Ein Jahr Merz

Die Ideen des Merz: Die Wahlversprechen-Bilanz nach einem Jahr

Merz versprach die Wirtschaftswende – ein Jahr später ist die Bilanz mager. Die Unzufriedenheit mit seiner Regierung erreicht Rekordwerte. Was wurde aus den großen Versprechen?

Er wollte die oberste Stelle des Landes – ohne jede vorherige Regierungserfahrung. Im Mai 2025 schaffte Friedrich Merz die Wahl zum Bundeskanzler durch die eigenen Bundestagsabgeordneten nur im zweiten Wahlgang. Mit 28,6 Prozent war die CDU bei der Bundestagswahl vor einem Jahr stärkste Kraft geworden, die AfD mit 20,8 Prozent zweitstärkste. Und die SPD avancierte mit 16,4 Prozent zum neuen Koalitionspartner. Das Versprechen der „Wirtschaftswende“ war das zentrale Wahlkampfmotiv – laut einer Umfrage von Infratest Dimap machten 31 Prozent der CDU/CSU-Wähler ihr Kreuz genau deshalb bei der Union, der mit Abstand höchste Wert. Heute, ein Jahr später, ist die Stimmung alles andere als euphorisch – sie ist schlecht. Merz will, dass die Bevölkerung mehr arbeitet. Das stößt auf und spiegelt sich auch in der Stimmung der Gesellschaft wider.

Laut einer Erhebung des Instituts Insa für die Bild am Sonntag Anfang Januar 2026 äußerten sich 71 Prozent der Befragten unzufrieden mit der schwarz-roten Regierung – zwei Prozentpunkte mehr als bei der vorherigen Befragung im Dezember. Dem stehen lediglich 22 Prozent Zufriedene gegenüber. Auch Bundeskanzler Merz persönlich erhält mehrheitlich negative Bewertungen: 67 Prozent sind laut dem Vorabbericht der Bild am Sonntag mit seiner Arbeit unzufrieden, nur 24 Prozent zeigen sich zufrieden. Skandale wie die Masken-Affäre um Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn tragen ihren Teil dazu bei.

Schuldenbremse gebrochen: Das offensichtlichste Eigentor

Grund für die schlechte Stimmung ist aber nicht nur das Wettern gegen den Krankenstand und die angebliche mangelnde Emsigkeit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, sondern auch die Kehrtwende bei so manchem Wahlversprechen. Allen voran der Bruch mit der Schuldenbremse und der damit verbundenen Grundgesetzänderung. In den sozialen Medien wird Merz, der den Fokus gerne auf die internationale Bühne setzt und sich als Außenkanzler profiliert, scharf als „Lügen-Kanzler“ betitelt. Die CDU kritisierte die Schulden und fehlende Haushaltsdisziplin unter der Ampel – die Schuldenbremsen-Aufweichung ist da noch das offensichtlichste Eigentor.

Im Wahlkampf hatte der CDU-Chef versprochen, nicht an ihr zu rütteln – kurz nach der Wahl legte er ein historisches Schuldenpaket auf und änderte das Grundgesetz. Besonders das Sondervermögen für Infrastruktur steht derzeit in der Kritik: Merz und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) wird vorgeworfen, damit Haushaltslöcher zu stopfen, indem Investitionen aus dem Kernhaushalt dorthin verschoben werden – und so Platz für Konsumausgaben wie die Mütterrente oder die Agrardiesel-Subvention geschaffen wird. Hinzu kommt, dass Merz mit dem Deutschlandfonds und der Forderung nach 3,5 Prozent Rüstungsausgaben faktisch Konzepte seines einstigen Gegners Robert Habeck (Grüne) übernommen hat.

Ein Jahr unter CDU-Kanzler Friedrich Merz: Das Zeugnis fällt ernüchternd aus, die Wirtschaftswende ist bislang ausgeblieben.

Das Ausbleiben der Wirtschaftswende unter CDU-Kanzler Merz: Wachstum ja, aber nicht selbsttragend

Die deutsche Wirtschaft wächst nach drei Jahren Stagnation zwar wieder – das Bruttoinlandsprodukt soll im laufenden Jahr um ein Prozent zulegen, so die Prognose der Bundesregierung. Tatsächlich gehen zwei Drittel der Wachstumsprognose für 2026 auf erhöhte Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur zurück, die mit Rekordschulden finanziert werden. Das verbleibende Drittel erklärt sich durch einen reinen Kalendereffekt: Da in diesem Jahr mehrere Feiertage auf Wochenenden fallen, arbeiten die Deutschen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) rund zwei Tage mehr als im Vorjahr.

Das Potenzialwachstum – also das, was die Volkswirtschaft aus eigener Kraft leisten kann – wurde vom Wirtschaftsministerium zuletzt nach unten korrigiert: Es liegt bis Ende des Jahrzehnts bei lediglich 0,5 bis 0,6 Prozent jährlich.

Bürokratieabbau und Steuern: Versprochen, kaum geliefert

Die Regierung hatte das Ziel ausgegeben, die Bürokratiekosten für die Wirtschaft in der Legislaturperiode um 25 Prozent zu senken. Bisher wurden lediglich drei Milliarden Euro an Entlastungen angekündigt – beschlossen ist davon erst ein Bruchteil. Das Lieferkettengesetz wollte Schwarz-Rot „abschaffen“ – letztlich wurden nur die Berichtspflichten gestrichen, das Gesetz selbst gilt weiter.

Bei der Steuer sieht es ähnlich aus: Die deutschen Unternehmen tragen mit rund 30 Prozent eine Steuerlast im oberen Drittel der OECD-Staaten. Merz konnte sein Versprechen, die Belastung sofort zu senken, nicht einlösen. Stattdessen gelten zunächst vergünstigte Abschreibungsregeln – die Körperschaftssteuer soll erst ab 2028 Jahr für Jahr fallen. Auch die versprochenen Einkommenssteuersenkungen für kleine und mittlere Einkommen stehen auf wackeligem Fundament: In der Finanzplanung klafft für die Jahre 2027 bis 2029 eine Lücke von rund 172 Milliarden Euro.

CDU-Haushaltssprecher Christian Haase räumte im September 2025 gegenüber der Tagesschau ein: „Es wird um einen Betrag gehen, der deutlich über 170 Milliarden Euro liegen wird und erbracht werden muss.“ Tobias Hentze, Steuerexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), nennt die Steuerpläne schlicht eine „Phantomdiskussion“. Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet vor: Eine Glättung des sogenannten „Mittelstandsbauchs“ würde das Steueraufkommen um „fast 50 Milliarden Euro im Jahr“ sinken lassen. Da Merz Erhöhungen bei Spitzen- und Reichensteuersätzen kategorisch ausschließt, fehlt jede Gegenfinanzierung.

Energie und Industrie: Halbherzige Antworten auf hohe Kosten

Die im internationalen Vergleich hohen Stromkosten in Deutschland stellen vor allem die energieintensive Industrie vor Probleme. Die Regierung senkt die Stromsteuer und die Netzentgelte und führt einen Industriestrompreis ein – den Merz als Oppositionsführer noch abgelehnt, dann aber im Wahlkampf versprochen hatte. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts 2026, man müsse „entschlossen und mutig“ Reformen umsetzen: „Wir müssen auf selbsttragendes Wirtschaftswachstum kommen“, zitiert sie die Wochenzeitung Das Parlament Ende Januar. Doch Ifo-Präsident Fuest warnt: „Eine mit Steuergeldern finanzierte Strompreissenkung für die Industrie ist keine Senkung der echten Energiekosten.“ Er fordert stattdessen „mehr marktwirtschaftliche Steuerung im Energiesystem“.

Abschied vom Bürgergeld: 20 Jahre SGB II – von Hartz IV bis zur Grundsicherung

Hartz-IV-Sanktionen vor Bundesverfassungsgericht
Die Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) ist Deutschlands wichtigstes Sozialleistungssystem. Sie sichert das Existenzminimum für erwerbsfähige Menschen zwischen 15 und 67 Jahren, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten können. Nicht Erwerbsfähige beziehen weiterhin vorbehaltlos Sozialhilfe. Drei Namen, ein System: 2005 bis 2022: Arbeitslosengeld II („Hartz IV“), 2023 bis 2025: Bürgergeld, ab 2026: „Neue Grundsicherung“ (geplant). © Sebastian Gollnow/dpa
Olaf Scholz wirft seine Stimmkarte zum Bürgergeld im Bundestag ein.
Wer hat Anspruch? Erwerbsfähige Personen mit gewöhnlichem Aufenthalt in Deutschland, die hilfebedürftig sind. Hilfebedürftig bedeutet: Das eigene Einkommen und Vermögen sowie das der Bedarfsgemeinschaft reicht nicht für den Lebensunterhalt. Was ist eine Bedarfsgemeinschaft? Alle Personen, die in einem Haushalt leben und füreinander einstehen müssen: Ehepartner, eingetragene Lebenspartner, unverheiratete Paare (ab einem Jahr Zusammenleben) und deren minderjährige Kinder.  © Michael Kappeler/dpa
CDU will Umbau des Bürgergelds zur "Neuen Grundsicherung"
Warum die ständigen Reformen? Das Grundsicherungssystem steht im Spannungsfeld zwischen sozialer Sicherheit und Arbeitsanreizen. Jede Regierung justiert neu: Mehr Vertrauen oder mehr Kontrolle? Höhere Leistungen oder schärfere Sanktionen? Die Namen ändern sich, die Grundfragen bleiben. © Michael Kappeler/dpa
Peter Hartz
Der Start fällt auf das Jahr 2002: Zu diesem Zeitpunkt will die rot-grüne Bundesregierung den deutschen Arbeitsmarkt reformieren. VW-Personalvorstand Peter Hartz leitet die Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“. Sein Auftrag: die Arbeitslosigkeit zu halbieren. Die 15-köpfige Expertengruppe entwickelt vier Reformgesetze, die das deutsche Sozialsystem grundlegend verändern sollen. Kernidee: Fördern und Fordern statt passiver Alimentierung. Arbeitslose sollen schneller in Jobs vermittelt werden. © Bernd Settnik/dpa
Gerhard Schröder
Am 14. März 2003 verkündet Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bundestag die Agenda 2010: „Wir werden Leistungen kürzen, Eigenverantwortung fördern.“ Die Regierung will Deutschland damit aus der Wirtschaftskrise führen. Die 90-minütige Rede leitet den größten Sozialstaatsumbau seit 1949 ein. Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sollen zusammengelegt werden. Die SPD-Basis protestiert heftig. © Wolfgang Kumm/dpa
Schlangen in Agentur für Arbeit
Am 1. Januar 2005 startet Hartz IV. Das Arbeitslosengeld II muss von 4,98 Millionen betroffenen Menschen neu beantragt werden. Regelsatz: 345 Euro West, 331 Euro Ost. Revolutionär dabei: Vermögen wird angerechnet, Partner müssen füreinander einstehen. Neue Jobcenter entstehen. Ziel ist die schnellere Vermittlung in Arbeit. Sanktionen sind bei Pflichtverletzungen möglich. Deutschland wird zum Niedriglohnland. © Waltraud Grubitzsch/dpa
Anegla Merkel
CDU-Chefin Angela Merkel unterstützt Hartz IV grundsätzlich, kritisiert aber die chaotische Umsetzung durch Rot-Grün. Software funktioniert nicht, Bankdaten fehlen. Merkel fordert: Die Reform muss weitergehen. Als Kanzlerin wird sie später selbst an Hartz IV festhalten und nur kleine Korrekturen vornehmen. © Metodi Popow/Imago
Arbeitsagentur in Koblenz
Hartz IV startet chaotisch. Software-Probleme legen Jobcenter lahm. Millionen Bescheide sind fehlerhaft. Kommunen und Arbeitsagenturen streiten um Zuständigkeiten. Betroffene warten monatelang auf Geld. Die Opposition spricht von „Staatsversagen“. Doch allen Pannen zum Trotz: Das System etabliert sich. Die Arbeitslosenzahlen sinken langsam, Kritik an prekären Jobs wächst. © Thomas Frey/Imago
Ursual von der leyen
Im Jahr 2009 übernimmt Ursula von der Leyen als Arbeitsministerin. Die CDU-Politikerin reformiert die Jobcenter-Struktur und führt ein Bildungspaket für Hartz-IV-Kinder ein. Sie plant die Umbenennung in „Basisgeld“ – scheitert damit aber. Von der Leyen verschärft Sanktionen für unter 25-Jährige und schränkt Ein-Euro-Jobs ein. Ihre Bilanz: Weniger Arbeitslose, aber mehr Aufstocker und Leiharbeiter. Hartz IV wird zum Dauerzustand für Millionen. © Wolfgang Kumm/dpa
Bundesarbeitsministerin Nahles stellt Mindestlohn-Hotline vor
SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles führt 2014 den gesetzlichen Mindestlohn (8,50 Euro) ein. Sie begrenzt Leiharbeit auf 18 Monate, stärkt Betriebsräte und schafft sozialen Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose. Ihr größter Erfolg: Die Arbeitslosigkeit sinkt auf ein Rekordtief. Hartz IV wird aber nicht grundsätzlich reformiert. © Bernd Wüstneck/dpa
Bundesverfassungsgericht urteilt zu Hartz-IV-Sanktionen
Am 5. November 2019 erklärt Karlsruhe Hartz-IV-Sanktionen über 30 Prozent für verfassungswidrig. Die Menschenwürde setzt hier Grenzen: Nach Ansicht des Gerichts muss das Existenzminimum gewahrt bleiben, die totale Streichung bei unter 25-Jährigen ist unzulässig. Das Urteil zwingt die Politik zum Handeln. Sanktionen werden begrenzt, aber nicht abgeschafft. Das Urteil bereitet den Weg für späteres Bürgergeld mit weniger Strafen. © Uli Deck/dpa
Bundestag beschließt Lohnzuschüsse für Langzeitarbeitslose
Am 1. Januar 2019 tritt das Teilhabechancengesetz in Kraft. Ein neuer „sozialer Arbeitsmarkt“ für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose entsteht. Der Staat finanziert 100.000 Arbeitsplätze bei Kommunen und Vereinen. Die Teilnehmenden erhalten Mindestlohn statt Hartz IV. Das Programm läuft fünf Jahre und wird später entfristet. Das Gesetz schaffe Konkurrenz zu regulären Jobs, meinen Kritiker. Befürworter sagen: Würde statt Abstempelung für Betroffene. © Marijan Murat/dpa
Coronavirus – Arbeitsmarkt
Im Jahr 2020 setzt die Bundesregierung die Hartz-IV-Sanktionen bis zum Jahresende aus. Die Corona-Pandemie macht eine Jobsuche unmöglich. Es gibt einen vereinfachten Zugang: Die Vermögensprüfung entfällt temporär. Mieten werden ohne Angemessenheitsprüfung übernommen. Die Maßnahme bereitet das Bürgergeld vor. SPD, Grüne und FDP planen die größte Sozialreform seit 20 Jahren. Es ist ein Paradigmenwechsel: Vertrauen statt Misstrauen. © Julian Stratenschulte/dpa
Bundesarbeitsminister Heil zu Bürgergeld
SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil präsentiert am 20. Juli 2022 den Hartz-IV-Nachfolger. Das Bürgergeld bringt höhere Regelsätze, weniger Sanktionen, mehr Weiterbildung. Das Schonvermögen steigt auf 60.000 Euro. Zwei Jahre gibt es keine Wohnungsprüfung, der Weiterbildungsbonus beträgt 150 Euro monatlich. Das Ziel: Qualifizierung statt Aushilfsjobs. Die Opposition kritisiert ein „bedingungsloses Grundeinkommen durch die Hintertür“. © Christoph Soeder/dpa
Sommer-Pressekonferenz Bundeskanzler Scholz
Bei der alljährlichen Sommerpressekonferenz im August 2022 sichert Olaf Scholz das Bürgergeld zu. Der Kanzler verspricht die Einführung zum 1. Januar 2023: „Die Bürgergeldreform wird definitiv in Kraft gesetzt.“ Daran ändert auch der FDP-Widerstand in der Ampel nichts. Scholz betont: mehr Respekt für Menschen ohne Arbeit, Ende der „Hartz-IV-Mentalität“. Das Bürgergeld soll Sprungbrett sein, nicht Hängematte. Die Union kündigt eine Blockade im Bundesrat an. © Kay Nietfeld/dpa
Bundesarbeitsminister besucht Jobcenter
Am 14. September 2022 beschließt die Bundesregierung den Gesetzentwurf für 5,5 Millionen Leistungsbezieher. Der Regelsatz steigt von 449 auf 502 Euro – die größte Erhöhung seit der Einführung von Hartz IV. Sanktionen werden entsprechend der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts stark begrenzt: maximal 30 Prozent Kürzung, nur bei wiederholter Pflichtverletzung. Die Kosten betragen 14 Milliarden Euro jährlich. Die FDP pocht auf Kompromisse bei Mitwirkungspflichten. © Annette Riedl
Bundestag
Knapp zwei Monate später bringt die Ampel-Koalition die „größte sozialpolitische Reform seit Jahren“ durch das Parlament. Die Union stimmt geschlossen dagegen und kündigt erneut eine Blockade im Bundesrat an. Die SPD feiert einen „historischen Tag.“ Die Grünen sprechen von einem „Paradigmenwechsel“. Die FDP betont „Arbeitsanreize.“ Das Bürgergeld soll das Hartz-IV-Stigma beenden und Integration fördern. © Michael Kappeler/dpa
Jobcenter in Bochum Linden
Nach 18 Jahren wird am 1. Januar 2023 Hartz IV durch das Bürgergeld abgelöst. Nun heißt es: Kooperation statt Sanktionen. Der Regelsatz beträgt 502 Euro für Alleinstehende. Vermittler heißen jetzt „Integrationsfachkräfte“. Der Betreuungsschlüssel verbessert sich von 1:150 auf 1:75. Erste Bilanz nach Monaten: Weniger Sanktionen, aber auch weniger Vermittlungen in Arbeit. © Walter Fischer/dpa
Frau arbeitet am Laptop.
Am 1, Juli 2023 startet die zweite Stufe des Bürgergelds: Der Weiterbildungsbonus von 150 Euro monatlich beginnt. Qualifizierung wird höher entlohnt als Minijobs. Bürgergeld-Beziehende können zwei Jahre lang einen Berufsabschluss nachholen – ohne Leistungskürzung. Ziel ist, den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Die Arbeitgeber üben Kritik: Der Anreiz für reguläre Arbeit sinke. Erste Zahlen: 50.000 Menschen nutzen den Weiterbildungsbonus. © Imago
Heckenschnitt im Irrgarten Mosigkau
Das Teilhabechancengesetz wird durch das Bürgergeld-Gesetz zum 1. Januar 2023 entfristet. Der soziale Arbeitsmarkt wird dauerhaft. 78.000 Langzeitarbeitslose haben geförderte Jobs bei Kommunen und Vereinen. Der Staat zahlt bis zu fünf Jahre lang Lohnkostenzuschüsse. Erfolgsquote: 30 Prozent finden anschließend reguläre Arbeit. Das Programm kostet vier Milliarden Euro jährlich. Kritische Stimmen sehen eine Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Jobs. Das Gegenargument lautet: Es ist eine Alternative zu Dauerarbeitslosigkeit. © Jan Woitas/dpa
Mai-Demonstration und Kundgebung
Die Kritik hält weiter an: Union und Wirtschaft fordern härtere Sanktionen. Die Arbeitslosenzahlen steigen leicht. Der Vorwurf: Das Bürgergeld mache träge. Die Ampel plant daraufhin einen Kompromiss: Mitwirkungspflichten werden verschärft, aber Sanktionen bleiben begrenzt. Zudem entbrennt eine Diskussion um „Totalverweigerung“. Sozialverbände warnen vor einer Rückkehr zu Hartz-IV-Zeiten. Das Bürgergeld wird ab sofort zum Wahlkampfthema. © Ardan Fuessmann/Imago
Empfänger von Bürgergeld (04.10.2024)
Aktuelle Zahlen 2024: 5,6 Millionen Menschen beziehen Bürgergeld – ähnlich wie zu Hartz-IV-Zeiten. 40 Prozent sind Langzeitarbeitslose über zwei Jahre. Der Regelsatz steigt auf 563 Euro. Die Kosten betragen 50 Milliarden Euro jährlich. Die Arbeitslosigkeit steigt erstmals seit Jahren wieder. Integration in Arbeit stockt. Das Bürgergeld bleibt politisch umkämpft. © dpa-infografik GmbH
Hubertus Heil (SPD)
Anfang 2025 fällt die Bilanz nach zwei Jahren Bürgergeld gemischt aus. Es gibt weniger Sanktionen (minus 80 Prozent), aber auch weniger Vermittlungen. Die Weiterbildungsquote steigt um 30 Prozent. Pro der Befürworter: Die Menschenwürde werde gewahrt. Kontra der Kritiker: Das System sei zu großzügig. Der Arbeitsmarkt schwächelt wegen einer Rezession. Das Bürgergeld wird zum Hauptstreitpunkt im Wahlkampf.  © Matthias Bein/dpa
CDU-Chef Friedrich Merz
Friedrich Merz kündigt im Oktober 2025 das Ende des Bürgergelds an. Der Bundeskanzler verkündet nach der schwarz-roten Einigung: „Das Bürgergeld ist Geschichte.“ Durch eine neue Grundsicherung solle sich „Leistung wieder lohnen“. Sanktionen werden verschärft, ein Totalentzug bei Arbeitsverweigerung ist möglich. Das Schonvermögen sinkt auf 15.000 Euro. Die Karenzzeit wird abgeschafft. Die SPD stimmt zu – gegen den Widerstand der Basis. Zum dritten Mal in 20 Jahren kommt es zum Systemwechsel. © Kay Nietfeld/dpa
Bärbel Bas
SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigt schließlich den Gesetzentwurf für eine „neue Grundsicherung“ an. Nun wird ein vollständiger Leistungsentzug bei wiederholter Totalverweigerung möglich. Mitwirkungspflichten werden „verbindlicher geregelt“. Der Weiterbildungsbonus bleibt erhalten. „Balance zwischen Fördern und Fordern“, sagt Bas. Die Gewerkschaften protestieren, Sozialverbände sprechen von einem „Rückfall in Hartz-IV-Zeiten“. Der Bundestag soll im Frühjahr 2026 entscheiden. © Harald Tittel/dpa

Innovationen und Infrastruktur: Geld vorhanden, Strukturen nicht

Mit dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen hält der Staat so viele Mittel in der Hand wie nie zuvor – die Bundesinvestitionen sollen 2026 um 20 Milliarden auf 118 Milliarden Euro steigen. Doch Geld allein löst das strukturelle Problem nicht: Brücken, Straßen und Schienen sind in Deutschland oft nicht aus finanziellen Gründen marode, sondern weil Planungs- und Genehmigungsverfahren zu lange dauern. Ähnlich widersprüchlich ist die Lage bei Innovationen: Merz hatte im Wahlkampf ein „Ende der Subventionitis“ versprochen – tatsächlich steigen die Subventionen des Bundes im laufenden Jahr laut Regierungsangaben auf 77,8 Milliarden Euro, 33 Milliarden mehr als 2023.

Die Abschottung durch US-Präsident Donald Trump und die Abkehr vom Exportmarkt China stellen die deutsche Wirtschaft zudem vor erhebliche Herausforderungen. Die Bundesregierung arbeitet an neuen Handelsabkommen, etwa mit den Mercosur-Staaten und Indien. Ob die Regierung damit eine tragfähige industriepolitische Antwort auf die geopolitischen Herausforderungen durch Trump-Zölle und den Rückzug aus dem China-Geschäft liefert, bezweifeln Ökonomen – darunter IMK-Direktor Sebastian Dullien.

Beim CDU-Parteitag in Stuttgart räumte Merz selbst ein, er habe zu hohe Ziele gesetzt, als er ins Amt kam. Doch das Zeitfenster für echte Reformen im Superwahljahr 2026 – zwischen den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz im März und der Sommerpause – ist eng. Danach dürfte der politische Druck durch weitere Landtagswahlen, etwa in Sachsen-Anhalt, den Spielraum erneut verengen. (ls)

Rubriklistenbild: © LNJS

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die 15 schönsten Badeseen in Niedersachsen – Urlaubsfeeling garantiert!

Die 15 schönsten Badeseen in Niedersachsen – Urlaubsfeeling garantiert!

13 Kräuter für Sonne und (Halb-)Schatten

13 Kräuter für Sonne und (Halb-)Schatten

Himmelsspektakel mit Vanillekipferl

Himmelsspektakel mit Vanillekipferl

Das sind die 12 größten Unternehmen aus Bayern

Das sind die 12 größten Unternehmen aus Bayern

Kommentare