Ukraine-Konflikt
Expertin Kemfert: Lieferstopp bei russischem Gas bedeutet Gaskrise
Deutschland ist abhängig vom russischen Gas. Das könnte im Ukraine-Konflikt zur Gefahr werden. Claudia Kemfert vom DIW warnt in dem Fall vor einer Gaskrise.
Berlin – Es ist ein Teufelskreis, in dem Deutschland zu schlingern droht: Während die Gaspreise und Strompreise weiter steigen, führt der Ukraine-Konflikt mit Russland und die möglichen Sanktionen gegen Moskau dazu, dass in Deutschland ein Versorgungsengpass mit Erdgas entstehen könnte. Seitdem die Gaspipeline Nord Stream 2 in die Masse der Sanktionsmittel gewandert ist und der Vize-Sprecher des russischen Föderationsrats nicht ausgeschlossen hat, den Gashahn für Europa abzudrehen, ist die Gefahr noch realer geworden.
| Wirtschaftswissenschaftlerin: | Claudia Kemfert |
| Geboren: | 17. Dezember 1968 (Alter 53 Jahre), Delmenhorst |
| Ausbildung: | Universität Stanford, Universität Bielefeld, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg |
Gaspreis: Lieferstopp durch Russland bedeutet nächste Gaskrise – Heizosten und Strompreise ziehen an
Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin, sagte gegenüber kreiszeitung.de: „Sollte es tatsächlich zu einem vollständigen Lieferstopp durch Russland kommen, wären wir inmitten der nächsten Gaskrise.“
Derzeit würde Deutschland knapp 50 Prozent seines Gases aus Russland beziehen. Sollten diese Lieferung wegfallen, würde es mit der Gasversorgung eng werden. Die Auswirkungen würden auch die Endverbraucher deutlich zu spüren bekommen: „Die Gaspreise würden weiter steigen und damit auch die Kosten für Verbraucher und die Wirtschaft insgesamt. Insbesondere die Heizkosten werden anziehen, im Stromsektor wird mehr Kohle zum Einsatz kommen und damit höhere Emissionen entstehen. Dadurch steigt wiederum der Strompreis“, erklärte Kemfert und führte weiter aus: „Alleiniger Grund für die steigenden Energiekosten sind die Preisschocks ausgelöst durch die fossilen Energiekrisen und fossilen Energiekriege.“
Gaspreise 2022: Kemfert sieht in verschleppter Energiewende Ursache für hohe Energiepreise
Nach Einschätzung der Expertin würden die Energiepreise und Gaspreise 2022 durch eine verschleppte Energiewende in die Höhe getrieben – mit besonders starken Auswirkungen für Menschen, die nur über ein niedriges Einkommen verfügen. In der jetzigen situativen Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen sah Kemfert verschleppte Fehler in der Energiepolitik. „Deutschland hat es versäumt, vor über 15 Jahren einen eigenen Flüssiggasterminal zu bauen, um Flüssiggas direkt nach Deutschland aus anderen Quellen als aus Russland zu importieren. Andere europäische Länder haben viel stärker auf eine Diversifikation der Gasbezüge gesetzt, Deutschland nicht. Das war ein Fehler“, sagte sie kreiszeitung.de.
Vor diesem Fehler hätten sie und das DIW bereits seit über zehn Jahren gewarnt. Gleichzeitig gab Kemfert aber auch Entwarnung in der gegenwärtigen Lage: „Dennoch gibt es zusammen mit anderen europäischen Gasspeichern ausreichend Gas, um Deutschland, aber auch ganz Europa mit Gas über den Winter noch zu versorgen.“
Fortschritt bei Nord Stream 2 durch Tochterunternehmen – Zertifizierung durch Bundesnetzagentur steht aus
Währenddessen hat das umstrittene Pipeline-Projekt Nord Stream 2 den nächsten Schritt hin zu einer möglichen Inbetriebnahme getätigt – allerdings steht immer noch die Zertifizierung durch die Bundesnetzagentur aus. Mit der Gründung eines deutschen Tochterunternehmens erfüllt die Nord Stream 2 AG eine notwendige Auflage. Gas for Europe, so der Name der neu gegründeten GmbH mit Sitz in Schwerin, setze nun alles daran, die erforderlichen Unterlagen für den Zertifizierungsprozess einzureichen, heißt es seitens eines Unternehmenssprechers.
Das Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 steht schon länger in der Kritik und wird insbesondere durch westliche Verbündete Deutschlands mit Vorbehalt gesehen. Sie befürchten, dass sich Deutschland und andere EU-Staaten in eine stärkere Abhängigkeit von Russland begeben. „Wir benötigen endlich eine strategische (staatliche) Gasreserve, für die wir seit über zehn Jahren werben. Zudem war es falsch, ein Teil der wichtigen Gasspeicher in Deutschland dem russischen Gaskonzern zu verkaufen, ohne eine entsprechende Regulierung für den Ernstfall einzuführen“, kritisiert Kemfert gegenüber kreiszeitung.de. „Es muss vor allen Dingen darum gehen, so schnell wie möglich vom fossilen Erdgas wegzukommen.“
Ukraine-Konflikt: Deutsche Energiewende durch Krise zwischen Russland und Ukraine überschattet
Mitten in der deutschen Energiewende spitzt sich der Ukraine-Konflikt weiter zu. Während Wladimir Putin an der Grenze zur Ukraine über 100.000 Soldaten zusammenzieht, setzt die ehemalige Sowjetrepublik auf Unterstützung die Nationen der Nato. Mehrere Nationen haben inzwischen militärische Hilfe angekündigt, von Deutschland gibt es derzeit die Zusage über 5000 Militärhelme. Für den ukrainischen Botschafter in Berlin nur ein Trostpflaster. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat hingegen das deutsche Verhalten verteidigt.
Bisher lehnt Deutschland Waffenlieferung kategorisch ab und setzt auf Deeskalation. Den außenpolitischen Kurs um 180 Grad zu drehen, „das sollte man schon bei vollem Bewusstsein tun und vor allen Dingen damit nicht Türen für Deeskalation verschließen, die sich gerade in diesem Moment so zaghaft wieder öffnen“, sagte Baerbock. „Wer redet, der schießt nicht. Daher ist es fatal, die Wiederaufnahme von Dialog jetzt einfach so abzutun.“ Zwar unterstütze Deutschland die Ukraine durch Schutzhelme, den Bau von Schutzbunkern und die Ausbildung von Soldaten, allerdings habe der Dialog absolute Priorität. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.