, die über direkte Kampfhandlungen hinausgeht. Die Sperrung der Straße von Hormus infolge des Angriffskrieges an der Seite Israels gegen den Iran lässt den globalen Ölpreis steigen, was den USA als weltgrößtem Öl- und Gasproduzenten direkt zugutekommt: Höhere Energiepreise füllen amerikanische Staatsfonds und Energiekonzerne. Gleichzeitig exportiert ein anziehender Ölpreis Inflation in jene Länder, denen die USA Geld schulden, und entwertet so real die ausstehenden Verbindlichkeiten. Hinzu kommt die Marktmacht durch Seeblockaden: Wer die Handelsrouten kontrolliert oder destabilisiert, beeinflusst Rohstoffpreise, Lieferketten und damit ganze Volkswirtschaften, ohne einen einzigen Schuss auf eigenem Boden abzufeuern. Der gescheiterte Versuch, Grönland unter US-Kontrolle zu bringen, und der Überfall auf Venezuela, dessen Ölreserven zu den größten der Welt zählen, fügen sich in dasselbe Muster: Ressourcensicherung als geopolitische Währung.

Drittens: Der Vertrauensverlust der Verbündeten. Was diese Strategie langfristig gefährdet, ist nicht ein militärischer Rückschlag, sondern das schwindende Vertrauen jener Länder, die US-Staatsanleihen bislang als sicheren Hafen betrachteten. Im Januar 2026 machte Dänemark Schlagzeilen, als es seine gesamten US-Staatsanleihen abstieß. Frankreich folgte mit einem ähnlich radikalen Schritt. Zwischen Juli 2025 und Januar 2026 zog die Banque de France ihre letzten verbliebenen 129 Tonnen Gold vollständig aus der Federal Reserve Bank of New York ab und ersetzte sie durch in Europa erworbene Barren. Sämtliche 2437 Tonnen des französischen Goldschatzes lagern nun im Pariser Untergrundtresor „La Souterraine“. Der Schritt brachte Frankreich nach Medienberichten rund 15 Milliarden US-Dollar Gewinn.

Europa kein sicherer Hafen: Auch Frankreich gerät ins Visier der Märkte

Wer bei all dem „Drill Baby, drill!“ auf Europa als ruhigen Hafen hofft, dürfte enttäuscht werden. „Auch in den meisten Ländern des Euroraums sind die Haushaltsdefizite viel zu hoch. Das gilt vor allem für Frankreich, dessen Staatsschulden verglichen mit dem Bruttoinlandsprodukt in zehn Jahren fast so hoch sein dürften wie in Italien. Nicht umsonst hatte die EZB im Sommer 2022 ein weiteres potenzielles Anleihekaufprogramm angekündigt, bevor sie die Leitzinsen anhob“, warnt Commerzbank-Volkswirt Dr. Krämer.

Die EZB wollte sich auf Nachfrage zu einer Einschätzung nicht äußern und verwies auf ihre „Quiet Period“-Policy im Rahmen bevorstehender Ratssitzungen. Aus ihren eigenen Veröffentlichungen lässt sich jedoch ablesen, wie angespannt die Lage ist. Laut einem EZB-Blogbeitrag vom April 2026 sind die Zentralbankreserven der Eurobanken von einem Spitzenwert von 4,9 Billionen Euro im Jahr 2022 auf 2,6 Billionen Euro Anfang 2026 gesunken. Bereits 26 Prozent der Banken nach Bilanzsumme operieren nahe ihrer bevorzugten Mindestreserven. Bis Ende 2026 könnte dieser Anteil laut EZB auf 50 Prozent steigen. Das bedeutet: Immer mehr Banken müssen ihre Liquidität aktiver managen, was die Anfälligkeit des Systems für externe Schocks erhöht.

Repo-Markt und Basis-Trade: Wo das nächste Feuer entstehen könnte

Besonders aufmerksam beobachten Experten den sogenannten Repo-Markt, über den sich Banken und Hedgefonds kurzfristig Geld gegen Sicherheiten leihen. Nach Daten des Office of Financial Research lag das Handelsvolumen auf dem US-Repo-Markt im dritten Quartal 2025 bei durchschnittlich 12,6 Billionen US-Dollar pro Tag, davon über 1,8 Billionen US-Dollar auf Nettoausleihungen von Hedgefonds. Auch die EZB stellte fest, dass Hedgefonds im Euroraum bereit sind, für kurzfristige Repo-Finanzierungen Aufschläge über dem Einlagesatz zu zahlen, um ihre Anlagestrategien in anderen Marktsegmenten zu finanzieren. Das Risiko liegt hier in den sogenannten Beleihungsketten: Werden Sicherheiten mehrfach weiterverpfändet, entsteht ein Multiplikatoreffekt. Reißt die Kette an einer Stelle, drohen Liquiditätsengpässe, die sich rasch auf andere Märkte ausbreiten. Im November 2025 war das ansatzweise zu beobachten: Die Bankreserven der Fed sanken auf ein kritisches Niveau, woraufhin die Fed monatlich 40 Milliarden US-Dollar an kurzlaufenden Staatsanleihen kaufte. Dieses Programm läuft jetzt aus.

Als wäre das nicht schon genug, bergen ein zusätzliches Risiko sogenannte Treasury-Basis-Trades. Dabei kaufen Hedgefonds US-Staatsanleihen und verkaufen zeitgleich Futures darauf, um kleinste Preisunterschiede mit enormem Hebel auszunutzen. Für einen Future auf 30-jährige Treasuries mit einem Kontraktwert von 100.000 US-Dollar werden derzeit nur 3700 US-Dollar als Sicherheit benötigt, ein Hebel von 27. Morgan Stanley schätzt, dass diese Positionen inzwischen über sechs Prozent des rund 31,3 Billionen US-Dollar schweren US-Staatsanleihenmarktes ausmachen. Der Move-Index, das Volatilitätsbarometer für US-Anleihen, steht bereits bei 86 Punkten. Ab 100 Punkten könnte es ungemütlich werden.

Trumps provozierte Hormus-Krise: Geopolitik als eigentlicher Renditetreiber

Trotz all dieser Risikofaktoren sieht Jörg Krämer keinen unvermeidlichen Absturz. Für ihn verweisen die Renditen auf eine ganz konkrete geopolitische Ursache: „Die steigenden Anleiherenditen sind ein Symptom eines tieferliegenden Problems, nämlich das der gesperrten Straße von Hormus. Es ist vor allem das knapper werdende Öl und die deshalb steigende Inflation, die die Anleiherenditen nach oben treibt. Gleichzeitig stellt der hohe Ölpreis ein beträchtliches Konjunkturrisiko dar.“ Doch Krämer bleibt auf Nachfrage verhalten optimistisch: „Käme es bei einer anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus zu einer weltweiten Rezession, würden die Aktienkurse wohl fallen. Letztlich haben aber sowohl Trump als auch die Mullahs einen Anreiz, sich zu verständigen. Denn Trump will eine Niederlage bei den Zwischenwahlen verhindern. Und die Mullahs wollen noch größeren Schaden von ihrer Wirtschaft abhalten. Das spricht gegen eine Weltrezession und einen Einbruch der Aktienmärkte.“

Eine feste Schmerzgrenze bei den Renditen nennt Krämer bewusst nicht: „Es ist kaum möglich, eine Schmerzgrenze anzugeben. Bislang verläuft der Anstieg der Renditen in geordneten Bahnen, auch weil die Anleger wissen, dass die Notenbanken im Fall der Fälle im großen Stil Staatsanleihen kaufen würden.“ Das Wartezimmer bleibt also besetzt. Ob es bei einem schmerzhaften, aber beherrschbaren Eingriff bleibt, oder ob die Diagnose schlimmer ausfällt, hängt an Entwicklungen, die kein Modell zuverlässig vorhersagen kann: US-Präsident Donald Trump, der globale Ölpreis und das Vertrauen der Märkte in Staaten, die seit Jahren mehr ausgeben als sie einnehmen. (ls)

Rubriklistenbild: © LNJS

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