Großes DeichStube-Interview

Werder-Trainer Daniel Thioune im Saisonabschluss-Interview über fehlende Qualität, Transfer-Strategien und erlebten Rassismus

Daniel Thioune spricht im DeichStube-Interview über die schwierige Saison des SV Werder Bremen, die Zukunft und persönliche Erlebnisse mit Rassismus.

Ein paar Dinge müssen noch erledigt werden, ehe es auch für Daniel Thioune in die Sommerpause geht. Ein Interview-Termin mit der DeichStube zum Beispiel. Aber auch die Planungen für die neue Saison laufen beim SV Werder Bremen längst auf Hochtouren – und da ist der Coach, der beim Bundesligisten seit Februar das Kommando an der Seitenlinie hat und die Ligazugehörigkeit mit seiner Mannschaft sicherte, selbstverständlich intensiv eingebunden. Vor dem anstehenden Urlaub sprach der 51-Jährige noch einmal ausführlich über fehlende Qualität an der Weser, wie er sich die Bremer Zukunft vorstellt und warum er große Stücke auf Justin Njinmah oder Cameron Puertas hält. Aber auch darüber, wie beschwerlich sein Weg in Liga eins war und wie er mit erlebtem Rassismus im Alltag umgeht.    

Daniel Thioune spricht im DeichStube-Interview ausführlich über den SV Werder Bremen der Zukunft, persönliche Erlebnisse und mehr.

Werder Bremens Daniel Thioune im Interview über Träume und Hindernisse auf dem Weg zum Bundesliga-Trainer

Herr Thioune, Sie haben sich kürzlich „15.30 Uhr“ auf das Handgelenk tätowieren lassen. Das steht für Ihren ersten Einsatz als Bundesliga-Cheftrainer. Wie groß ist dieser persönliche Meilenstein für Sie?

Sehr groß, denn damit hat sich etwas erfüllt, das mir als Spieler nicht vergönnt war: Bundesliga zu spielen. Wenn man später über die Trainerausbildung doch noch die Chance bekommt, um 15.30 Uhr an der Seitenlinie eines Bundesliga-Spiels zu stehen, dann ist das etwas Besonderes. Als U19-Trainer in Osnabrück war die Wahrscheinlichkeit dafür allerdings nicht besonders hoch. Ich musste geduldig sein. Zwischen der Ausbildung und diesem Moment mit Werder in Freiburg Anfang Februar lagen fast zehn Jahre. Ich habe gelernt, jede Stufe einzeln zu gehen. Wenn man Träume hat, dann muss man sie beschützen. Das fängt bei privaten Dingen an, weshalb ich auch die Geburtsorte meiner Kinder auf den Arm tätowiert habe.

Sie sprechen oft davon, Träume zu beschützen. Dazu passt auch ein weiteres Ihrer Tattoos, ein Zitat aus dem Film „Das Streben nach Glück“. Ein Satz daraus lautet: „Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst.“ Welche Bedeutung hat das für Sie und Ihre Sicht auf das Leben?

Eine große. Ich habe diesen Filmausschnitt damals sogar in meiner Fußballlehrer-Ausbildung für meine Hausarbeit verwendet. Ich finde mich darin komplett wieder. Mir ist im Leben vieles nicht einfach zugefallen. Ich musste hart für meinen Weg arbeiten. Deshalb habe ich mich immer daran orientiert. Ich hatte kurz nach dem Saisonende das Privileg, in Osnabrück 25 neue deutsche Staatsbürger begrüßen und eine Rede halten zu dürfen. Die Geschichte war daran orientiert, dass man sich seine Träume bewahren muss. Diese Menschen sind womöglich sogar schwierigere Wege gegangen als ich und am Ende trotzdem angekommen. Der Satz „Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst“ ist mir in meinem Leben öfter begegnet.

Haben Sie Beispiele dafür, wie Sie mal in Ihren Träumen ausgebremst wurden?

Im Fußball bist du ständig in einem Selektionsprozess. Immer wieder hört man: Deine Reise endet hier. Das beginnt schon als Jugendspieler. Und auch später als Trainer gab es Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass man mir den Sprung in die Bundesliga nicht mehr zutraut. Nach der Freistellung in Düsseldorf schien es so, als wäre dieser Traum vorbei. Aber jetzt bin ich hier. Nicht, weil ich tolle Schuhe habe oder besonders witzig bin, sondern weil ich die Fähigkeit besitze, Bundesliga-Trainer zu sein.

Trainer des SV Werder Bremen im Interview: Daniel Thioune über Rassismus im Alltag und Fußball

Sie sind nach Valérien Ismaël und Vincent Kompany erst der dritte dunkelhäutige Cheftrainer in der Geschichte der Bundesliga. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Da bin ich ein bisschen ambivalent. Ich habe diesen Job nicht bekommen, um irgendeine Quote zu erfüllen, sondern weil ich die Verantwortlichen bei Werder inhaltlich von meiner Arbeit überzeugt habe. Ich finde es beeindruckend, wenn jemand wie Vincent seine Stimme erhebt und öffentlich auf Themen aufmerksam macht. Das habe ich bei meiner Rede in Osnabrück auch getan und den Menschen gesagt, dass sie stolz darauf sein können, jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben. Wir haben durch unsere Vergangenheit und die Erfahrungen unserer Eltern die Möglichkeit, den Finger zu heben, den Mund aufzumachen und für Dinge einzustehen.

Sind Sie im Fußball jemals mit Rassismus konfrontiert worden?

Ja, definitiv. Nicht nur im Fußball, sondern generell im Alltag. Latenter Rassismus existiert leider weiterhin. Ich wurde tatsächlich einmal gefragt, was ich in der ersten Klasse der Bahn mache – nicht vom Schaffner, sondern von anderen Fahrgästen. Mir begegnet so etwas auch heute noch, weil manche Menschen immer noch in Klischees denken. Und natürlich habe ich auch im Fußball Dinge erlebt, die man weder hören noch sehen möchte. Gerade früher, wenn man im Osten der Republik unterwegs war. Wenn in Mecklenburg-Vorpommern 40 Prozent die AfD wählen, dann sitzen statistisch gesehen eben auch viele davon im Stadion. Das ist leider die Realität. Ich schaffe es inzwischen ganz gut, zu differenzieren, ob mich jemand persönlich beleidigen oder rassistisch anfeinden möchte. Gerade für junge Spieler mit Migrationshintergrund ist es schwierig, das zu unterscheiden. Deshalb habe ich meinen Spielern immer gesagt: Wenn irgendwann das Gefühl entsteht, dass sie sich nicht mehr wohlfühlen, dann müssen sie zu mir kommen. Dann werde ich das klar ansprechen und Konsequenzen ziehen. Mir selbst ist das Ende der 1990er-Jahre begegnet, bei einem Aufstiegsspiel in Chemnitz, bei dem Gesänge zu hören waren, die man einfach nicht hören möchte.

Ihr Vater stammt aus dem Senegal und war großer Werder-Fan. Was glauben Sie: Wie stolz wäre er heute auf Sie?

Ich glaube, dass er es ziemlich cool finden würde, dass ich Werder-Trainer bin. Als mein Vater 2018 gestorben ist, war ich gerade Trainer in Osnabrück. Damals war nicht abzusehen, wohin mein Weg noch führen würde. Er würde sich definitiv riesig freuen, wenn er sehen könnte, wo ich inzwischen gelandet bin. Dann könnte er vermutlich auch verkraften, dass ich ein paar Jahre zuvor noch etwas zu weit im Norden beim HSV gearbeitet habe (schmunzelt).

Im großen Saisonabschluss-Interview mit der DeichStube spricht Trainer Daniel Thioune über die Herausforderungen bei Werder Bremen, nötige Veränderungen in der Zukunft und mehr.

Daniel Thioune im Interview über sein Leben in Bremen und die zwischenzeitlich angespannte sportliche Situation bei Werder

Lassen Sie uns auf die sportliche Aktualität schauen. Der Klassenerhalt ist geschafft, Ihre Zukunft damit erstmal geklärt. Wie sieht Ihr persönliches Leben in Bremen aus? Leben Sie noch im Hotel oder werden Sie jetzt sesshaft?

Sesshaft werden ist der Plan. Aktuell habe ich einige Besichtigungstermine. Ich habe bisher in einem Apartment-Hotel gewohnt, aber ehrlich gesagt brauchte ich den Ort nur zum Schlafen, weil ich fast nur auf dem Trainingsgelände war. Die sportliche Situation war so anspruchsvoll, dass es gar keinen Raum gab, sich groß um eine Wohnung zu kümmern. Und natürlich wusste ich auch nicht, ob ich in der kommenden Saison noch Werder-Trainer sein würde, falls wir es nicht schaffen, drei Mannschaften hinter uns zu lassen. Deshalb stand die Aufgabe komplett im Vordergrund. Ich werde an freien Tagen auch in Zukunft weiterhin in der Heimat in Osnabrück sein. Mein Zuhause ist jetzt aber Bremen. Bis zum Trainingsstart hoffe ich, mich hier räumlich so eingerichtet zu haben, dass es sich auch wirklich nach Zuhause anfühlt.

Ist denn angedacht, dass Ihre Familie perspektivisch mit nach Bremen kommt, oder bleibt die Basis in Osnabrück?

Zur Wahrheit gehört: Meine Tochter ist 28, verheiratet und wohnt schon lange nicht mehr zu Hause. Wenn ich ihr sage, sie soll mit nach Bremen kommen, dann würde sie wahrscheinlich lachen. Mein Sohn ist 22 und studiert in Osnabrück. Der würde vermutlich sagen: „Ich passe aufs Haus auf, Mama kann ja nach Bremen ziehen“ (lacht). Aber wir haben da als Familie auch Erfahrungen gesammelt. Während meiner Station in Hamburg zu Corona-Zeiten habe ich meine Familie mitgenommen. Das war für meinen Sohn nicht einfach. Neue Stadt, neue Schule, Distanzunterricht – das war schwierig. Irgendwann hat er gesagt: „Ich möchte wieder nach Hause.“ Das mussten wir akzeptieren. Deshalb war uns auch bei der Station Düsseldorf klar, dass wir gewisse Dinge anders lösen. Wir führen ein privilegiertes Leben. Meine Frau war bis vor einem Jahr selbstständig und hat jetzt etwas mehr Zeit, auch regelmäßig nach Bremen zu kommen. Und meine Kinder waren fast bei jedem Heimspiel da. So funktioniert das für uns sehr gut.

In bisher 14 Spielen haben Sie mit Werder vier Siege, ein Unentschieden und neun Niederlagen verbucht. Wie zufrieden sind Sie mit den vergangenen Monaten?

Zufrieden bin ich nicht. Dafür bin ich zu sehr Wettkämpfer. Es gab zu wenige Spiele, in denen wir die Inhalte wirklich so auf den Platz bekommen haben, wie ich mir das vorstelle. Das Union-Spiel war zum Beispiel eines, von dem ich sage: Da haben wir unsere Idee wirklich klar gezeigt. Aber insgesamt war das zu wenig. Wir haben es meist nur geschafft, auf Augenhöhe zu sein, wenn wir maximal intensiv gearbeitet haben. Gleichzeitig haben sich aber auch Dinge im Detail schon verändert. Wir hatten in der Rückrunde einen der größten Sprünge bei den Ballbesitzwerten und waren eine der laufstärksten Mannschaften der Liga. Das ist eine gute Basis. Trotzdem: Ich habe noch nie so viele Spiele in so kurzer Zeit verloren. Deshalb war ich nach dem Klassenerhalt vor allem erleichtert. Gerade die ersten Wochen waren extrem anspruchsvoll. Das Spiel in Freiburg nach nur 48 Stunden im Amt, danach die Bayern – das war brutal schwierig. Und nach dem 1:2 gegen St. Pauli wurde natürlich auch meine Person infrage gestellt. Damit hatte ich mich aber vorher schon auseinandergesetzt.

Was haben Sie in dieser Phase über Ihre Mannschaft gelernt?

Dass wir überall noch riesiges Potenzial haben. Wir haben kaum auf der Anzeigentafel stattgefunden. Neun Stürmertore sind viel zu wenig. Wir haben es zwar geschafft, die Spieler mit unserer Idee in die richtigen Räume zu bringen, aber es hat nicht gereicht, mehr als vier Spiele zu gewinnen. Und damit kann ich nicht zufrieden sein. Trotzdem gilt: Ich habe am Anfang versucht, die Mannschaft mitzunehmen und viele Dinge gemeinsam zu entwickeln. Aber relativ schnell habe ich gemerkt, dass das Team vor allem Klarheit und Struktur braucht. Das hilft am Ende auch mir selbst, Verantwortung zu übernehmen und den Kopf hinzuhalten, wenn es nicht läuft. Genau deshalb bin ich trotz allem froh, dass wir den „rollenden Stein“ noch aufgehalten haben. Nach St. Pauli hatten viele das Gefühl, dass die Saison sehr böse enden könnte.

Entwicklung und Kaderplanung bei Werder Bremen: Daniel Thioune gibt im Interview spannende Einblicke

Wie sehr macht Sie das an der Seitenlinie wahnsinnig, wenn der Plan eigentlich aufgeht, die Mannschaft in die richtigen Räume kommt – aber der Ball einfach nicht reingeht?

Ich würde keinem der Jungs unterstellen, dass er die Dinger absichtlich vergibt. Grundsätzlich muss die Überzeugung da sein, dass wir es besser machen können. Justin Njinmah ist für mich ein gutes Beispiel. Natürlich wurde viel darüber gesprochen, dass er auf der Anzeigetafel nicht auftaucht oder Chancen liegen lässt. Aber wir müssen eben auch an Lösungen arbeiten. Er ist einer der schnellsten Spieler der Bundesliga. Wenn uns jemand Räume auf dem Platz öffnet, dann war es sehr oft er. Aber man merkt eben auch: Wenn er alleine aufs Tor zuläuft, dann arbeitet es im Kopf, aufgrund der Situationen, die er erlebt hat. Das nehme ich als Arbeitsauftrag mit: Justin weiter in diese Räume zu bringen und gleichzeitig seine Abschlussqualität zu verbessern. Die Schnelligkeit kann man nicht trainieren. Aber klar, wenn du in Hoffenheim spielst und weißt, dass das ein schwieriges Spiel wird, dann musst du effizient sein und deine wenigen Chancen nutzen.

Fehlt es Werder grundsätzlich an Qualität im Kader?

Wir müssen die Qualität definitiv erhöhen. Wenn du auf Augenhöhe bist, dann entscheiden oft die Unterschiedsspieler. Nehmen wir Dortmund: Da steht dann ein Guirassy und macht das Tor. Solche Spieler kosten 40 Millionen Euro, und die haben wir nicht. Aber wir müssen trotzdem Spieler finden und entwickeln, die Spiele entscheiden können. In den vergangenen Jahren waren das vielleicht Marvin Ducksch oder Niclas Füllkrug, jetzt war es Jens Stage. Aber dauerhaft kannst du dich nicht nur auf einzelne Spieler verlassen.

Sie sprechen die möglichen Veränderungen im Kader bereits an. Direkt nach Saisonende gab es erste Planungsgespräche. Wie groß wird der Umbruch im Sommer ausfallen?

Grundsätzlich tut Kontinuität gut, aber nur dann, wenn Entwicklungspotenzial vorhanden ist. Gleichzeitig kann Veränderung auch guttun. Wir hatten viele Leihspieler im Kader, bei einigen ist noch nicht klar, wie es weitergeht. Deshalb sind wir aktuell sehr intensiv in der Analyse. Cameron Puertas ist zum Beispiel ein Spieler, den ich auch in der neuen Saison sehr gerne wieder hier begrüßen würde, da er unsere Ballbesitzwerte enorm gesteigert hat und zudem sehr laufstark ist. Da muss man aber abwarten, welche Möglichkeiten wir dort haben. Mit Markus Pilawa ist jetzt der neue Kaderplaner dabei. Da geht es erstmal darum, sich kennenzulernen und gemeinsam über die zukünftige Spielidee zu sprechen. Wobei die Spielidee natürlich auch vom Personal abhängt. Ob wir nächstes Jahr mit Dreier- oder Viererkette spielen, ist zum Beispiel noch gar nicht festgelegt, da wir auch noch auf die unterschiedlichen Kaderbewegungen reagieren müssen.

Wie groß ist ihr Einfluss bei der Kaderplanung? Geben Sie eine Wunschliste ab?

Nein, ich gehe nicht mit einer Wunschliste herum und sage: Den Spieler will ich unbedingt haben. Aber natürlich bin ich komplett eingebunden. Für uns war im Austausch mit Markus Pilawa vor allem wichtig, dass die Mannschaft in den Bereichen Intensität und Verfügbarkeit einen Sprung nach vorne machen muss. Wir brauchen Spieler, die möglichst eine komplette Saison verfügbar sind, und nicht welche, die spannend sind aufgrund ihrer Vergangenheit, dafür aber ein Handicap und womöglich viele Ausfallzeiten haben. Wenn wir Spieler verlieren, müssen wir ihre Qualität ersetzen. Beispiele? Wenn ein Justin Njinmah gehen sollte, verlieren wir Tempo. Wenn ein Jens Stage gehen sollte, verlieren wir jedes Spiel zwölf Kilometer Laufleistung. Zudem müssen wir ehrlicher mit gewissen Situationen umgehen. Anderthalb Trainingseinheiten pro Woche dürfen auf Dauer nicht ausreichen, um regelmäßig Bundesliga zu spielen.

Top-Talente und Trainer-Team: Daniel Thioune gibt im DeichStube-Interview spannende Einblicke

Mio Backhaus und Karim Coulibaly waren zuletzt Werders Senkrechtstarter. Welchen jungen Spielern im Kader trauen Sie ähnliche Schritte in der kommenden Saison zu?

Das ist immer Fluch und Segen zugleich. Wenn der Kader breiter und gesünder gewesen wäre, hätten die genannten Spieler vielleicht gar nicht so viele Minuten bekommen. Andererseits sind dadurch natürlich Kaderwerte entstanden. Bei jungen Spielern ist die Wahrnehmung oft extrem. Wenn keiner etwas erwartet, können sie positiv überraschen, dann gibt es keine Enttäuschung. Bei Samuel Mbangula war es genau umgekehrt. Es muss weiterhin unser Ziel sein, Spieler zu entwickeln. Patrice Covic kann dabei für die nächste Saison eine Aktie sein. Ich sehe jeden Tag im Training seine fußballerische Qualität. Deshalb habe ich ihn auch gegen Leipzig oder Dortmund gebracht – nicht nur in Situationen, in denen Spiele längst entschieden waren. Trotzdem habe ich aufgrund der Situation vermehrt auf erfahrene Spieler gesetzt. 

In Kenny Quetant steht ein Neuzugang bereits fest, dazu wird auch Chuki kommen. Beide sind noch junge Spieler. Welche Rolle nehmen sie in Ihren Gedanken für die kommende Saison schon ein?

Für mich sind junge Spieler erstmal Potenzialspieler. Wenn ein Quetant einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet hätte, dann wäre die Erwartungshaltung natürlich sofort eine ganz andere. So aber bringt er erstmal spannende Voraussetzungen mit. Physiologisch ist er ein anderer Spielertyp. Er ist nicht der klassische Neuner, der nur Bälle festmacht, sondern ein sehr beweglicher Offensivspieler. Und wenn es dazu kommen sollte, dass Chuki uns ebenfalls verstärkt, dann bekommen wir einen Spieler dazu, der fußballerisch Akzente setzen kann. Trotzdem wollen wir den Jungs den Raum geben, sich zu entwickeln. Die Spieler kommen in ein neues Land, in ein neues Umfeld. Da braucht es Zeit. Das war bei Samuel Mbangula ähnlich.

Schauen wir auf Ihr Trainerteam, bestehend aus den Co-Trainern Jan Hoepner und Christian Groß sowie Torwarttrainer Christian Vander. Planen Sie Veränderungen? Wie genau sieht die Rollenverteilung aus?

Wenn man auf die Zeit vor meiner Übernahme schaut, dann waren die Co-Trainer aktiver auf dem Platz eingebunden. Ich nehme mir allerdings viel Verantwortung und bin dabei sehr klar. Deshalb muss man offen besprechen, ob sich jeder in seiner Rolle wohlfühlt. Mit Jan Hoepner habe ich in der Vergangenheit bewiesen, dass wir sehr gut zusammenarbeiten können. Christian Groß ist aus meiner Sicht ein großes Trainertalent. Mit seiner abgeschlossenen B-Lizenz wird er seinen Weg weitergehen. Er ist sehr klar in dem, was er machen möchte. Vielleicht kann ich ihm etwas mitgeben, gleichzeitig profitiere ich auch von ihm. Und bei Kiki Vander verbietet es sich eigentlich, überhaupt zu diskutieren, wenn man sieht, welche Torhüter sich hier in den vergangenen Jahren entwickelt haben.

Daniel Thioune im Interview über die anstehende Saison, Marco Friedl als Kapitän des SV Werder Bremen und Urlaub

Wie schwierig wird es, im Sommer intern und extern neue Aufbruchsstimmung zu erzeugen?

Das wird die größte Aufgabe sein. In den Spielen, in denen wir wirklich mit dem Rücken zur Wand standen, haben wir die Unterstützung von außen gespürt und davon profitiert. Aber der Anspruch muss sein, dass das früher passiert – und dabei vom Platz auf die Tribüne schwappt und nicht umgekehrt. Ich glaube, die Mannschaft braucht Veränderung. Und ich glaube auch, dass wir gemeinsam eine klare Haltung entwickeln müssen, gerade im Umgang mit Fehlern. Ich möchte auf dem Platz eine Mannschaft sehen, die sich zerreißt. Die Spieler sollen sich darum streiten, wer den Ball holt oder nachsetzt und nicht darauf warten, dass es jemand anderes macht. Am Ende spielen wir Fußball, um Spiele zu gewinnen und nicht, um sie bloß nicht zu verlieren. Wir haben jetzt sechs Wochen Zeit, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Und gerade zu Beginn der Saison wird es wichtig sein, erfolgreich zu starten. Idealerweise, ohne direkt im DFB-Pokal nach Bielefeld fahren zu müssen (lacht). Spaß beiseite: Solche Dinge dürfen einfach nicht nochmal passieren. Ich will das alles nicht an Tabellenplätzen oder Punkten festmachen. Ich möchte sehen, dass wir uns entwickeln und einen Schritt nach vorne gehen.

Wie handhaben Sie eigentlich die Kapitänsfrage? Bestimmen oder von der Mannschaft wählen lassen? Und steht Amtsinhaber Marco Friedl überhaupt zur Debatte?

Ich habe das in meiner Laufbahn immer unterschiedlich gehandhabt. Wichtig ist erstmal, dass alle durchatmen können, gerade die Spieler, die Verantwortung getragen haben. Leo Bittencourt wird uns als Persönlichkeit verlassen, auch als Teil des Mannschaftsrats. Natürlich stellt sich auch die Frage, wie wohl sich Marco Friedl in seiner Rolle gefühlt hat. Das zu klären, wird ein Prozess über die Vorbereitung hinweg. Ich bin nicht hierhergekommen, um jemandem etwas wegzunehmen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass diese Mannschaft klare Leitplanken und einen klaren Weg braucht. Deshalb müssen wir uns fragen: Wer wollen wir sein? Wie wollen wir uns definieren? Und wer passt in diese Rollen? Ich glaube aber auch, dass Marco Friedl ein guter Kapitän ist. Und wenn eine Mannschaft einen Spieler wählt, dann passiert das nicht nur aus Sympathie, sondern weil man sich etwas davon verspricht.

Zum Abschluss: Jetzt steht erstmal Urlaub an. Wie muss man sich das bei Ihnen vorstellen – lieber Strand oder lieber Berge?

Tatsächlich beides. Dort, wo wir den Sommer verbringen – auf Mallorca –, gibt es Strand und Berge gleichzeitig. Ich gehe sehr gerne spazieren und wandern. Ich bin auch gerne im Wasser, allerdings eher im Pool als im Meer. Vor allem möchte ich die Zeit mit meiner Familie nutzen, denn die vergangenen Monate waren auch für mich sehr anspruchsvoll. Ich möchte durchatmen, gleichzeitig aber auch meinen Traum bewahren, weiterhin um 15.30 Uhr Bundesliga-Fußball zu erleben. Deshalb werde ich auch im Urlaub immer erreichbar sein und, wenn nötig, nach Bremen kommen. Meine Familie wird damit leben müssen, dass ich häufiger mal aufs Handy schaue – aber es wird auch Momente geben, in denen ich das Telefon bewusst weglege. (bvo/dco)

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