Offensive im Fokus

Werders Suche nach dem echten Knipser: Trotz gewonnener Variabilität fehlt weiter die Konstante im Angriff

Der SV Werder Bremen rotiert viel im Angriff. Die Variabilität ist neu, doch ein echter Knipser fehlt weiterhin. Was das für das Offensivspiel bedeutet.

Bremen – Die Trainingseinheit am Dienstagvormittag war gerade erst seit wenigen Sekunden beendet, da standen für Victor Boniface noch einige zusätzliche Sprinteinheiten auf dem Plan. Unter Aufsicht von Athletiktrainer Günther Stoxreiter spulte der Angreifer insgesamt acht Bahnen à 90 Meter ab. Das Ziel ist klar: Der nigerianische Nationalspieler soll endlich auf das Fitnesslevel kommen, das ihn befähigt, dem SV Werder Bremen nicht mehr nur sporadisch von der Bank, sondern bald auch als Startelfspieler zu helfen. Denn trotz bereits elf erzielter Saisontore ist nach den ersten sieben Spielen deutlich geworden: Bei Werder fehlt weiterhin der echte Knipser im Angriff – ungeachtet aller neu gewonnener Variabilität.

Bezeichnend dafür ist, dass – trotz Verletzungspause zu Saisonbeginn – erneut Mittelfeldspieler Jens Stage aktuell mit zwei Treffern geteilt bester Werder-Torschütze ist – wie schon in der Vorsaison. Ebenfalls auf zwei Saisontore kommen bislang Neuzugang Samuel Mbangula, Justin Njinmah und Romano Schmid (durch zwei Elfmetertore). Alle drei haben jedoch schon deutlich mehr Einsatzminuten absolviert als Stage. Die beiden nominellen Mittelstürmer Keke Topp und Victor Boniface warten hingegen in dieser Spielzeit noch auf ihr erstes Erfolgserlebnis. Auch das ist ein Grund dafür, weshalb in der Offensive zuletzt viel rotiert wurde – in den vergangenen beiden Partien besetzte etwa Schmid als eine Art „falsche Neun“ die zentrale Angriffsposition. „In Elversberg hat Horst auch nicht immer mit einem klassischen Mittelstürmer gespielt“, sagt Werder Bremens Leiter Profifußball Peter Niemeyer im Gespräch mit der DeichStube. „Klar ist aber auch, dass wir in unserem Spiel eben auch mal einen richtigen Mittelstürmer benötigen. Wir haben mit Keke und Victor zwei davon in unserem Kader und hoffen, dass bei beiden nun die nächsten Schritte folgen.“

Marco Grüll (v.l.), Romano Schmid und Victor Boniface spielen immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen im Sturm des SV Werder Bremen. Konstanz fehlt noch - ein Knipser auch.

Werder Bremen setzt offensiv auf Variabilität, aber Stabilität und ein funktionierender Mittelstürmer fehlen bisher

Eine dauerhafte Lösung ist die Idee mit Schmid als Stoßstürmer also nicht – auch wenn der Österreicher beim 2:2 in Heidenheim erstmals in seiner Zeit bei Werder Bremen zwei Treffer in einem Spiel vorbereitete. Bei den Grün-Weißen versucht man weiterhin, sowohl Topp als auch Boniface auf ein Niveau zu bringen, das sie für Startelfeinsätze qualifiziert. Noch ist das allerdings nicht unmittelbar in Sicht: Boniface wirkt trotz Ernährungsberatung und Zusatzläufen im Training weiterhin nicht bei voller Fitness, während Topp zuletzt Spielpraxis bei der U23 sammelte, aber unter anderem aufgrund der unzureichenden Auftritte in der Vorbereitung unter Steffen aktuell keine große Rolle spielt. Und so muss Werder offensiv weiter erfinderisch bleiben.

Dabei hatte man bei der Kaderzusammenstellung vor der Saison gezielt auf Variabilität und Flexibilität gesetzt – auf Spieler, die mehrere Positionen bekleiden können. Was zunächst wie ein Vorteil klingt, da dadurch die Bremer weniger ausrechenbar erscheinen, macht das Offensivspiel aber auch unruhiger. „Zuletzt konnte sich – auch aufgrund vieler Verletzungen – keine Stabilität in der Formation entwickeln“, erklärt Niemeyer. „Horst ist aber trotzdem sehr wichtig, dass wir feste Abläufe haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Jungs die Qualität haben, auf mehreren Positionen spielen zu können. Die daraus entstehende Variabilität in unserem Spiel sehe ich als durchweg positiv an.“

Werder Bremen braucht Variabilität, solange ein Knipser fehlt - Welche Position spielt künftig Marco Grüll?

Zwar gehören die ständigen Umstellungen aufgrund von Verletzungen zur Wahrheit dazu – weshalb sich bislang keine eingespielte Elf bilden konnte –, doch zuletzt betrafen diese eher die Defensive. In der Offensive waren es vor allem Formschwankungen, die personelle Wechsel nötig machten. Ein Beispiel: Marco Grüll, der in Heidenheim nach zuvor zwei Spielen auf der Bank in die Startelf des SV Werder Bremen zurückkehrte und prompt sein erstes Saisontor erzielte. „Wir freuen uns, dass Marco jetzt auch seinen Torerfolg feiern konnte. Es zeichnet ihn aus, dass er immer sehr viel für die Mannschaft arbeitet“, lobt Niemeyer den Österreicher. Auch Cheftrainer Horst Steffen gilt als großer Fan der intensiven Spielweise Grülls, hatte aber bei den Spielen gegen Bayern München (0:4) und St. Pauli (1:0) auf ihn in der Startelf verzichtet – unter anderem, weil er zu Saisonbeginn als zentraler Stürmer einige gute Chancen ausgelassen hatte. „Im Abschluss hatte er in den ersten Spielen nicht das letzte Quäntchen Glück auf seiner Seite. Daher ist es umso schöner, dass er sich jetzt für seine harte Arbeit endlich belohnen konnte“, betont Niemeyer und ergänzt: „Das wird ihm sicherlich auch noch einmal einen Motivationsschub geben.“

Gut möglich also, dass Grüll, der in Kürze erstmals Vater wird, am Freitagabend im Heimspiel gegen Union Berlin (20.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) erneut in der Startelf steht. Auf welcher Position, bleibt offen: In Heidenheim startete er etwas überraschend auf der rechten Außenbahn, rückte im Spielverlauf aber zunehmend ins Zentrum. Es ist genau diese Art von Variabilität, die Werder Bremen offensiv anstrebt – aktuell aber eben auch braucht, solange der echte Strafraumstürmer noch fehlt. (bvo)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Jan Huebner, IMAGO / kolbert-press, IMAGO / Eibner

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