DeichStube-Interview

„Es bringt nichts, Köpfe zu fordern“: Werder-Boss Klaus Filbry über Abstiegsangst, Sportchef Fritz und Wege aus der Krise

Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry spricht im DeichStube-Interview über den Abstiegskampf, die Kritik an Clemens Fritz und die Transfer-Planungen.

Die Lage ist ernst wie lange nicht mehr: Als Tabellen-16. ist der SV Werder Bremen nach elf sieglosen Spielen am Stück endgültig im Abstiegskampf angekommen. Die Vereinsführung steht bereits seit Wochen massiv in der Kritik, und auch der Trainerwechsel von Horst Steffen hin zu Daniel Thioune konnte die Talfahrt bislang nicht stoppen. Im Gespräch mit der DeichStube erklärt Klaus Filbry, der Vorsitzende der Werder-Geschäftsführung, wie er die aktuelle Lage wahrnimmt, was er über Kollege Clemens Fritz denkt und was es jetzt braucht, um die Kurve zu bekommen.

Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung von Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über den Abstiegskampf, Clemens Fritz und vieles mehr.

Werder Bremen-Boss Klaus Filbry im Interview: „Brauchen Ruhe und Zusammenhalt - es bringt nichts, Köpfe zu fordern“

Herr Filbry, im Februar 2025 war Werder Bremen nach 21. Spieltagen Tabellenelfter – ein Jahr später steht die Mannschaft zum selben Zeitpunkt mit elf Punkten weniger auf dem Relegationsplatz da. Wie ist dieser Absturz zu erklären?

Wir befinden uns im Abstiegskampf, das möchte ich zu Beginn in aller Deutlichkeit sagen, denn das muss uns allen klar sein. Diesen Abstiegskampf müssen wir zu 100 Prozent annehmen, und dafür braucht es Resilienz und Haltung. Natürlich gibt es Gründe dafür, dass wir da stehen, wo wir stehen. Wir hatten vor der Saison einen Trainerwechsel und haben bewusst eine größere Veränderung und Verjüngung des Kaders angestrebt. Das war wichtig, weil wir es in den Jahren zuvor nicht geschafft haben, Werte innerhalb des Kaders zu entwickeln. Mit Spielern wie Mio Backhaus und Karim Coulibaly ist uns das sehr gut gelungen. Gleichzeitig gab es aber auch Themen, die nicht gut gelaufen sind. Mitchell Weisers Kreuzbandriss war ein Rückschlag, weil er ein Schlüsselspieler ist. Auch die Verletzungen der Linksverteidiger Maximilian Wöber und Olivier Deman waren sehr schwierig, was uns dazu gebracht, zwei zusätzliche Spieler per Leihe zu verpflichten.

Zudem ist es nicht gelungen, einen geeigneten Nachfolger für Marvin Ducksch zu finden, was dazu beiträgt, dass die Mannschaft bis heute eine eklatante Offensivschwäche mit sich herumschleppt...

Rückblickend lassen sich Geschichten immer leicht erzählen. Natürlich kann man heute darüber diskutieren, ob es richtig war, Marvin Ducksch ziehen zu lassen, bevor wir einen Ersatz gefunden hatten, oder ob es richtig war, Victor Boniface zu verpflichten. In dem Moment, wo wir diese Entscheidungen getroffen haben, haben wir sie aber aus voller Überzeugung sowie basierend auf einer fundierten Analyse getroffen. Intern haben wir diese Entscheidungen kritisch aufgearbeitet, weil allen bewusst ist, dass sie nicht wie erhofft aufgegangen sind.

Die Kritik an den Verantwortlichen ist so groß wie lange nicht mehr in Bremen. Sowohl medial als auch in Fankreisen wird die Arbeit der Geschäftsführung infrage gestellt. Können Sie das nachvollziehen? Wie gehen Sie damit um?

Das ist Teil unseres Geschäfts. Damit, dass Menschen unzufrieden sind, müssen wir leben. Wir haben intern eine sehr gute Diskussionskultur. Die konstituierende Sitzung des neuen Aufsichtsrats hat gerade erst stattgefunden. Da haben wir uns als Geschäftsführung ausführlich erklärt. Es ging darum, aufzuzeigen, was nicht gut gelaufen ist, aber auch Lösungen zu präsentieren. Der Austausch ist sehr eng, sachorientiert und transparent. Dem stellen wir uns. Den Unmut von außen nehmen wir ernst und setzen uns damit auseinander. Wir dürfen die Augen davor auch nicht verschließen, aber ich bin trotzdem überzeugt davon, dass wir jetzt Ruhe und Zusammenhalt brauchen. Es bringt nichts, Köpfe zu fordern. Wir – und das schließt intern wie extern ein – dürfen uns nicht selbst zerlegen. Im Sommer werden wir uns dann an den Ergebnissen messen lassen.

Klaus Filbry über Werder Bremen-Sportchef Clemens Fritz: „Er wird daraus gestärkt hervorgehen“

Clemens Fritz steht als Geschäftsführer Sport im Zentrum der Kritik. Wie nehmen Sie ihn in dieser schwierigen Phase wahr?

Ich sehe uns als Geschäftsführung als Einheit an. Insofern sitzen wir alle im selben Boot. Ich nehme Clemens als sehr resilient, lösungsorientiert, selbstreflektiert und auch als selbstkritisch wahr. Er blickt mit voller Energie nach vorne. Clemens war Leistungssportler und hat sowohl als Spieler sowie auch als Verantwortlicher solche Situationen schon durchlebt. Er wird daraus gestärkt hervorgehen – als Mensch und als Führungskraft. Er hat früher schon an der Seite von Frank Baumann eine stabilisierende Rolle gespielt und war bereits an Transfers wie von Senne Lynen beteiligt, hat zudem Karim Coulibaly vom HSV geholt. Ja, nicht alle Transfers sind aufgegangen, aber auch bei Weitem nicht alle daneben. Das kommt mir aktuell zu kurz.

Neben dem sportlichen Absturz ist die Saison geprägt durch den Boniface-Fehlgriff, die peinliche Leihspieler-Posse, die Trainerentlassung – kurz: Werder wird bisweilen belächelt, nicht mehr bewundert. Haben Sie Sorge um die Marke Werder Bremen?

Die Marke lebt und sie weckt Emotionen. Dass die in der jetzigen Lage kritisch ausfallen, ist absolut berechtigt. Damit setzen wir uns auseinander. An Traditionsstandorten ist immer eine gewisse Unruhe im System, aber auch Aufmerksamkeit. Das ist erstmal positiv, weil es zeigt, für welche Wucht und Stärke unser Verein steht. Auch wenn der Sturm gerade nicht angenehm ist, wird das Schiff Werder Bremen ihn aushalten.

Überrascht es Sie, dass es in der laufenden Saison so rapide bergab ging?

Mir war von Anfang an klar, dass es eine extrem herausfordernde Saison wird. Dass es so holprig verläuft und wir auf der Strecke leider bereits den Trainer auswechseln mussten, habe ich nicht erwartet. Am Ende war es für als uns Geschäftsführung aber alternativlos.   

Werder Bremen im Abstiegskampf: Klaus Filbry spricht im DeichStube-Interview auch über die Kritik an seinem Geschäftsführer-Kollegen Clemens Fritz.

Klaus Filbry erklärt Trainersuche bei Werder Bremen: Daniel Thioune nicht erste Wahl? „Das ist Quatsch“

Horst Steffen ist freigestellt, bleibt also auf der Gehaltsliste. Wie sehr trifft es Werder finanziell, mit ihm und Nachfolger Daniel Thioune zwei Cheftrainer bezahlen zu müssen?

Es ist zu früh, um das zu beurteilen, weil wir noch nicht wissen, wann Horst wieder ein Traineramt übernehmen wird. Wir könnten mit ihm über eine Aufhebung des Vertrages verhandeln, gehen aber davon aus, dass er mit seiner unbestrittenen Qualität schnell eine neue Aufgabe finden wird. Dann ist die Situation eine andere.

Es heißt, Steffens Vertrag habe keine Klausel, die seine Bezüge nach der Freistellung reduziert…

Nein, hat er nicht, weil das juristisch de facto nicht tragbar ist. Es gibt Gerichtsurteile, die den Arbeitnehmer in dieser Frage stärken. Menschlich ist uns die Trennung sehr schwergefallen, aber im Sinne der Sache war es der richtige Schritt. Mir ist ganz wichtig zu betonen, dass es zur Wahrheit dieser Saison gehört, dass es für Horst Umstände gab, die sehr schwierig waren. Da sind wir wieder bei den Themen Linksverteidiger und Boniface.

Daniel Thioune ist seit einer Woche im Amt und soll die Mannschaft retten, obwohl er nicht als erste Wahl des Vereins galt…

Das ist Quatsch. Wir haben uns in der Trainersuche einen Marktüberblick verschafft und eine Voranalyse getroffen, über Daten, Scouting, Evaluierungen. Dann haben wir Gespräche mit vier Kandidaten geführt. Aus diesen Gesprächen ist Daniel für uns als der beste Kandidat hervorgegangen. Er hat uns inhaltlich und mit seiner Art überzeugt. Dass wir gleichzeitig auch mit anderen Kandidaten gesprochen und bei ihnen die Bereitschaft abgeklopft haben, ist nur professionell. Einer der Kandidaten hat sich selbst aus dem Rennen genommen, ohne dass ich Namen nennen werde. Das hatte aber nichts mit der Kaderqualität zu tun, sondern damit, dass er eine andere Option für sich gesehen hat.

Klaus Filbry sieht Daniel Thioune länger als Trainer von Werder Bremen - Abstiegskampf „noch nicht bei jedem angekommen“

Nun ist Thioune nicht der klassische Feuerwehrmann. Bedeutet das, dass der Verein ihm zutraut, die Mannschaft auch im Falle eines Abstiegs neu aufzubauen?

Ich habe mit ihm keinen Vertrag unterschrieben, der im Sommer endet, auch im Falle eines Abstiegs nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir ihn auch in der nächsten Saison hier als Trainer haben. Er passt als Mensch und als Fachmann sehr gut zu Werder.

Seit elf Spielen steht Werder inzwischen ohne Sieg da, den Abstiegskampf haben Sie zu Beginn des Gesprächs bereits ausgerufen. Wie real ist die Gefahr, am Ende den Gang in die 2. Liga antreten zu müssen?

Wir sind für unsere Situation selbst verantwortlich. Sonst niemand. Natürlich ist das, was auf uns zukommt, sehr herausfordernd. Die Standorte, die den Abstiegskampf mit allen Menschen, die dazugehören, geschlossen anpacken, haben in meinen Augen die größte Chance, diesen Kampf erfolgreich zu bewältigen. Ich hoffe, dass wir dieses Momentum in Bremen erzeugen können. Aktuell habe ich aber noch nicht das Gefühl, dass bei jedem angekommen ist, dass wir uns im Abstiegskampf befinden.

Intern oder extern?

Sowohl als auch. Wir müssen jetzt zusammenstehen, auch mit den Fans. Ich bin mir sicher, dass wir 2021 nicht abgestiegen wären, wenn das Weserstadion aufgrund der Pandemie nicht hätte leer bleiben müssen. Ganz entscheidend ist aber, dass es jedem einzelnen Spieler bewusst ist, worum es jetzt geht.

Wäre ein Abstieg für Werder Bremen finanziell zu verkraften? Geschäftsführer Klaus Filbry erklärt die Situation

Sie haben sieben Leihspieler unter Vertrag, die den Verein im Falle eines Abstiegs verlassen werden, persönlich also nicht in die Zweitklassigkeit abrutschen. Eine gute Voraussetzung für das, was jetzt ansteht?

Ich unterscheide nicht zwischen festen Spielern und Leihspielern. Es sind alles Spieler des SV Werder Bremen, denen ich allen unterstelle, dass sie das Bestmögliche für den Verein im Blick haben und alles geben werden.

Der Abstieg 2021 hat für Werder Einbußen in Höhe von 40 Millionen Euro bedeutet. Wäre ein erneuter Niedergang wirtschaftlich überhaupt zu verkraften?

Ja. Wir sind durch die Regularien der DFL immer dazu angehalten, zweigleisig zu planen. Dass ein Abstieg ein Szenario ist, dass wir alle vermeiden wollen, ist klar. Wir werden alles dafür tun, dass es nicht eintritt. Trotzdem sind wir darauf vorbereitet. Wir haben beispielsweise variable Spielerverträge, in denen sich die Bezüge im Falle eines Abstiegs um 40 bis 50 Prozent reduzieren. Damit geht der Fixkostenanteil signifikant runter, und Teile der Mindereinnahmen können kompensiert werden. Trotzdem wären wir in der Situation, in der Spieler verkauft werden müssten, um Erlöse zu erzielen, mit denen man wiederum Handlungsfreiheit erlangt.

Werders Eigenkapital beträgt knapp 15 Millionen Euro. Warum ist der Verein im Winter nicht ins Risiko gegangen, um den Kader qualitativ zu verstärken, was die Gefahr eines drohenden und noch viel teureren Abstiegs hätte lindern können?

Wir haben die Qualität des Kaders analysiert. Es gab den Bedarf, etwas im Sturm zu machen, was wir durch die Ausleihe von Jovan Milosevic frühzeitig realisiert haben. Er ist ein Spieler, von dem wir absolut überzeugt sind. Natürlich haben wir uns auch mit anderen Spielern auseinandergesetzt. Am Ende war aber nicht die Überzeugung da, dass sie uns für die aufgerufenen Summen weiterhelfen. Auch in der Abwehr haben wir uns intensiv umgesehen, haben uns aber gegen einen Transfer entschieden, weil wir wussten, dass Spieler wie Amos Pieper und Niklas Stark zeitnah aus ihren Verletzungen zurückkommen werden.

Im DeichStube-Interview: Werder Bremen-Boss Klaus Filbry über Transfer-Gedanken zu Niclas Füllkrug und Karim Coulibaly

Im Sturm war Niclas Füllkrug ein Thema

Ja. Er hätte sich gut vorstellen können, nach Bremen zurückzukommen. Bremen ist seine zweite Heimat. Er ist mit der Stadt und Werder emotional sehr tief verbunden. Niclas ist ein Gefühlsmensch und hatte das Gefühl, seine Chance auf eine WM-Teilnahme in Bremen erhöhen zu können. Am Ende muss man es respektieren, dass er sich für den Schritt nach Mailand entschieden hat.

Im Sommer wird Werder einmal mehr auf Transfererlöse angewiesen sein. Ist ein Spieler wie Top-Talent Karim Coulibaly dann überhaupt zu halten?

Wir haben das Thema Transfererlöse in der Vergangenheit im Vergleich zu anderen Standorten nicht so sehr realisiert bekommen, wofür es aber gute Gründe gibt. Wir haben uns mit einem Kader dreieinhalb Jahre lang sportlich sehr stabil weiterentwickelt, aber aus diesem Kader keine großen Erlöse generiert. Was im Sommer mit einzelnen Spielern passiert, werden wir diskutieren, wenn es relevant wird. Intern bereiten wir uns auf alle Szenarien vor. Karim kann und soll sich – genauso wie alle anderen unserer Profis auch – aufs Fußballspielen konzentrieren, damit wir unser Ziel erreichen und am Ende in der Bundesliga über dem Strich stehen. (dco)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Marco Steinbrenner/DeFodi Images

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