Werder-Neuzugang im DeichStube-Interview
„Überall haben Leute gesagt, dass ich nie Erfolg haben werde“: Cameron Puertas im Interview über Zweifel, Pass-Stress und seinen Werder-Start
Cameron Puertas spricht im DeichStube-Interview über Zweifel in seiner Profi-Karriere, Stress um seinen Pass sowie den Start beim und mit dem SV Werder Bremen!
Bremen – Ganz am Ende des Gesprächs muss sich Cameron Puertas beeilen – Trainer Horst Steffen hat eine Video-Analyse angesetzt, da will der neue Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen keinesfalls zu spät kommen. Der 27-Jährige weilt jetzt sein einigen Wochen an der Weser, auch er hofft, dass mit dem nahenden Heimspiel gegen den FC St. Pauli (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) eine Phase des konstanten Punktens für seine Mannschaft beginnt. Im Interview mit der DeichStube spricht Puertas über seinen Werder-Start, seinen ungewöhnlichen Werdegang und die vielen Zweifler, denen er begegnet ist.
Werder Bremens Neuzugang Cameron Puertas im DeichStube-Interview: „Ich muss Senne Lynen wieder mal einen Treffer auflegen“
Sie müssen uns helfen, weil Sie sich schon länger kennen: Haben Sie Senne Lynen jemals ein Tor schießen sehen?
Ja, das habe ich tatsächlich. Das war damals gegen Anderlecht. Wobei…ein bisschen war es auch mein Tor, denn ich habe den entscheidenden Pass gespielt.
Das trifft sich gut. Bei Werder wartet Lynen nach inzwischen 69 Bundesliga-Partien noch immer auf seinen ersten Treffer – in der Clubhistorie liegt nur noch Klaus Fichtel vor ihm, der in seinen 75 Liga-Spielen für den SVW nie ein Tor erzielte. Haben Sie einen Tipp für Ihren Teamkollegen parat?
(lacht) Jetzt, wo ich gehört habe, dass alle auf sein erstes Tor warten, werde ich mal zusehen, dass ich ihm wieder einen Treffer auflege.
Sie bilden mit Lynen und Victor Boniface eine Art Belgien-Connection, weil Sie sich schon aus gemeinsamen Tagen bei Royal Union Saint-Gilloise kennen. Wie dürfen wir uns das vorstellen: Sind Sie jetzt auch abseits des Platzes häufig als Trio unterwegs?
Senne wird bald zum zweiten Mal Vater, der hat gerade nicht so viel Zeit. Die meiste Zeit verbringe ich eigentlich mit Isaac Schmidt. Wir haben früher schon in der Schweiz zusammengespielt, deshalb kennen wir uns sehr gut.
Werder-Neuzugang Cameron Puertas im Interview über Bremen: „Die Stadt ist nicht zu groß und wuselig, ich fühle mich sehr wohl hier“
Wie sind Ihre ersten Wochen bei Werder gelaufen?
Die Integration war wirklich gut, ich bin toll vom Verein und der Mannschaft aufgenommen worden. Alle waren sehr offen mir gegenüber. Darüber hinaus ist die Stadt nicht zu groß und wuselig, ich fühle mich sehr wohl hier.
Sie teilen sich auf dem Platz einen Aufgabenbereich mit Romano Schmid, der sich nach eigener Aussage auch erst noch an die Spielweise des neuen Coaches gewöhnen muss. Zudem sind Sie nicht der einzige Spieler, der erst spät verpflichtet wurde. Wie lange dauert es aus Ihrer Erfahrung, bis sich ein Team eingespielt hat?
Erst gab es die vielen Transfers, dann die Länderspielpause und somit noch nicht viele Gelegenheiten, um sich richtig einzuspielen. Die Eingewöhnungsphase dauert deshalb jetzt in dieser neuen Konstellation etwas länger, aber ich bin überzeugt davon, dass wir Spieler haben, die sehr gut zueinander passen. Da ist jetzt eben ein wenig Geduld gefragt. Wir haben aber viel Qualität im Kader – und wenn wir dann endgültig zusammengefunden haben, wird das richtig gut aussehen.
In Bremen ist die Hoffnung groß, dass nach einem schwierigen Auftaktprogramm nun machbarere Aufgaben warten. Gleichzeitig erhöht das aber auch den Druck, jetzt unbedingt liefern zu müssen. Wie gehen Sie damit um?
Druck ist eigentlich immer da – mal ist er gut, mal ist er schlecht. Auch wenn der Erste der Tabelle beispielsweise gegen den Letzten spielt, hat er den Druck, unbedingt gewinnen zu müssen. Wir haben jetzt nach schwierigen Spielen die Chance, in den nächsten Partien noch besser zusammenzufinden und zu punkten. Deshalb sehe ich das als positiven Druck an. Mit einem Sieg am Wochenende können wir die beiden letzten Niederlagen endgültig abhaken und danach noch besser aufarbeiten, was vorher vielleicht nicht so gut gelaufen ist. Eine leichte Aufgabe erwartet uns am Samstag aber nicht.
Werder Bremens Cameron Puertas im DeichStube-Interview: „Ich bin den Menschen sogar dankbar, dass sie nicht an mich geglaubt haben“
Es gab Zeiten, in denen keineswegs absehbar war, dass Sie jemals Profi werden würden. Teil einer namhaften Nachwuchs-Akademie waren Sie nicht, sondern stattdessen in den Niederungen des Amateurbereichs unterwegs. Gab es Phasen in Ihrer Jugend, in denen Sie selbst nicht mehr an die große Karriere geglaubt haben?
Im Nachhinein war es genau die richtige Entscheidung, zunächst in einer Amateurmannschaft zu spielen – wobei das ja manchmal auch keine Entscheidung ist, die man selbst trifft, sondern die für einen getroffen wird. Aber in diesem Fall war es total gut, denn es gab keinen Erfolgsdruck und ich konnte mich in aller Ruhe entwickeln. Ich wusste immer, dass ich Profi werden wollte und habe deshalb hart an mir gearbeitet, um mich behaupten zu können. Ich habe mir nie Fragen gestellt, wie es gerade läuft, sondern mich immer in die Arbeit gestürzt. Das mache ich heute noch so. Als ich dann 16 Jahre alt war, habe ich auch in Erwachsenenmannschaften gespielt, was mich richtig vorangebracht hat, denn als ich später in der U21-Auswahl des Kantons Waadt aufgetaucht bin, konnte ich mich körperlich auf Anhieb behaupten. Teilweise war ich den anderen Spielern physisch total überlegen.
Und wie oft haben Ihnen andere Menschen gesagt, dass Sie es nicht schaffen werden?
Das ist tatsächlich mein ganzes Leben lang so gewesen. In der Schule und auch sonst überall haben mir die Leute gesagt, dass ich mit dem Fußball nie Erfolg haben werde. Es gab nur sehr wenige Leute, die wirklich Hoffnung in mich gesetzt haben. Inzwischen kann ich sagen: Das hat mich alles stark gemacht. Deswegen bin ich den ganzen Menschen inzwischen sogar dankbar, dass sie nicht an mich geglaubt haben. Ich wollte unbedingt unter Beweis stellen, dass es doch klappen kann – und so ist es dann auch gekommen. (lächelt) Ich will damit auch ein Vorbild für andere Kinder sein, die ebenfalls nicht direkt bei einem großen Verein landen, aber den Traum haben, Profi zu werden. Das Wichtigste ist, dass man an sich selbst glaubt und hart arbeitet.
Lautet Ihr Leitspruch deshalb „Ils croyaient que!“, (Sie glaubten, dass…), der ein Markenzeichen geworden ist, mit dem Sie jubeln und der jetzt auch auf Ihren Schienbeinschonern steht?
Ganz genau. Das ist ein Satz, der nach einem Gespräch mit Freunden hängengeblieben ist. Deshalb habe ich ihn zu meinem Motto gemacht. Dieser Satz macht mich stark und wird mich ganz sicher bis zum Ende meiner Karriere begleiten. Und ich bin damit nicht allein, denn es gibt sicherlich ganz viele Menschen, die an diesen Satz denken könnten.
So könnte die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen den FC St. Pauli aussehen!
Werder Bremens Cameron Puertas im Interview: „Ich fühle mich als spanischer Schweizer oder schweizerischer Spanier, ganz wie man möchte“
Im Januar 2022 sind Sie nach Belgien gewechselt, seither ging es steil bergauf. Konnten Sie genießen, was in den vergangenen dreieinhalb Jahren passiert ist?
Diese Zeit hat mir sehr gutgetan. Ich bin in Lausanne aufgewachsen, dort vorher im Grunde mein Leben lang gewesen. Mit dem Wechsel nach Belgien habe ich dieses vertraute Umfeld verlassen und auf allen Ebenen komplett neue Erfahrungen gemacht. Ich war das erste Mal allein, ohne die Familie, zudem in einem komplett neuen Land. Im Grunde habe ich ein völlig neues Leben begonnen. Sportlich musste ich mir obendrein alles neu erkämpfen, mich neu beweisen. Das war eine unglaubliche Erfahrung, auch wenn es natürlich mal Tiefen und nicht nur Höhen gab. Aber ich bin dadurch reifer geworden und würde mich als einen neuen, besseren Menschen bezeichnen.
Sie sind in Lausanne als Kind spanischer Eltern geboren worden. Wann waren Sie in Ihrer Kindheit „der Schweizer“ und wann „der Spanier“?
Bevor ich Profi geworden bin, war ich „der Spanier“, danach wurde ich „der Schweizer“. (grinst) Ich bin zwar spanisch aufgewachsen, aber die Schweiz hat mir alles ermöglicht, um der zu sein, der ich jetzt bin. Dafür bin ich unheimlich dankbar. Deshalb liegt die Quote wahrscheinlich bei 50:50 – ich fühle mich als spanischer Schweizer oder schweizerischer Spanier, ganz wie man möchte.
Wie sehr tut es dann weh, dass Sie aufgrund eines Verkehrsdelikts aus vergangenen Tagen, als Ihnen der Führerschein entzogen worden war und Sie dann einen Tag zu früh mit einem Scooter unterwegs waren, noch immer wegen eines fehlenden Passes nicht für die Schweiz spielen können? Wie sehr bereuen Sie, was Sie damals gemacht haben?
Diese Sache gehört einfach zu meinem Leben dazu. Ich ärgere mich jedenfalls nicht ganz speziell darüber. Es passt irgendwie auch ganz gut zum Rest meiner Karriere und zu dem, was mich in dieser Zeit alles ausgezeichnet hat. Ich schaue positiv nach vorne und beschäftige mich lieber nicht zu sehr damit, was früher hätte besser laufen können.
Aus der Schweiz war zuletzt zu hören, dass es noch 2025 mit der Ausstellung des Passes klappen soll. Sind Sie auch so zuversichtlich?
Ich denke einfach gar nichts mehr. (lacht) Ich warte einfach nur noch auf den Tag, an dem ich diesen Pass bekomme. Und dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt. (mbü)
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